schaudernd zu haus kehrt, auch noch eine kalte stube findet.
Ein solches Leben führte Reiser und schrieb dabei immer an seiner Abhandlung gegen die falsche Empfindsamkeit fort, wobei er denn bei seinen einsamen Spaziergängen einmal eine sonderbare Äusserung von Empfindsamkeit bei einem gemeinen Menschen bemerkte, bei dem er dieselbe am wenigsten erwartet hätte.
Er ging nämlich zwischen den Gärten von Erfurt spazieren, und da es gerade in der Pflaumenzeit war, so konnte er sich nicht entalten, von einem überhangenden Aste eine schöne reife Pflaume abzupflücken, welches der Eigentümer des Gartens bemerkte, der ihn sehr unsanft mit den Worten anfuhr, ob er wohl wisse, dass die Pflaume, die er da abgepflückt hätte, ihm einen Dukaten kosten würde.
Reiser suchte abzudingen, musste aber zugleich gestehen, dass er keinen heller Geld bei sich habe. Um nun aber den Eigentümer des Gartens wegen der geraubten Pflaume einigermassen zu befriedigen, musste er ihm sein einziges gutes Schnupftuch aus der tasche geben, dessen Verlust ihm sehr leid tat.
Als er nun traurig wegging, sah er, nachdem er nur wenige Schritte getan hatte, ein schönes Einlegemesser vor sich auf der Erde liegen; er hob es geschwind auf und rief den Gärtner wieder zurück, dem er einen Tausch antrug, ob er nicht für das gefundene Messer ihm sein Schnupftuch zurückgeben wolle?
Wie erstaunte Reiser, als nun der Gärtner, der vorher so grob gegen ihn gewesen war, ihm auf einmal um den Hals fiel und küsste und sich seine Freundschaft ausbat; weil Reiser notwendig ein Günstling der Vorsehung sein müsse, da sie ihn gerade das Messer habe finden lassen, welches niemand anders als der Gärtner selbst verloren hatte, der nun Reisern sein Schnupftuch mit Freuden wiedergab und ihn zugleich versicherte, dass sein Garten ihm zu jeder Zeit offen stände, um so viel Pflaumen, wie er wollte, zu pflükken, und dass er ihm in jeder Sache dienen würde, wo er nur könnte; denn ein so ausserordentlicher Fall sei ihm noch nicht vorgekommen.
Als Reiser im Weggehen über diesen sonderbaren Zufall nachdachte, fiel er ihm um so mehr auf, weil dies das erstemal in seinem Leben war, dass ihm ein eigentlich glückliches Ereignis begegnete, wobei mehrere Umstände sich vereinigen mussten, die sich sonst selten zu vereinigen pflegen.
Sein Glück scheinet sich in dieser Kleinigkeit gleichsam ganz erschöpft zu haben, um ihn im Grossen wieder desto mehr büssen zu lassen, was er auf keine andre Weise als durch sein Dasein verschuldet hatte.
Es war wie bei dem Landprediger von Wakefield, der einen ganz ungewöhnlich glücklichen Wurf mit den Würfeln tat, indem er mit seinem Freunde um wenige Pfennige spielte, kurz vorher, ehe er die Nachricht von dem Bankerott des Kaufmanns erhielt, durch welchen er sein ganzes Vermögen verlor.
Noch eine kleine Weile hielt das Schicksal die Demütigungen zurück, welche es Reisern zugedacht hatte, und liess ihn noch ungestört in seinem Vergnügen, das ihm nun die zweite Komödienaufführung gewährte und worin ihm drei Rollen zuteil geworden waren.
Sein sehnlichster Wunsch war doch also nun einigermassen erfüllt, ob er gleich in keiner tragischen Rolle hatte glänzen können. Und was noch mehr war, so hatte man eine Art von Zutrauen zu seinen teatralischen Einsichten, man fragte ihn um Rat, und er wurde nun durch seine Teilnehmung an der Komödie sowohl als durch seine geschriebenen Gedichte unter den Studenten noch mehr bekannt, die ihm mit Höflichkeit begegneten, welches ihm für seine Lage auf der Schule in Hannover ein angenehmer Ersatz war.
Dabei besuchte er nun fleissig die Universitätsbibliotek, wo er einen besonderen Gefallen daran fand, des Du Halde Beschreibung von China zu studieren, und sehr viele Zeit damit verschwendete.
Grade damals erschien auch: Siegwart, eine Klostergeschichte, und er las mit seinem Freunde Neries das Buch zu mehreren Malen durch, und beide taten sich bei der entsetzlichsten Langenweile Zwang an, in der einmal angefangenen Rührung alle drei Bände hindurch zu bleiben.
Am Ende hatte Reiser nichts weniger im Sinne, als die ganze geschichte in ein historisches Trauerspiel zu bringen, wozu er wirklich allerlei Entwürfe machte und die schöne Zeit damit verschwendete.
Wenn es ihm dann nicht, wie er wünschte, geraten wollte, so hatte er nach jeder vergebnen Anstrengung dieser Art die trübseligsten und widrigsten Stunden, die man sich nur denken kann. Die ganze natur und alle seine eigenen Gedanken hatten dann ihren Reiz für ihn verloren, jeder Moment war ihm drückend, und das Leben war ihm im eigentlichen verstand eine Qual.
Die Leiden der Poesie
können daher wohl in jedem Betracht eine eigene Rubrik in Reisers Leidensgeschichte ausmachen, welche seinen inneren und äussern Zustand in allen Verhältnissen darstellen sollen und wodurch dasjenige gewiss werden soll, was bei vielen Menschen ihr ganzes Leben hindurch ihnen selbst unbewusst und im Dunkeln verborgen bleibt, weil sie Scheu tragen, bis auf den Grund und die Quelle ihrer unangenehmen Empfindungen zurückzugehen.
Diese geheimen Leiden waren es, womit Reiser beinahe von seiner Kindheit an zu kämpfen hatte.
Wenn ihn der Reiz der Dichtkunst unwillkürlich anwandelte, so entstand zuerst eine wehmütige Empfindung, in seiner Seele, er dachte sich ein Etwas, worin er sich selbst verlor, wogegen alles, was er je gehört, gelesen oder gedacht hatte, sich verlor, und dessen Dasein, wenn es nun wirklich von ihm dargestellt wäre, ein bisher noch ungefühltes, unnennbares Vergnügen verursachen würde.
Nun war aber noch nicht ausgemacht, ob dies ein Trauerspiel oder eine Romanze oder ein elegisches Gedicht werden sollte; genug, es musste etwas sein