und Fühllosigkeit dicht vor dem goldnen Kreuze vorbei, wo er logiert hatte, aus dem Tore wieder heraus, in welches er das erstemal nach Gota gekommen war, und nahm wieder den Weg auf Erfurt zu, um dann von da nach Mühlhausen zu gehen und endlich die Barzantische Schauspielergesellschaft zu erreichen.
Denn als er nur erst wieder durch Gota war, verschwand auch allmählich die imaginierte geschichte, die ihn drei Tage vor Gota in der Irre herumgetrieben hatte, die erste Aussicht öffnete sich noch einmal wieder; Gota lag wieder hinter ihm und war wieder der Mittelpunkt seiner Bestrebungen; so wie von Eisenach, hoffte er auch von Mühlhausen und zwar mit besserm Glück dortin zurückzukehren.
Nun war es aber schon dunkel, ehe er ein Dorf erreichen konnte, und er verirrte sich und ging beinahe eine Meile um; indes kam er zuletzt doch wieder auf die rechte Strasse und langte in demselben Gastofe an, wo er auf seiner Hinreise von Erfuhrt nach Gota eine der widerwärtigsten Nächte in der Gesellschaft von den groben Fuhrleuten zugebracht hatte, deren Quam ihm noch in frischem Andenken war.
In diesem Gastofe fand er noch alles lebhaft und einen Handwerksburschen unter den Bauern auf dem Flur sitzend, denen er seine Reisen in Kursachsen erzählte. Gerade als Reiser in den Gastof kam, trat der Wirt herzu und gebot dem Erzähler Stillschweigen, weil es schon spät in die Nacht und Zeit sei, sich schlafen zu legen.
Der Handwerksbursch und die Bauern legten sich nun auf die Streu, die schon zubereitet war und worauf auch Reiser Platz nahm. – Der Handwerksbursch konnte sich über die Grobheit des Wirts gar nicht zufrieden geben und gar nicht darüber einschlafen, indem er unzähligemal versicherte, dass ihm in ganz Kursachsen noch keine solche Grobheit von irgendeinem Wirt widerfahren sei.
Als Reiser nun hier am andern Morgen seinen Dreier Schlafgeld bezahlt hatte, war sein Vermögen bis auf neun Pfennige geschmolzen; und nun fing er an, auf einmal sich so erschöpft zu fühlen, da rohe Wurzeln schon seit mehrern Tagen seine einzige Kost gewesen waren, dass der Gedanke an eine Meile, die er gehen sollte, ihn mit Schrecken erfüllte; denn er fühlte sich diesen Morgen wie gelähmt, und der Raum zwischen Mühlhausen und hier kam ihm wie eine furchtbare Wüste vor, durch die er ohne einen Labetrunk und ohne Stärkung reisen sollte.
Der Handwerksbursch, der den Abend vorher von seinen Reisen in Kursachsen bis in die späte Nacht erzählt hatte, machte sich nun auf den Weg nach Erfurt und fragte Reisern, ob er auch des Weges ginge? Dieser bejahte es, und sie wanderten in einem nicht übereilten Schritt miteinander fort.
Der Handwerksbursch, welcher ein Buchbindergeselle und schon ziemlich betagt war, fragte Reisern nach seiner Profession, und dieser antwortete: er sei ein Schuhknecht, und fand ordentlich eine Art von Würde darin, indem er sich einen Schuhknecht nannte; denn als ein solcher war er doch etwas, als einer, der ein blosses Blendwerk seiner Phantasie verfolgte, war er nichts.
Der Buchbindergeselle schien seiner Erzählung nach schon seit vielen Jahren aus dem Reisen ein eigenes Geschäft gemacht zu haben und war gegen seinen gefährten mit seinen Erfahrungen nicht zurückhaltend, indem er ihn unterrichtete, wie man besonders im Sommer und in der Obstzeit mit einem halben Gulden sehr weiter Touren machen könne, ohne doch dabei Not zu leiden.
Obst, meinte er, würde einem nirgends versagt und Brot auch nicht leicht; auf die Weise brauche man des Tages oft nur wenige Pfennige zu verzehren. – So sei er schon mehrmalen ganz Kursachsen durchgereist und habe sich wohl dabei befunden; kurz, er hielt Reisern würdig, in seinen Orden initiiert zu werden, dessen Vorzüge und Annehmlichkeiten er ihm auf die reizendste Art beschrieb, weil es ein Leben voll immerwährender Veränderung und Unabhängigkeit war. –
Reiser aber fühlte seine Knie wanken, und seine Müdigkeit nahm so sehr bei jedem Schritte zu, dass er in diesem Augenblick das einförmigste und abhängigste Leben sich gerne hätte gefallen lassen, wenn sich ein ruhiger Aufentalt ihm dargeboten hätte.
Sein Gefährte schien seinen Kummer zu merken und suchte ihm Trost und Mut einzusprechen, als sie schon nahe vor Erfurt an einen kühlen und klaren Quell kamen, der dem Buchbindergesellen schon bekannt war und wo sie bei der drückenden Hitze beide ihren Durst löschten.
Nicht leicht kann diese wohltätige Quelle, die den Einwohnern von Erfurt wohlbekannt ist, für einen Wanderer erquickender gewesen sein, als sie es für Reisern war, der sich ganz erschöpft daran niederwarf und den Labetrunk, den er oft von Menschen kaum zu fordern wagte, nun unmittelbar aus dem Schatz der natur empfing. –
Und dann erhielt so etwas für Reisern einen doppelten Wert, weil er das Poetische mit hinzutrug, das nun bei ihm wirklich wurde und wovon man sagen könnte, dass es die einzige Schadloshaltung für die notwendigen Folgen seiner Torheit war, für die er selbst nicht konnte, weil sie nach natürlichen Gesetzen in sein Schicksal von Kindheit auf sich notwendig einflechten musste.
Als nun die alten Türme von Erfurt wieder aus dem Tale emporstiegen und Reiser nun hoffnungslos dahin zurückwanderte, wo er noch vor kurzem mit dem jugendlichen Schimmer der ersten Hoffnung ausgereist war, so fiel es ihm sonderbar auf, da sein Gefährte, der Buchbindergeselle, auf einmal zu ihm sagte: er glaube nicht, dass Reiser ein Schuhknecht sei, sondern hielte ihn für einen Studenten, der auf der Universität in Erfurt studieren wolle.
Reiser, der schon wieder bis zum Hinsinken ermattet war, fühlte sich durch diese zufälligen