Glocke tat.
Sie setzten sich an ihre Pulte auf dem Chor und stimmten ihren Bussgesang in tiefen, traurigen Tönen an – bald standen sie auf und sangen Hymnen, die traurig zurückerschallten; dann fielen sie auf ihr Angesicht und flehten in tiefen klagenden Tönen um Erbarmung. – Ganz an dem einen Ende des halben Zirkels stand ein Jüngling mit blassen Wangen von ausnehmend schöner Bildung. – Reiser konnte seine Augen nicht von den seinigen wenden, die er andachtsvoll gegen Himmel schlug. – Ockord kannte diesen Unglücklichen, der in den Orden der Kartäuser getreten war, weil der Blitz seinen Jugendfreund an seiner Seite erschlagen hatte – und Reisern schwebte das Bild dieses Jünglings von nun an beständig vor der Seele. –
Halbe Tage brachte er auf der alten Mauer hinter seiner wohnung zu und sehnte sich in den Bezirk jener stillen Mauren hin, die seiner Meinung nach eine ganze Welt mit allen ihren Täuschungen und Blendwerken ausschlossen.– Mit jenem Jüngling wollte er dort verblühen und dem grab zuwelken – dort wollte er selber sein einsames Gärtchen bauen, – den sanften Strahl der Abendsonne in seiner Zelle begrüssen – – und allen irdischen Wünschen und Hoffnungen entnommen mit Ruhe und Heiterkeit dem tod entgegensehen.
In dieser Stimmung machte er nun auf den alten eingefallnen Mauern hinter seiner wohnung folgendes Gedicht: Du stille geweihte Behausung, des Grabes rührendes
Vorbild,
Welch eine geheime Empfindung heftet mein Auge
voll Tränen
Auf deine einsamen Hütten? Ehrwürd'ger Greis, du
Bewohner
Des Orts der Stille und der Andacht, Heil dir! vom
leeren Gewimmel
Der gaukelnden Eitelkeit fern und fern vom
Geräusche des Stolzes,
Kannst du mit eignen Händen dein einsames Gärtchen
dir bauen
Und deine Seele, die oft mit edlem Unwillen strebet, Aus ihrem Kerker zu fliehen, mit jedem kommenden
Tage
Dem Himmel würdiger machen – Heil dir! geniesse
die Segen
Der göttlichen Einsamkeit ganz, dass dein von
Erdegedanken
Schon lang entwöhnter Geist in Engelgefühlen
zerfliesse
Und zu seinem ewigen Ursprung sich jauchzend
emporschwinge – herrlich,
O Greis, war so das Los deiner Tage! Du aber, den
Jahre,
Voll Kummer des Lebens durchlebt, noch nicht die
sinkende Scheitel
Bereiften, rüst'ger Mann, und du, starker, blühender
Jüngling,
Der für die Freuden des Lebens die einsame Zelle sich
wählte;
O warst du vielleicht das Ziel der Verachtung, des
höhnenden Stolzes?
Betrog dich vielleicht ein falscher Freund? oder
fühltest du lebhaft,
Wie alle die Wünsche der Menschen und ihre
Hoffnungen alle
So nichtig und doch so stolz sind? War's verbitternder
Ekel
Vor diesen schalen, unschmackhaften Freuden des
Lebens, der dir einst
Den blumigten Schauplatz der Welt zur traurigen
Einöde machte;
Dann wohl auch dir! dass du eine sichere Freistatt vor
allen
Den list'gegen Ränken der Bosheit fandst und vor dem
Geräusche
Der Toren und vor der Verführung des schön
gleissenden Lasters
Und vor des Lebens betrüglichen Freuden fandst! –
Doch was sehe ich?
Im auge' eine stumme Zähre zittert langsam die
Wange
Des Jünglings herab, der abgehärmt und bleich sein
gebrochnes,
Hinsterbendes Leben verweinet und wie die lechzende
Blume
In schwülen Tagen dahinwelkt. – Der du im
geheiligten Kerker
Von keinem Strahl erquickt aus Zwang und
Unbedacht schmachtest,
O weine, Jüngling, weine! Dein Gott vergibt dir die
Zähren,
Die der unschuldige Wunsch der natur aus der Seele
dir presste!
O könnt' ich doch meine Tränen mit deinen Tränen
vermischen
Und sanften lindernden Trost in deine Seele
hinweinen!
Sanftlächelnd geht die Sonn' am Frühlingsabend dir
unter,
Noch rötet ihr letzter Strahl mitleidig dein einsames
Fenster,
Du legst dich hin auf dein Lager und träumst von
künftigen Tagen
Voll glänzender Aussichten, schwimmst in
Wonnegefühlen, verlierst dich
In Labyrinten von Freuden, erwachst vom
glücklichen Schlummer
Und siehest – ach, deiner traurigen Zelle öde vier
Wänd', und
Kein Strahl von Hoffnung lächelt hinein – o säuselt,
Zephire,
Um dieses Jünglings Haus, liebkoset und trocknet
mitleidig
Vom auge' die Zähr' ihm! Blühet, ihr Blumen, in
seinem Garten,
Und um seine Fenster erschalle dein tröstendes Lied,
Philomele!
Bis der Alliebende einst von des Lebens quälenden
Banden
Die leidende Seele befreit, dann wirst du voll
zärtlicher Wehmut
Noch oft in durchtaueten Nächten um seine Grabstätte
klagen.
Reiser war wirklich so mit ganzer Seele bei den Kartäusern, dass er anfing im Ernst darauf zu denken, wie er auch so abgeschieden von der Welt seine Tage zubringen könnte und dann von allem, was ihn drückte, von seinen Wünschen und Begierden, die ihn quälten, auf einmal und auf immer befreit sein würde. –
Als er schon einige Tage in diesen Gedanken vertieft gewesen war, kam Ockord zu ihm und sagte, dass die Studenten in Erfurt willens wären, eine Komödie zu spielen, und dass einige Rollen noch unbesetzt wären. – –
Diese Anrede wirkte so mächtig auf Reisers Phantasie, dass auf einmal das Kartäuserkloster mit seinen hohen Mauren tief im Hintergrunde stand und die Kulissen mit den Lichtern sich plötzlich wieder vordrängten; da nun Ockord überdem noch hinzufügte, dass man damit umgehe, in dem Stücke, das man aufzuführen willens sei, Reisern eine Rolle anzutragen, so war vollends jeder ernste und melancholische Gedanke wie verschwunden.
Das Stück nämlich, was die Studenten in Erfurt aufführen wollten, hiess Medon oder die Rache des Weisen, und man könnte davon sagen, dass es die ganze Moral in sich entielt, so erstaunlich viel Tugend wurde von allen Personen darin gepredigt.
In diesem Stücke nun sollte Reiser die Rolle der