Worte des Buchbindergesellen wie ins Leben zurückgerufen.
Sobald er in dieser Stadt, die so nahe vor ihm lag, studieren und bleiben wollte, war sie das Ende seiner mühseligen Wanderung; sie war der Endzweck, das Ziel seiner Reise, das er nun so nahe vor sich sah, und wo er noch dazu auf eine ehrenvolle Weise mit seinem Plane umwechseln konnte. Je mehr seine Müdigkeit zunahm, je reizender und wünschenswerter wurde ihm der Gedanke an den Aufentalt in dieser weiten Stadt, worin doch auch, wie er dachte, noch wohl ein Plätzchen für ihn sich finden würde.
Dieser hoffnungslose traurige Zustand des Umherirrens, worin er sich nun schon seit mehrern Tagen befand, konnte durch keinen Reiz einer angespannten erhitzten Einbildungskraft mehr übertragen werden, sondern der Gedanke der gänzlichen Hülflosigkeit ermüdete ihn mit jedem Schritte noch mehr, und die Müdigkeit vermehrte wieder den Gedanken der Hülflosigkeit, die vorzüglich aus dem Sinken seines Mutes und aus der Erschöpfung seiner Kräfte entstand.
Sie kamen nun in die Stadt vor einem Bäckerhause vorbei, wo auf dem Laden eine Menge Brote aufgetürmt lagen: Reiser wollte sich eins darunter aussuchen, und als er es kaum berühret hatte, schoss beinahe der ganze Haufe von Broten auf die Strasse herunter. – Die Leute im haus fingen einen grossen Lärm an, und Reiser musste mit seinem gefährten sich nur schnell um eine Ecke wenden, um den Schmähungen zu entgehen. So verfolgte Reisern sein widriges Geschick bis aufs äusserste.
Sie kehrten nun in einem Gastofe ein, wo Reiser dem Durst nicht widerstehen konnte und für die letzten neun Pfennige, die er noch übrig hatte, sich Bier geben liess. Für diesen einen Trunk hatte er also sein Schlafgeld auf noch drei künftige Nächte ausgegeben, und ihm blieb nichts weiter übrig, als ganz unter freiem Himmel zu wohnen.
Bei diesem Gedanken war es ihm, als ob er nun mit dem Trunk Bier die Vergessenheit alles Künftigen und Vergangenen trinke und von allem Kummer auf einmal befreiet werden sollte. Denn nun gab er sich ganz seinem Schicksale hin und betrachtete sich wieder wie ein fremdes Wesen, für das er nicht mehr denken könnte, weil es unwiederbringlich verloren war; so schlummerte er ein und schlief eine Stunde lang.
Als er erwachte, war es noch eine Stunde vor Mittage, sein Gefährte war weggegangen, und er sass, den Kopf auf die Hand gestützt, in stummer Verzweiflung da, als ein Mann, der gerade gegen ihm über sass, ihn anredete und sich erkundigte, ob er nicht ein fremder Student sei?
Als dies bejahet wurde, erzählte der Mann, gleichsam als ob er um Reisers Zustand gewusst hätte, dass der jetzige Prorektor der Universität, der Abt vom Benediktinerkloster auf dem Petersberge, ein äusserst menschenfreundlicher Mann sei, der erst vor kurzem einem jungen mann, der auch mit Nichts hiehergekommen sei, sogleich Unterstützung verschafft und sich seiner auf das menschenfreundlichste angenommen habe. Wenn Reiser diesen Prälaten besuchen wollte, so solle er nur dreist zu ihm gehen; er würde gewiss eine gütige Aufnahme bei ihm finden. Hierauf kamen andere Leute, mit denen der Mann sich ins Gespräch gab.
Reiser aber, den die gänzliche Erschlaffung aller seiner Seelen- und Körperkräfte und der wohltätige Schlummer, der hievon eine Folge war, schon wieder etwas gestärkt hatten, fühlte sich auf einmal wieder mit neuer Hoffnung und neuem Mut beseelt, da er sich den Prälaten im Benediktinerkloster auf dem Petersberge dachte.
Er machte sich sogleich auf den Weg und erkundigte sich nach dem Petersberge; ein junger Student, der ihm begegnete, gab ihm nicht nur höflich Bescheid, sondern begleitete ihn sogar eine Strecke, um ihn gehörig zurechtzuweisen. Dies war ihm ein gutes Omen. Er stieg den befestigten Petersberg hinauf, und die Wachen liessen ihn ungehindert durch. –
Er kam in der wohnung des Prälaten an, dessen Bedienter ihn mit einem freundlichen Gesicht empfing, und sobald er sagte, dass er ein Student sei, ihn sogleich bei dem Prälaten zu melden versprach. –
Er ward eine Treppe hoch in einen grossen Saal geführt, in welchem Gemälde hingen, unter denen das eine den Petrus vorstellte, wie er sich in des Hohenpriesters haus am Feuer wärmt. – Indem Reisers Blicke noch auf dies Gemälde geheftet waren, trat der Prälat in seiner schwarzen Ordenskleidung mit dem Brevier in der Hand heraus, und Reiser richtete eine kurze lateinische Anrede an ihn, die er sich beim Hinaufsteigen auf den Petersberg ausgedacht hatte, und deren Inhalt war, dass er vom widrigen Glück umhergetrieben nach Erfurt gekommen sei und hier einige Unterstützung zu finden hoffte, um auf irgendeine Weise sein angefangenes Studium hier fortzusetzen.
Der Prälat fragte ihn mit grosser Leutseligkeit wieder in lateinischer Sprache, ob er katolisch sei oder sich zur Augspurgischen Konfession bekenne, und als Reiser das letztere bejahte, so antwortete ihm der Prälat fast mit seinen eigenen Worten wieder: es täte ihm zwar leid, dass Reiser vom widrigen Glück umhergetrieben sei, doch sähe er noch kein Mittel, wie er gerade auf dieser Universität Unterstützung finden würde. Indes wolle er ihm die Hoffnung nicht dazu benehmen.
Hierauf fragte er nach Reisers Geburtsort, und da dieser Hannover nannte, so fuhr der Prälat fort: er gäbe ihm den Rat, sich an den Doktor Froriep zu wenden, weil dieser gewissermassen sein Landsmann sei. Bei dem möchte er sich also melden und dann wieder zu ihm kommen. Mit diesen Worten drückte er Reisern ein Stück Silbergeld in die Hand und fügte hinzu: er möchte mit diesem kleinen Mittagsmahl