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Iffland, der im Clavigo den Beaumarchais gespielt hatte; der Sohn des Kantor Winterder Präfektus aus dem Chore, namens Ohlhorst, und ein gewisser Timäus, eines Predigers Sohn, mit dem Reiser kurz vor seinem Abschiede noch einige romantische Spaziergänge bei Hannover gemacht hatte. Nun fand Reiser eine sonderbare Art von Stolz darin, da er doch von allen diesen nachgeahmt war, dass er zuerst den Mut gehabt hatte, einen solchen Schritt zu tun.

Dann schrieb ihm Reiser in seinem überspannten Stile, dass der Dichter Hölty in Hannover gestorben sei, und schloss am Ende mit den Worten: freue dich, Dichter! weine, Mensch! – Von dem Fortgange seines Liebesromans entielt dieser Brief nur wenig.

Während dass nun Reiser mit den Rollen in der zweiten Komödie beschäftigt war, fand er einen neuen Freund in Erfurt, einen Studenten, namens Neries, aus Hamburg gebürtig, der bei dem Doktor Froriep im haus wohnte, welcher ihm eine Abschrift von Reisers Gedichte das Kartäuserkloster gezeigt und dadurch dem Verfasser auf einmal einen neuen Freund verschafft hatte.

Dies wurde nun eine Freundschaft gerade von der empfindsamen Art, wogegen Reiser eine Abhandlung zu schreiben im Begriff war.

Der junge Neries hatte wirklich ein gefühlvolles Herz, er liess sich aber auch durch den Strom hinreissen und spielte bei jeder gelegenheit den Empfindsamen, ohne es selbst zu wissen; denn er eiferte sehr oft mit Reisern gegen das Lächerliche einer affektierten Empfindsamkeitweil er aber nicht bloss vor andern empfindsam zu scheinen, sondern es für sich selber wirklich zu sein suchte, so deuchte ihm das keine Affektation mehr, sondern er trieb dies nun als eine ganz ernstafte Sache, die keinen Spott auf sich leidet, und zog Reisern allmählich mit in diesen Wirbel hinüber, der die Seele so lange hinaufschraubt, bis sie in den abgeschmacktesten Zustand gerät, den man sich denken kann.

Reisern war es schon aufmunternd, dass ungeachtet seiner dürftigen Umstände sich jemand an ihn schloss, dem es nicht an äussern Glücksgütern fehlte. – Nach und nach aber bildete sich bei ihm eine ordentliche Liebe und anhänglichkeit an den jungen Neries, welche durch dessen wahre Freundschaft für Reisern immer vermehrt wurde, so dass sie sich immer mehr auch in ihren Torheiten einander näherten und von ihrer Melancholie und Empfindsamkeit sich wechselsweise einander mitteilten.

Dies geschahe nun vorzüglich auf ihren einsamen Spaziergängen, wo sie nur gar zu oft zwischen sich und der natur eine Szene veranstalteten, indem sie etwa bei Sonnenuntergang die Jünger von Emmaus aus dem Klopstock lasen oder an einem trüben Tage Zachariäs Schöpfung der Hölle usw.

Vorzüglich lagerten sie sich oft am Abhange des Steigerwaldes, von welchem man die Stadt Erfurt mit ihren alten Türmen und ihrem ganzen Umfange von Gärten kann liegen sehen. Da hinauf gehen die Einwohner von Erfurt häufig spazieren, machen sich auch wohl oben selbst ein kleines Feuer an und kochen sich den Kaffee, um die patriarchalischen Ideen wieder zu erneuern.

Hier sassen nun auch Neries und Reiser oft Stunden lang und lasen sich aus irgendeinem Dichter wechselsweise vor; welches die meiste Zeit eine wahre Mühe und Arbeit und ein peinlicher Zustand für sie war, den sie sich aber einander nicht gestanden, um nur am Ende die idee mit sich zu nehmen: 'Wir haben am Steigerwalde freundschaftlich beieinander gesessen, haben von da in das anmutsvolle Tal hinuntergeblickt und dabei unsern Geist mit einem schönen Werke der Dichtkunst genährt.'

Wenn man erwägt, wie viele kleine Umstände sich ereignen müssen, um das Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen, so kann man sich denken, mit wie vielen kleinen Unannehmlichkeiten Neries und Reiser bei diesen empfindsamen Szenen kämpfen mussten: wie oft der Boden feucht war, die Ameisen an die Beine krochen, der Wind das Blatt verschlug usw.

Neries fand nun einen vorzüglichen Gefallen daran, Klopstocks Messiade Reisern ganz vorzulesen; bei der entsetzlichen Langenweile nun, die diese Lektüre beiden verursachte und die sie sich doch einander und jeder sich selber kaum zu gestehen wagten, hatte Neries doch noch den Vorteil des lauten Lesens, womit ihm die Zeit verging: Reiser aber war verdammt, zu hören und über das Gehörte entzückt zu sein, welches ihm mit die traurigsten Stunden in seinem Leben gemacht hat, deren er sich zu erinnern weiss, und welche ihn am meisten zurückschrecken würden, seinen Lebenslauf noch einmal von vorn wieder durchzugehen. Denn keine grössere Qual kann es wohl geben als eine gänzliche Leerheit der Seele, welche vergebens strebt, sich aus diesem Zustande herauszuarbeiten und unschuldigerweise sich selber in jedem Augenblicke die Schuld beimisst und sich selber ihres Stumpfsinns anklagt, dass sie von den erhabenen Tönen, die unaufhörlich in ihre Ohren klingen, nicht gerührt und erschüttert wird.

Ob nun gleich Neries und Reiser fast unzertrennlich beisammen waren, so sehnte sich der letztre doch wieder nach einsamen Spaziergängen, die ihm immer das reinste Vergnügen gewähret hatten; allein dies hatte er sich nun auch verleidet; denn gemeiniglich versprach er sich von einem solchen Spaziergänge zu viel und kehrte verdriesslich wieder zu haus, wenn er nicht gefunden hatte, was er suchte; sobald das Dort nun Hier wurde, hatte es auch alle seinen Reiz verloren, und der Quell der Freude war versiegt. –

Der Verdruss, der dann in die Stelle der gereizten Hoffnung trat, war von einer so groben, gemeinen und niedrigen Art, dass auch nicht der mindeste Grad von einer sanften Melancholie oder etwas dergleichen damit bestehen konnte. Es war ungefähr die Empfindung eines Menschen, der ganz vom Regen durchnässt ist, und indem er vor Frost