wöchentlich seinen Bogen liefern, um wiederum ein Jahr lang von seinem mühseligen Leben zu atmen. – Da nun die Wochenschrift aufhörte, so war er genötigt, wieder von Korrekturen sein Dasein zu erhalten. Und da er selber dramatische Ausarbeitungen von vielem Wert in seinem Pulte liegen hatte, die er nicht wagte zum Vorschein zu bringen, musste er für einen vornehmen Herrn in Erfurt mit aller Sorgfalt und Korrekteit eines Kopisten ein Trauerspiel für Geld abschreiben, um mit dem Abschreiberlohn wiederum einige Tage lang sein Leben zu fristen.
Als Arzt verdiente er nichts: denn er fühlte einen besonderen Hang in sich, gerade den Leuten zu helfen, die der hülfe am meisten bedürfen und denen sie am wenigsten geleistet wird. Und weil dies nun gerade diejenigen sind, welche die hülfe nicht zu bezahlen vermögen, so geriet der Arzt selber in grosse Gefahr zu verhungern, wenn er nicht Wochenschriften herausgegeben, Korrekturen besorgt und Trauerspiele abgeschrieben hätte.
Kurz, er liess sich für seine Kuren nichts bezahlen und brachte auch dazu den armen Leuten noch die Arzenei ins Haus, die er selbst verfertigte und das Wenige, was ihm übrig oder nicht übrig blieb, darauf verwandte. Weil er sich nun dadurch gleichsam weggeworfen hatte, so hatten die Leute aus der grossen und vornehmen Welt kein Zutrauen zu ihm; niemand zog ihn zu Rate, und unter den meisten war sogar sein Name nicht einmal bekannt, ob er sich gleich als Arzt schon keine geringe Erfahrung und Geschicklichkeit erworben hatte.
Er hatte auch in diesem Fache schon eigene vortreffliche Ausarbeitungen geliefert, die aber das Unglück hatten, sich unter der Menge zu verlieren und ebenso wie ihr Verfasser von den Zeitgenossen nicht bemerkt zu werden. Und während dass er nun seine übrigen medizinischen Ausarbeitungen in seinem Pulte verschlossen hielt, musste er die Schrift eines französischen Arztes, der nach Erfurt kam und besser als der Doktor Sauer sich wusste bemerken zu machen, ins Lateinische übersetzen, um von dem Übersetzerlohne zu leben und für seine hülflosen und armen Kranken neue Arzeneimittel zuzubereiten.
Der müsste ganz abgestumpft sein, der diese Unwürdigkeiten und Demütigungen vom Schicksal nicht fühlen sollte. Der Doktor Sauer machte eine lächelnde Miene dazu, allein im Innersten seiner Seele untergrub doch jede dieser Demütigungen und Herabwürdigungen seine Tatkraft und lähmte seinen Mut. Wie konnte er seinem inneren Werte noch trauen, da die ganze Welt ihn verkannte.
Wegen der Konnexion mit dem Buchdrucker Gradelmüller, für welchen er die Korrekturen besorgte, gab er nun auch zuweilen Aufsätze in die berühmte Erfurtische Wochenschrift der Bürger und der Bauer; und da las Reiser einmal ein Gedicht von ihm auf die freigewordenen Amerikaner, welches wohl verdient hätte, in einer Sammlung von den vorzüglichsten Poesien der Deutschen zu stehen, und nun in einem Blatte sich verlor, das in den Bierhäusern von Erfurt feilgeboten wurde.
Es war, als ob in diesem Gedichte sein unterdrückter Geist alle sein Freiheitsgefühl noch einmal ausgehaucht hätte, ein solcher Schwung und feurige Teilnehmung herrschte in den Gedanken.
Ganz entzückt durch dies Gedicht konnte Reiser nicht ruhen, bis er die Bekanntschaft eines so vorzüglichen Mitarbeiters an der Wochenschrift der Bürger und der Bauer gemacht hatte. Es hielt aber schwer, bis er diesen Wunsch erreichte, weil der Doktor Sauer eben keinen grossen Hang in sich fühlen konnte, sich noch ferner an irgendeinen aus der Klasse von Wesen anzuschliessen, die ihn gleichsam ausgestossen hatte.
Indes fand sich doch ein Weg dazu, weil Reiser sein Studium der englischen Sprache auch in Erfurt fortgesetzt hatte, dass er sich erbot, dem Doktor Sauer Englisch zu lehren, weil dieser schon einige Male den Wunsch geäussert hatte, mit dieser Sprache bekannt zu sein. Dies Anerbieten wurde dann angenommen, und so erhielt Reiser gelegenheit, wöchentlich wenigstens ein paarmal mit diesem Mann zusammenzukommen, an den er sich nun so nahe wie möglich anzuschliessen wünschte.
Bei dieser gelegenheit wurde er nun immer offner gegen Reisern und erzählte ihm von den mannigfaltigen Unterdrückungen, denen er von seiner Kindheit an von seinen Anverwandten und von seinen Lehrern ausgesetzt war, und nachher alle die Streiche des Schicksals nacheinander, die ihn bis in den Staub darniedergebeugt hatten; so dass Reiser im auffahrenden Unwillen sich nicht entalten konnte, die Verkettung hämisch zu nennen, worin ein denkendes und empfindendes Wesen gleichsam absichtlich so eingeengt und gequält wird.
Während dass nun Reiser auf diese Art seinen Unwillen äusserte, verzog sich Sauers Mund zu einem sanften Lächeln, wodurch er freilich über diesen Unwillen erhaben, aber auch zugleich von den irdischen Banden schon gelöst war und seiner baldigen vollkommnen Befreiung ahndungsvoll entgegensahe. – Sein Kampf war beinahe durchgekämpft, er brauchte weiter keine widerstehende Kraft, keinen Trotz gegen das Schicksal.
Demohngeachtet loderte die Lebensflamme noch manchmal wieder in ihm auf. Er hoffte zuweilen noch glückliche Tage zu sehen und hatte einen grossen Eifer zur Erlernung des Englischen, weil er sich von diesem seinem Studium viel versprach, um vorzüglich die in der englischen Sprache geschriebenen medizinischen Werke zu nutzen und dann auch durch Übersetzungen aus dem Englischen Geld zu erwerben.
Dann bot sich ihm auch sogar eine kleine Aussicht zu einer Art von Versorgung in Erfurt dar – und dies war ihm nun schon eine sehr glückliche Wendung, die er besonders seinem Ausharren zuschrieb. Wer in Erfurt zu etwas kommen wolle, pflegte er nun oft zu Reisern zu sagen, der müsse nur lange Zeit ausharren und die Geduld nicht verlieren! So bescheiden und mässig war er in seinen Wünschen, und so sehr war jeder Schimmer eines bessern Glücks ihm schon aufmunternd.
Er wusste nicht, dass alles äussere Glück ihm