vorliebnehmen.
Wenn ja etwas den Mut des Zerschlagenen wieder aufrichten und den völlig Gesunkenen von der Verzweiflung retten kann, so ist es die Miene und der Ton, womit der Prälat Günter damals Reisers Bitte beantwortete und ihm seinen Rat erteilte.
Von dieser Behandlung beinahe bis zu Tränen gerührt eilte Reiser fort und glaubte zu träumen, da er wieder draussen vor der tür stand, sein Stück Geld besahe und sich auf einmal wieder im Besitz von einem halben Gulden sah; da es ihm kurz vorher noch an einem Dreier für ein Nachtlager fehlte. – Dieser halbe Gulden dünkte ihm jetzt ein unschätzbarer Reichtum, und war es auch wirklich für ihn, weil er ihm wieder den Mut einflösste, woran sein ganzes Schicksal hing.
Er ging nun nach einem Speisehause und genoss zum ersten Male wieder warmes Essen. Gleich nach Tische aber erkundigte er sich nach der Kaufmannskirche, bei welcher der Doktor Froriep wohnte. Er traf ihn gerade, da er eben um zwei Uhr des Nachmittags ein Kollegium lesen wollte, und redete ihn auf eine ähnliche Weise wie den Abt Günter lateinisch an.
Da der Doktor Froriep von Reisern hörte, dass er aus Hannover sei, nahm er ihn ausserordentlich freundlich auf und führte ihn mit sich in seinen Hörsaal, wo die Studenten schon mit den Hüten auf den Köpfen sassen, welches für Reisern ein ganz ungewohnter Anblick war; um so viel mehr, da er merkte, dass man sich über ihn aufhielt, weil er nicht auch bedeckt blieb.
Er sah sich also nun auf einmal in Erfurt in dem Hörsaale eines Professors mitten unter Studenten sitzen, da er am Morgen eben dieses Tages noch weiter nichts als das offne Feld, das er durchwanderte, zu seinem Aufentalt vor sich sah.
Der Doktor Froriep las Kirchengeschichte, wobei auch manche lustige Anekdote mit unterlief, die das Auditorium aufmunterte und von den Musensöhnen oft mit einem schallenden Gelächter begleitet wurde. Dies alles war Reisern noch wie ein Traum. Er erinnerte sich an die Jahre seiner Kindheit, wo ihm der Hörsaal der Schule schon heilig war, und jetzt fand er sich auf einmal in einem akademischen Hörsaale, über dem nun nichts Höhers mehr war.
Als das Kollegium zu Ende war, nahm der Doktor Froriep Reisern mit sich auf seine stube und fragte ihn um seine geschichte, der er nun die neue Wendung gab, dass er sich in Hannover durch eine Schrift, die übel ausgedeutet sei, den Hass eines vornehmen Mannes zugezogen und von dort habe weggehen müssen. – Da er nun weiter keine Aussicht gehabt, so sei er auf die Gedanken gekommen, sich dem Teater zu widmen, nach reiflicher Überlegung aber habe er diesen Entschluss fahren lassen, weil er wohl einsehe, dass er sich auf immer für die Zukunft durch diesen Schritt schaden würde; und darum habe er nun gedacht, sich in Erfurt aufs neue dem Studieren zu widmen.
Nun war es merkwürdig, wie Reiser diese Lüge, die er sich während dem Kollegium des Doktor Frorieps ausgedacht, sich selbst, ehe er sie sagte, in Wahrheit zu verwandeln suchte und wie jesuitisch er sich dabei selber täuschte. Er suchte sich nämlich in seinen Gedanken zu überzeugen, dass er nun wirklich die Torheit seines Unternehmens vollkommen einsehe und dass er nun ganz freiwillig seinen Entschluss geändert habe und fest bei diesem Vorsatz bleiben würde, wenn sich ihm auch gleich jetzt die beste gelegenheit den Schauplatz zu betreten von selbst darböte.
Und was die erste Hälfte seiner Lüge anbetraf, so suchte er sich einzubilden, dass in seiner Rede, die er an der Königin Geburtstage gehalten, wirklich einige verfängliche Stellen wären, die wohl jemand zu seinem Nachteil ausgedeutet haben könnte. Ob dies nun wirklich geschehen sei, das berührte er nun nicht weiter, sondern beruhigte sich diesmal bei der Möglichkeit, weil er sich nicht anders zu helfen wusste.
Denn er durfte nicht sagen, dass er aus Neigung zum Teater aus Hannover gegangen sei, wenn sein Trieb zum Studieren wahrscheinlich bleiben sollte, und die Duellgeschichte passte hier auch nicht her.
Der Doktor Froriep schien ihm zwar nicht recht zu glauben, allein er fasste eine höhere idee von Reisern, als dieser erwarten konnte, indem er ihn für einen Sohn angesehener Eltern hielt, mit denen er sich entzweiet habe und deren Namen er nur verschwiege. Reiser fand es für sich schmeichelhaft, dass man eine solche Meinung von ihm hegen konnte, die ihm um desto lieber war, weil sie auf die gefälligste Art seine Lüge zudeckte, indem der Doktor Froriep die Unwahrheit, welche er selbst nicht glaubte, doch am besten entschuldigte.
Und was nun kam, war über alle seine Erwartung. – Der Doktor Froriep redete ihm zu, er möchte nur gutes Mutes sein; er wolle fürs erste Tisch und wohnung für ihn besorgen. Reiser, der am Morgen eben dieses Tages sich noch von aller Welt verlassen sah, trauete den tröstenden Worten kaum, die er jetzt vernahm, und glaubte in dem Doktor Froriep in dem Augenblick seinen Schutzengel vor sich zu sehen. –
Dieser schrieb ihm nun ein paar Zeilen, womit er am andern Morgen wieder zu dem Abt Günter gehen sollte, der ihn auf Frorieps Bitte umsonst als Student immatrikulieren würde.
Ein so glücklicher Wechsel des Schicksals versetzte Reisern in einen Zustand, der ihn aller seiner Widerwärtigkeiten vergessen machte, so dass ihn seine Wanderung auf das Ungewisse gar nicht mehr gereuete, da sie ihn einen solchen Zeitpunkt erleben liess, von dem sich wohl niemand eine vollkommne Vorstellung machen kann, der nicht auch