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im wirklichen Leben noch auf dem Teater hatte durchspielen können, so fiel er nun, wie es gemeiniglich zu geschehen pflegte, mit seiner ganzen Empfindung auf das andere Extrem.

Ganz von der Welt vergessen, von Menschen abgeschieden in der stillen Einsamkeit seine Tage zu verleben, hatte einen unaussprechlichen Reiz für ihnund diese Abgeschiedenheit erhielt in seinen Gedanken einen desto höhern Wert, je grösser das Opfer war, das er brachte. – Denn das, worauf er Verzicht tat, waren seine liebsten Wünsche, die in sein Wesen eingewebt schienen. – Die Lampen und Kulissen, das glänzende Amphiteater war verschwunden, die einsame Zelle nahm ihn auf. –

Die hohe Mauer, welche das Kartäuserkloster umschliesst, das Türmchen auf der Kirche, die einzelnen Häuschen, die innerhalb der Mauer in einer Reihe nacheinander stehen und wovon jedes durch eine Mauer vom andern abgesondert ein eigenes Fleckchen zum Garten hat; dies alles macht einen sehr interessanten Anblick, und diese Höhe der Mauer, diese einzelnen Häuser und diese Gärtchen dazwischen bezeichnen sehr auffallend und bedeutend die Einsamkeit und Abgeschiedenheit der Bewohner dieses Orts.

Sooft die Glocke auf dem Türmchen angezogen wurde, tönte sie in Reisers Ohren wie die Sterbeglokke aller irdischen Wünsche und Aussichten in die Zukunft dieses Lebens.

Denn hier war nun das Ziel von allemnie durfte der Fuss des Eingeweihten wieder aus dem Bezirk dieser Mauren tretener fand hier seine immerwährende wohnung und sein Grab. – Das Geläute der Kartäuser wird noch mehr durch die Art, mit der es geschieht und durch seine Langsamkeit traurig und melancholisch. –

Sowie nämlich die Kartäuser sich auf dem Chor versammlen, tut jeder nach der Reihe einen Zug an der Glocke und nimmt darauf seinen Platz ein, bis alle vom Ältesten bis zum Jüngsten hereingetreten sind.

Nun horchte Reiser auf den Schall dieser Glocke zuweilen in der stillen Mittagsstunde, zuweilen um Mitternacht oder bei frühem Morgen, und jedesmal erneuerte sich der Eindruck davon so lebhaft in seinem Gemüte, dass immer das ganze Bild der Einsamkeit und Stille des Grabes mit erwachte. –

Es kam ihm vor, als ob diese abgeschiedenen Menschen ihren eigenen Tod überlebten, in ihren Gräbern umherwandelten und sich einander die hände reichten. –

Mit dieser idee wurde er nach und nach so vertraut, und sie wurde ihm so lieb, dass er sie manchmal um die angenehmsten Aussichten in das Leben nicht hätte vertauschen mögen.

Er hatte nun auch wieder einen Brief von Philipp Reiser aus Hannover erhalten, der ebenso wie ehemals die gespräche desselben statt einer besonderen Teilnehmung an seines Freundes Schicksale eine etwas weitläuftige Schilderung seiner damaligen Liebe entielt, und wie weit er nun schon in dieser Liebe gekommen sei, und was ihm noch für Hindernisse im Wege ständen.

Demohngeachtet trug Reiser diesen Brief beständig bei sich und las ihn zum öftern durch, weil Philipp Reiser doch sein einziger Freund war.

Ohnweit der Kirschlache war ein angenehmer Spaziergang, wo zwischen grünem Gebüsch im Tale sich ein klarer Bach ergoss. – Die Aussicht war rundumher gehemmt, und man befand sich in einer reizenden Einsamkeit. –

Hier brachte Reiser manche Stunde auf dem grünen Rasen am Ufer des Baches zu und dachte über sein Schicksal nach, und wenn er zu denken müde war, so las er den Brief seines Freundes durch, den er, so wenig ihn auch der Inhalt interessierte, am Ende fast auswendig lerntedenn er hatte doch einmal nichts zu lesen, was ihm näher gewesen wäre als dieser Brief.

Dazu kam noch der Umstand, dass Philipp Reiser aus Erfurt gebürtig war; sie hatten also beide ihre Vaterstädte vertauschtund Anton Reiser befand sich nun auf demselbigen Fleck, wo sein Freund die ersten Tage seiner Jugend verlebt und die ersten Eindrücke von der ihn umgebenden Welt erhalten hatte.

Er durchlebte hier in Gedanken Philipp Reisers

Kinderjahre und verdoppelte sich in ihm, wenn er in dem Tal am Bache sass und seinen Brief las, der ihm denn sein ganzes Wesen wieder in Erinnerung brachte.

Darum war ihm unter den Studenten auch Ockord

so lieb, der Philipp Reisern in Erfurt noch gekannt hatte, und mit dem er sich am öftersten von ihm unterredete.

Dieser Ockord war damals ein junger liebenswürdi

ger Schwärmer, vor seiner Phantasie schwebte noch der jugendliche Lebensreiz und ihn beseelten hohe Freundschaftsgefühlezuweilen lief ein klein wenig Affektation mit unter, im grund aber hatte er wirklich ein gefühlvolles Herz.

An ihm fand Reiser seinen Mann und ruhte nicht

eher, bis er an einem Sonntage mit ihm in die Kartäuserkirche ging; denn allein hatte er sich, weil es ihm zu auffallend schien, noch nicht getraut hereinzugehen.

Sie hatten sich unterwegens von der Nichtigkeit

und Kürze des Lebens unterhalten, wobei zu bemerken ist, dass Reiser damals neunzehn und Ockord zwanzig Jahr alt war, und wussten nicht, was sie mit dem Rest ihrer Tage anfangen sollten, als sie in dem Kloster anlangten und in die Kirche traten, welche schon durch ihre leeren weissen Wände und den einsamen Chor die Stille des Grabes predigte.

Die Kirche wird nämlich ausser den Kartäusern selber fast von niemand besucht, und weil keine Gemeinde dazu gehört, so ist hier weder Kanzel noch Stühle oder Bänke, sondern nichts als die leeren Wände und der flache Boden, welches dieser Kirche bei dem dämmernden Lichte, das von oben durch die Fenster fällt, ein sehr ernstes und melancholisches Ansehn gibt. Ockord und Reiser knieten ganz allein an einem Pult vor dem Chore, als die weissgekleideten Mönche einer nach dem andern hereintraten und jeder sich bückend seinen Zug an der