1785_Moritz_072_135.txt

einmal in seinem Leben von aller hülfe entblösst und an Körper und Seele gelähmt ohne Aussicht und ohne Hoffnung war.

In der Freude seines Herzens eilte er in den Gastof, wo er die Nacht bleiben wollte, liess sich Papier holen und fing an, seine eigenen Gedichte, die er auswendig wusste, nacheinander wieder aufzuschreiben, um sie am andern Tage dem Doktor Froriep zu bringen und sich dadurch einigermassen seiner Aufmerksamkeit wert zu zeigen.

Er schrieb bis in die Nacht und wurde mit einigen Heften fertig. Am andern Morgen früh stieg er nun wieder voll ganz anderer Gedanken als gestern den Petersberg hinauf; und der gutmütige Abt Günter freute sich, ihn wiederzusehen, gewährte ihm gern seine Bitte und fertigte ihm sogleich die Matrikel aus, wobei er ihm die akademischen gesetz gedruckt übergab und deren Befolgung durch einen Handschlag sich angeloben liess.

Diese Matrikel, worauf stand: Universitas perantiqua, die gesetz, der Handschlag waren für Reisern lauter heilige Dinge, und er dachte eine Zeitlang, dies wolle doch weit mehr sagen, als Schauspieler zu sein. Er stand nun wieder in Reihe und Glied, war ein Mitbürger einer Menschenklasse, die sich durch einen höhern Grad von Bildung vor allen übrigen auszuzeichnen streben. Durch seine Matrikel war seine Existenz bestimmt: kurz, er betrachtete sich, als er wieder vom Petersberge hinunterstieg, wie ein anderes Wesen.

Gegen Mittag zeigte er dem Doktor Froriep die erhaltene Matrikel vor und brachte ihm zugleich seine Gedichte, die diesmal weit mehr Glück machten, als er erwartet hatte. In Erfurt war nämlich das Studium der schönen Wissenschaften unter den Studenten noch etwas Seltenes, und dem Doktor Froriep war es lieb, einen mehr zu haben, der in diesem Fache den andern einigermassen zum Beispiel diente.

Diese Gedichte bewürkten also, dass Reisers neuer gönner sich nun noch weit mehr für ihn interessierte und ihn keine Nacht mehr im Gastofe liess, sondern sogleich dem Universitätsquartiermeister, der zugleich Fechtmeister war, den Auftrag gab, ihm ein Logis zu verschaffen. Dieser quartierte ihn dann fürs erste bei einem alten Studiosus Medicinä ein, welcher bei ihm im haus wohnte, und weil er zugleich die Besorgung des Freitisches für die Studenten hatte, so zog er ihn fürs erste an seinen eigenen Tisch.

Bei diesen glücklichen Umständen wurde nun Reiser wieder auf manche Stunde lang der unglücklichste Mensch von der Welt, weil ihn seine Erziehung und der Kummer von seinen Schuljahren drückten. Die idee von den Freitischen, die er als Schüler hatte geniessen müssen, lag wie eine Last auf ihm, und er fühlte sich im grund weit unglücklicher, wie er nun an den Tisch des Fechtmeisters gehen sollte, als wie er auf dem feld zwischen Gota und Eisenach rohe Wurzeln ass.

Dies machte, dass er bei den Studenten, welche auch mit ihm bei dem Fechtmeister assen, für einen timiden und blöden Menschen gehalten wurde; und da sein Wirt, der mit Studenten nach ihrer Art umging, auch nicht viel Umstände mit ihm machte, so wurde dadurch sein Zustand noch unerträglicher; er schien sich auf einmal aus der unbegrenzten Freiheit in die niederträchtigste Abhängigkeit wieder versunken zu sein.

ungeachtet seines scheuen Wesens aber war man schonend gegen ihn, und dies hatte er wiederum seinen aufgeschriebenen Gedichten zu danken, wovon der Doktor Froriep zu verschiedenen Leuten gesprochen hatte, und die ihm, ohne dass er selbst es wusste, unter den Studenten in Erfurt schon einen gewissen Namen gemacht hatten, so dass man nun sein sonderbares Wesen auf Rechnung seiner Dichtergabe schrieb.

Es fehlte ihm nun gänzlich an Wäsche, und hätte er einiges Zutrauen zu den Menschen gehabt, so hätte er auch jetzt diesen Mangel sehr leicht ersetzen können. Allein es war ihm unmöglich, diesen Mangel zu gestehen, der ihm am drückendsten war und im grund seine meiste Traurigkeit verursachte, die er aber immer selbst auf etwas anders schob, worüber er zu trauren gegen sich selbst affektierte, weil ihm der Mangel an Wäsche ein zu kleiner und unpoetischer Gegenstand schien.

Der Fechtmeister wies ihm nun ein bleibendes Quartier bei einem Studenten, namens R ..., an, bei dem er auch auf der stube wohnen musste, und der sogleich eine Wochenschrift mit ihm gemeinschaftlich herausgeben wollte, weil er sich von Reisers Dichterund Schriftstellertalent schon grosse Vorstellungen gemacht hatte. Reiser dachte auch bald einen Plan zu einer Wochenschrift aus, welche sich mit einer Satire auf diese Art Schriften anheben und die letzte Wochenschrift heissen sollte; als aber sein neuer Stubengenosse merkte, dass er kein Geld bei sich führe und auch keine sehr bestimmte Aussicht habe, welches zu erhalten, fing er an ziemlich kalt gegen ihn zu werden und riet ihm, fürs erste seinen Degen zu versetzen, welches Reiser tat und nun auf einmal wieder freundlichere Blicke erhielt. Denn der Herr R ..., der ein sehr ordentlicher Mann war, wollte bei ihrer beiderseitigen literarischen Unternehmung nicht gerne Auslagen machen.

Sie gingen nun beide hin zu einem Buchdrucker in Erfurt, namens Gradelmüller, und brachten den Plan ihrer neuen Wochenschrift zum Vorschein: dieser stellte ihnen aber sehr nachdrücklich vor, wie misslich ein solches Unternehmen und wie viel sicherer es sei, seine Aufsätze in ein Blatt zu geben, welches schon einmal bekannt und vom Publikum beliebt wäre, wie z.E. die Wochenschrift der Bürger und der Bauer, welche er selbst herausgab, und die von Betteljungen in den Bierhäusern von Erfurt herumgetragen wurde.

Das war also eben der Bürger und Bauer, den Reiser auf seiner ersten Wanderung bei dem Jäger nicht weit