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war, den die Einbildungskraft sich denken konnte, und wo er statt des Detail, vor dem er sich scheute, lauter grosse massen vor sich fand, deren Darstellung man denn für die eigentlich erhabene Poesie hält und wozu die unberufenen jungen Dichter immer weit mehr Lust haben als zu dem, was dem Menschen naheliegt; denn in dies letztere muss freilich ihr Genie die Erhabenheit erst hereintragen, welche sie in jenem schon vor sich zu finden glauben.

Reisers äussere Lage wurde hiebei mit jedem Tage drückender, weil die gehoffte Unterstützung aus Hannover nicht erfolgte und seine Hausleute ihn immer mehr mit scheelen Blicken ansahen, je mehr sie inne wurden, dass er weder Geld besitze noch welches zu hoffen habe. Sein Frühstück und Abendbrot, was er hier genoss, war er nicht mehr imstande zu bezahlen, und man liess ihm deutlich merken, dass man nicht länger willens sei, ihm zu borgen; da man also keinen Nutzen von ihm ziehen konnte und er überdem ein trauriger Gesellschafter war, so war es natürlich, dass man seiner los zu sein wünschte und ihm die wohnung aufkündigte.

So wenig auffallend dies nun an sich war, so tragisch nahm es Reiser. Der Gedanke des Lästigseins und dass er von den Leuten, unter denen er lebte, gleichsam nur geduldet würde, machte ihm wiederum seine eigene Existenz verhasst. Alle Erinnerungen aus seiner Jugend und Kindheit drängten sich zusammen. Er häufte selber alle Schmach auf sich und wollte verzweiflungsvoll sich einem blinden Schicksal aufs neue überlassen.

Er wollte noch an diesem Tage wieder aus Erfurt gehen, und tausenderlei romanhafte Ideen durchkreuzten sich in seinem kopf, worunter eine ihm besonders reizend schien, dass er in Weimar bei dem Verfasser von Werters Leiden wollte Bedienter zu werden suchen, es sei unter welchen Bedingungen es wolle; dass er auf die Art gleichsam unerkannter Weise so nahe um die person desjenigen sein würde, der unter allen Menschen auf Erden den stärksten Eindruck auf sein Gemüt gemacht hatte; er ging vors Tor und blickte nach dem Ettersberge hinüber, der wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinen Wünschen lag.

Nun ging er zu Froriep, um Abschied von ihm zu nehmen, ohne ihm eine eigentliche Ursache sagen zu können, weswegen er Erfurt wieder verlassen wolle. Der Doktor Froriep schob diesen Entschluss auf seine Melancholie, redete ihm zu, dass er bleiben solle, und entliess ihn nicht eher, bis Reiser ihm versprochen hatte, wenigstens heute und morgen noch nicht abzureisen.

Diese Teilnehmung an seinem Schicksale war nun zwar für Reisern wieder sehr schmeichelhaft; sobald er sich aber wieder allein fand, verfolgte der Gedanke des Lästigseins in seiner nächsten Umgebung ihn wie ein quälender Geist, er hatte nirgends Ruhe noch Rast, streifte in den einsamsten Gegenden von Erfurt umher, in der Gegend des Kartäuserklosters, wohin er sich nun im Ernst wie nach einem sichern Zufluchtsorte sehnte und wehmütig nach den stillen Mauern hinüberblickte.

Dann irrte er weiter umher, bis es Abend wurde, wo der Himmel sich mit Wolken überzog und ein starker Regen fiel, der ihn bald bis auf die Haut durchnetzte. Der Fieberfrost, welcher sich nun zu den inneren Unruhen seines Gemüts gesellte, trieb ihn in Sturm und Regen umher bei altem Gemäuer und durch einsame öde Strassen; denn in seine bisherige wohnung zurückzukehren, davon konnte er den Gedanken nicht ertragen.

Er stieg die hohe Treppe zu dem alten Dom hinauf, band sich ein Tuch um den Kopf und suchte sich unter altem Gemäuer eine Weile vor dem Regen zu schützen. Vor Müdigkeit fiel er hier in eine Art von betäubendem Schlummer, aus dem er durch einen neuen Regenguss und durch das Getöse des Windes wieder erweckt wurde und aufs neue durch die Strassen irrte.

Indem ihm nun der Regen ins Gesicht schlug, fiel ihm die Stelle aus dem Lear ein: to shut me out, in such a night as tis! (die Türen vor mir zu verschliessen, in einer Nacht wie diese!) Und nun spielte er die Rolle des Lear in seiner eigenen Verzweiflung durch und vergass sich in dem Schicksale Lears, der, von seinen eigenen Töchtern verbannt, in der stürmischen Nacht umherirrt und die Elemente auffordert, die entsetzliche Beleidigung zu rächen.

Diese Szene hielt ihn hin, dass er sich eine Zeitlang den Zustand, worin er war, mit einer Art von Wollust dachte, bis auch dies Gefühl abgestumpft wurde und ihm nun am Ende nichts als die leere Wirklichkeit übrig blieb, welche ihn in ein lautes Hohnlächter über sich selbst ausbrechen liess.

In dieser Stimmung kehrte er wieder zu dem alten Dom zurück, der nun schon eröffnet war, und wo die Chorherren sich zur Frühmette bei Licht versammleten. Das alte gotische Gebäude, die wenigen Lichter, der Widerschein von den hohen Fenstern machten auf Reisern, der die ganze Nacht umhergeirrt war und sich hier auf eine Bank niedersetzte, einen wunderbaren Eindruck. Er war wie in einer Behausung vor dem Regen geschützt, und doch war dies keine wohnung für die Lebenden. Wer vor dem Leben selber eine Freistatt suchte, den schien dies dunkle Gewölbe einzuladen, und wer eine Nacht, wie Reiser die vergangene, durchlebt hatte, konnte wohl geneigt sein, diesem Rufe zu folgen. Reiser fühlte sich auf der Bank im Dom in eine Art von Abgeschiedenheit und Stille versetzt, die etwas unbeschreiblich Angenehmes für ihn hatte, die ihn auf einmal allen Sorgen und allem Gram entrückte und ihn das Vergangene vergessen machte. Er hatte aus dem Lete getrunken und fühlte sich in das Land des Friedens