gewesen, als er in Pyrmont sich weigerte, eine Notlüge zu tun, indem er den Engländer verleugnen sollte.
Weil sich nun Anton bewusst war, dass gerade dies damals mehr aus einer Art von Affektation als würklichem Abscheu gegen die Lüge geschehen sei, so dachte er bei sich selber: wenn sonst nichts verlangt wird, um mich beliebt zu machen, das soll mir wenig Mühe kosten. Und nun wusste er es in kurzer Zeit durch eine Art von blosser Heuchelei, die er doch aber vor sich selber als Heuchelei zu verbergen suchte, so weit zu bringen, dass sein Vater über ihn mit dem Herrn von Fleischbein korrespondierte und demselben von Antons Seelenzustande Nachricht gab, um seinen Rat darüber einzuholen.
Indes wie Anton sah, dass die Sache so ernstaft wurde, ward er auch ernstafter dabei und entschloss sich zuweilen, sich nun im Ernst von seinem bösen Leben zu bekehren, weil er die bisherige Heuchelei nicht länger mehr vor sich selbst verdecken konnte.
Allein nun fielen ihm die Jahre ein, die er von der Zeit seiner vormaligen wirklichen Bekehrung an versäumt hatte, und wie weit er nun schon sein könnte, wenn er das nicht getan hätte. Dies machte ihn äusserst missvergnügt und traurig.
Überdem las er bei dem alten mann ein Buch, worin der Prozess der ganzen Heilsordnung durch Busse, Glauben und gottselig Leben mit allen Zeichen und Symptomen ausführlich beschrieben war.
Bei der Busse mussten Tränen, Reue, Traurigkeit und Missvergnügen sein: dies alles war bei ihm da.
Bei dem Glauben musste eine ungewohnte Heiterkeit und Zuversicht zu Gott in der Seele sein: dies kam auch.
Und nun musste sich drittens das gottselige Leben von selber finden: aber dies fand sich nicht so leicht.
Anton glaubte, wenn man einmal fromm und gottselig leben wolle, so müsse man es auch beständig und in jedem Augenblicke, in allen seinen Mienen und Bewegungen, ja sogar in seinen Gedanken sein; auch müsse man keinen Augenblick lang vergessen, dass man fromm sein wolle.
Nun vergass er es aber natürlicherweise sehr oft: seine Miene blieb nicht ernstaft, sein gang nicht ehrbar, und seine Gedanken schweiften in irdischen weltlichen Dingen aus.
Nun, glaubte er, sei alles vorbei; er habe noch so viel wie nichts getan und müsse wieder von vorn anfangen.
So ging es oft verschiedne Male in einer Stunde, und dies war für Anton ein höchst peinlicher und ängstlicher Zustand.
Er überliess sich wieder, aber beständig mit Angst
und klopfendem Herzen, seinen vorigen Zerstreuungen.
Dann fing er das Werk seiner Bekehrung einmal
von vorn wieder an, und so schwankte er beständig hin und her und fand nirgends Ruhe und Zufriedenheit, indem er sich vergeblich die unschuldigsten Freuden seiner Jugend verbitterte und es doch in dem andern nie weit brachte.
Dies beständige Hin- und Herschwanken ist zu
gleich ein Bild von dem ganzen Lebenslaufe seines Vaters, dem es im funfzigsten Jahre seines Lebens noch nicht besser ging, und der doch immer noch das Rechte zu finden hoffte, wornach er so lange vergeblich gestrebt hatte.
Mit Anton war es anfänglich ziemlich gut gegan
gegen: allein seitdem er kein Latein mehr lernen sollte, litte seine Frömmigkeit einen grossen Stoss; sie war nichts als ein ängstliches, gezwungenes, Wesen, und es wollte nie recht mit ihm fort.
Er las darauf irgendwo, wie unnütz und schädlich
das Selbstbessern sei, und dass man sich bloss leidend verhalten und die göttliche Gnade in sich würken lassen müsse: er betete daher oft sehr aufrichtig: Herr, bekehre du mich, so werde ich bekehret! Aber alles war vergeblich.
Sein Vater reiste diesen Sommer wieder nach Pyrmont, und Anton schrieb ihm, wie schlecht es mit dem Selbstbessern vorwärts ginge, und dass er sich wohl darin geirrt habe, weil die göttliche Gnade doch alles tun müsse.
Seine Mutter hielt diesen ganzen Brief für Heuchelei, wie er denn wirklich nicht ganz davon frei sein mochte, und schrieb eigenhändig darunter: Anton führt sich auf wie alle gottlose Buben.
Nun war er sich doch eines wirklichen Kampfes mit sich selbst bewusst, und es musste also äusserst kränkend für ihn sein, dass er mit allen gottlosen Buben in eine Klasse geworfen wurde.
Dies schlug ihn so sehr nieder, dass er nun wirklich eine Zeitlang wieder ausschweifte und sich mutwillig mit wilden Buben abgab, worin er denn durch das Schelten und sogenannte Predigen seiner Mutter noch immer mehr bestärkt wurde: denn dies schlug ihn immer noch tiefer nieder, so dass er sich oft am Ende selbst für nichts mehr als einen gemeinen Gassenbuben hielt und nun um desto eher wieder Gemeinschaft mit ihnen machte.
Dies dauerte, bis sein Vater von Pyrmont wieder zurückkam. Nun eröffneten sich für Anton auf einmal ganz neue Aussichten.
Schon zu Anfange des Jahres war seine Mutter mit Zwillingen niedergekommen, wovon nur der eine leben blieb, zu welchen ein Hutmacher in Braunschweig, namens Lobenstein, Gevatter geworden war.
Dieser war einer von den Anhängern des Herrn von Fleischbein, wodurch ihn Antons Vater schon seit ein paar Jahren kannte.
Da nun Anton doch einmal bei einem Meister sollte untergebracht werden (denn seine beiden Stiefbrüder hatten nun schon ausgelernt, und jeder war mit seinem Handwerke unzufrieden, wozu er von seinem Vater mit Gewalt gezwungen war), und da der Hutmacher Lobenstein gerade einen Burschen haben wollte, der ihm fürs erste nur zur Hand wäre: welch eine herrliche tür öffnete sich nun nach seines Vaters Meinung für Anton, dass er ebenso wie seine beiden Stiefbrüder bei