von Mühlhausen vorgefunden hatte und zu dessen Mitarbeiter er nun nebst seinem Stubengenossen von dem Verleger und Herausgeber erwählt wurde. Beide mussten nun den Abend bei dem Buchdrucker speisen, und es wurden Rettig und eine Art sehr harter länglichter kleiner Käse, die in Erfurt gewöhnlich sind, aufgetragen, wovon die beiden Mitarbeiter unaufhörlich assen, während dass die Frau des Buchdrukkers manchmal dazu sehr sauer sah.
Der erste Aufsatz, den nun der Student R ... in die Wochenschrift der Bürger und der Bauer lieferte, war eine prosaische Nachahmung von dem Beatus ille des Horaz. Und der erste Aufsatz von Reiser war sein steifes Gedicht üben die Welt, das er schon in Hannover auf der Schule gemacht hatte.
Da nun aber für diese Aufsätze weiter kein Honorar erfolgte, und der Plan des Studenten R ..., durch eine Wochenschrift, die er mit Reisern herausgeben wollte, ein Ansehnliches zu gewinnen, auf die Weise ins Stocken geriet, so hatte auch Reiser weiter kein Interesse mehr für ihn; welches ihm nicht zu verdenken war, da Reiser wegen seiner Melancholie, die vorzüglich bei ihm aus dem Mangel an Wäsche und nun auch wieder von dem schlechten Zustande seiner Schuhe entstand, nur ein trauriger Gesellschafter sein konnte.
Der Student R ... suchte also Reisern nach Verlauf von acht Tagen, die er bei ihm gewohnt hatte, schon wieder in einem andern Logis unterzubringen. – Dies war auf der Kirschlache in der wohnung eines Brauers, wo noch ein Student logierte und der Sohn im haus ebenfalls die Schule besuchte.
Hier bekam Reiser nun wiederum kein Zimmer für sich allein, sondern musste so wie der andre Student mit der Familie zusammenwohnen. – Das Haus aber hatte eine angenehme Lage – es stand in einer Reihe kleiner Häuser, vor denen ein schmales Gewässer vorbeifliesst, dessen diesseitiges Ufer mit Bäumen bepflanzt ist.
Es war also keine ganz eingeengte Strasse, sondern
das vorüberfliessende wasser und selbst die Kleinheit der Häuser trugen dazu bei, dieser Gegend der alten Stadt ein freies ländliches Ansehn zu geben.
Hinter dem haus war gleich die alte Stadtmauer,
von welcher man die Aussicht nach dem Kartäuserkloster hatte. Die Mauer war oben zum teil mit Gras bewachsen und an verschiedenen Orten halb eingefallen, so dass man bequem hinaufsteigen und alsdann die grossen Pläne von Gärten, womit Erfurt noch innerhalb seiner Mauren umgeben ist, übersehen konnte.
Während dieser Zeit erhielt nun Reiser auch den or
dentlichen Freitisch von der Universität, und die idee des ruhigen Bleibens behielt nun auf einmal wieder so sehr bei ihm die Oberhand, dass er jetzt, da er neunzehn Jahr alt war, an seinen Freund in Hannover schrieb, er hoffe und wünsche nunmehr den Rest seiner Tage in Erfurt zu beschliessen.
Seine lernende Laufbahn sollte nämlich hier unmit
telbar in die lehrende übergehn, und so sollte das Ziel aller seiner Wünsche und Hoffnungen dann erreicht sein. – Auf alles übrige Glänzende glaubte er nun Verzicht getan zu haben, und alle die schimmernden Teaterphantasien schienen auf eine Zeitlang aus seinem kopf verschwunden zu sein.
Er war nun doch auf einmal in eine neue Welt versetzt und hatte gegen seinen Aufentalt in Hannover immer erstaunlich viel gewonnen.
Wenn er auf den Wällen von Erfurt um die Stadt spazieren ging, so fühlte er lebhaft, dass er durch eigne Anstrengung sich aus seinem unerträglichen Zustande gerissen und seinen Standpunkt in der Welt aus eigner Kraft verändert hatte.
Wenn er dann die Glocken von Erfurt läuten hörte, so wurden allmählich alle seine Erinnerungen an das Vergangene rege – der gegenwärtige Moment beschränkte sein Dasein nicht – sondern er fasste alles das wieder mit, was schon entschwunden war.
Und dies waren die glücklichsten Momente seines Lebens, wo sein eigenes Dasein erst anfing, ihn zu interessieren, weil er es in einem gewissen Zusammenhange und nicht einzeln und zerstückt betrachtete.
Das Einzelne, Abgerissene und Zerstückte in seinem Dasein war es immer, was ihm Verdruss und Ekel erweckte.
Und dies entstand so oft, als unter dem Druck der Umstände seine Gedanken sich nicht über den gegenwärtigen Moment erheben konnten. – Dann war alles so unbedeutend, so leer und trocken und nicht der Mühe des Denkens wert.–
Dieser Zustand liess ihn immer die Ankunft der Nacht, einen tiefen Schlummer, ein gänzliches Vergessen seiner selbst wünschen – ihm kroch die Zeit mit Schneckenschritten fort – und er konnte sich nie erklären, warum er in diesem Augenblicke lebte.
Im Anfange seines Aufentalts in Erfurt waren dieser Augenblicke nur wenige – er übersah das Leben immer mehr im ganzen – die Ortsveränderung war noch neu – seine Einbildungskraft war durch das Immerwiederkehrende noch nicht gefesselt. –
Dies Immerwiederkehrende in den sinnlichen Eindrücken scheint es vorzüglich zu sein, was die Menschen im Zaum hält und sie auf einen kleinen Fleck beschränkt. – Man fühlt sich nach und nach selbst von der Einförmigkeit des Kreises, in welchem man sich umdreht, unwiderstehlich angezogen, gewinnt das Alte lieb und flieht das Neue. – Es scheint eine Art von Frevel, aus dieser Umgebung hinauszutreten, die gleichsam zu einem zweiten Körper von uns geworden ist, in welchen der erstere sich gefügt hat.
Reisers wohnung auf der Kirschlache schien auch gerade dazu gemacht zu sein, um seine Einbildungskraft aufs neue wieder zu fesseln.
Die Aussicht über die Gärten nach dem Kartäuserkloster hin hatte nämlich so etwas Romantisches, das Reisern unwiderstehlich anzog und seine Blicke auf jenen stillen Sitz der Einsamkeit heftete, nach welcher er eine heimliche sehnsucht empfand. – Da das Gebäude seiner Phantasie gescheitert war und er die geräuschvollen Weltszenen weder