nicht mehr helfen konnte, weil der Quell des Glücks in ihm selber versiegt und die Blume seines Lebens zerknickt war, so dass ihre Blätter notwendig welken mussten.
Reiser fühlte sich von einer solchen Teilnehmung angezogen, als ob das Schicksal dieses Mannes sein eigenes oder mit dem seinigen doch unzertrennlich verknüpft gewesen wäre. Es war ihm, als müsste dieser Mann noch glücklich werden, wenn die Dinge in ihrem Gleise bleiben sollten.
Reisern trog aber diesmal, so wie nachher noch oft seine Ahndung und sein Glaube an eine Entschädigung für erlittenen Kummer, die notwendig noch auf Erden stattfinden müsse. – Sauer entschlummerte nach wenigen Jahren, ohne bessre Tage gesehen zu haben. Da ihn von aussen das Glück ein wenig anlächelte, waren seine inneren Kräfte zerstört; und er blieb unbemerkt und unbekannt bis an seinen Tod; so dass in der kleinen Gasse, wo er wohnte, seine nächsten Nachbaren, als man den Sarg hinaustrug, fragten: wer denn da begraben würde? Ein Grad des Nichtbemerktwerdens, der in einer so unbevölkerten Stadt wie Erfurt höchst auffallend ist.
Die wenigen Tage nun, welche Reiser mit dem Doktor Sauer in Erfurt verlebte, waren für ihn höchst wichtig, weil sie seiner Seele einen gewissen neuen Anstoss gaben: er raffte sich gegen alle die Unterdrükkungen zusammen, welche jenen Geist so sehr hatten lähmen können. Und der Unwille, den er darüber empfand, flösste ihm einen gewissen Trotz ein, auch dem Schwersten nicht zu unterliegen und das gewissermassen durch Widerstand zu rächen, was jener gelitten hatte.
Sie waren eines Tages nach einem dorf vor Erfurt
zusammen spazieren gegangen, und Ockord war mit von der Gesellschaft. – Als sie gegen Abend zurückkehrten, kamen sie an ein Gewässer, das mit dickem Gebüsch umgeben war und schwarz zwischen seinen Ufern hinkroch. Hier blieb Sauer stehen und suchte mit dem Stocke die Tiefe zu messen, die er aber nicht abreichen konnte. Er blieb stehen und sah mit untergeschlagenen Armen in das wasser und bemerkte die schwarze Fläche, und wie langsam fliessend es dahinkröche. – Das Bild, wie Sauer mit blassen Wangen und untergeschlagenen Armen bedeutungsvoll in diesen Stygischen Fluss herunterblickte, kam Reisern lebhaft wieder vor die Seele, als er einige Jahre nachher die Nachricht von seinem tod vernahm. – Denn wenn irgendein bedeutendes Bild sich formte, wo Zeichen und Sache eines wurden, so war es hier.
Für Reisern aber eröffneten sich wieder fröhliche
Aussichten: denn die Studenten kamen auf den Einfall, noch eine Komödie aufzuführen, weil sie an diesem Vergnügen nun einmal Geschmack bekommen hatten.
Die Stücke, welche man wählte, waren der Argwöhnische und der Schatz von Lessing: in dem ersten erhielt Reiser wiederum zwei Frauenzimmerrollen, die er mit Umkleidung spielen musste, und in dem andern die Rolle des Maskaril, und nun war sein Schauspielerkredit unter den Studenten schon so befestiget, dass man es als eine gefälligkeit von ihm ansahe, wenn er diese Rollen übernehmen wollte, und er sich also auf keine Weise dazu drängen durfte.
Während dass nun die Veranstaltungen zu dieser zweiten teatralischen Vorstellung gemacht wurden, fing Reiser zu gleicher Zeit eine Ausarbeitung über die Empfindsamkeit an, womit er zuerst als Schriftsteller auftreten wollte. In dieser Schrift sollte die affektierte Empfindsamkeit lächerlich gemacht und die wahre Empfindsamkeit in ihr gehöriges Licht gestellt werden.
Die seinsollende Satire gegen die Empfindsamkeit geriet nun freilich ziemlich grob, indem er sie mit einer Seuche verglich, vor der man sich zu hüten habe und jedwedem, der aus einer Gegend käme, wo die Empfindsamkeit herrschte, den Eingang in Städte und Dörfer versperren müsse.
Dieser Unwille war vorzüglich durch die empfindsamen Reisen, die nach und nach in Deutschland erschienen, und durch die vielen affektierten Nachahmungen von Werters Leiden bei Reisern erweckt worden, ob er sich gleich selber auch heimlich dieser Sünde anklagen musste; um desto heftiger suchte er nun auch zugleich zu seiner eigenen Besserung dagegen zu eifern.
Gerade, da er eines Abends an dieser Abhandlung schrieb, trat der Buchdrucker Pockwitz aus Hannover in die stube und brachte ihm einen Brief von Philipp Reisern. Dies war eben der Buchdrucker, für den er in Hannover eine Anzahl kleiner Neujahrswünsche verfertigt und sich zum erstenmal in denselben gedruckt gesehen hatte.
Als Reiser den Buchdrucker vor die tür hinausbegleitete, drückte ihm dieser ein kleines Goldstück in die Hand, welches hinlänglich war, einen Menschen, der nun seit einigen Wochen schon ganz von Gelde entblösst war und sich doch seinen Mangel nicht wollte merken lassen, auf einmal aus dem Staube zu heben.
Dies unvermutete Geschenk erhielt noch einen grösseren Wert durch die Art, womit es gegeben wurde, indem der Buchdrucker Pockwitz die Worte hinzufügte: es sei diese Kleinigkeit eine alte Schuld, die er abtrüge, weil nämlich Reiser Neujahrwünsche, Gedichte usw. bloss der Ehre wegen in Hannover für ihn verfertigt hatte.
In Reisers Umständen hatte ein Goldgulden, woraus dies Geschenk bestand, für ihn einen unschätzbaren Wert und riss ihn auf einmal aus einer Menge kleiner Verlegenheiten, die er keinem Menschen hätte sagen dürfen. Dies machte, dass er nun in Erfurt wirklich einige glückliche Tage erlebte, wo er eben durch nichts weder von innen noch aussen gedrückt wurde und auch in die Zukunft keine trübe Aussichten hatte.
Der Brief von Philipp Reisern war auch interessanter als der vorhergehende; denn er entielt die Nachricht, dass verschiedene von Reisers Mitschülern, welche mit ihm zugleich in Hannover Komödie gespielt hatten, seinem Beispiele gefolgt und auch zum teil heimlich fortgegangen wären, um sich dem Teater zu widmen.
Darunter war vorzüglich