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sei und deswegen einen lateinischen Pass bei sich führe. – Der Dorfrichter oder Schulze des Orts, welcher sich gegen seine Frau und die andern bauern das Ansehen geben wollte, als ob er Latein verstände, las mit einer wichtigen Miene den Anschlagbogen durch und sagte, es sei recht gut!

Während nun Reiser diese Tage in einer Art von Betäubung gleichsam wie in der Irre umherging, herrschte bloss die Imagination in ihm; denn da er nun auf dem feld lebte, so schien er sich an gar nichts mehr gebunden und liess seiner Einbildungskraft den Zügel schiessen.

Nun war ihm aber sein Schicksal nicht romanhaft genug. Dass er hatte Schauspieler werden wollen und sein Wunsch ihm misslungen war, das war eine abgeschmackte Rolle, die er spielteer musste irgendein Verbrechen begangen haben, das ihn in der Irre umhertrieb; ein solches Verbrechen dachte er sich nun aus: er stellte sich vor, dass er mit dem jungen Edelmann, den er in Hannover unterrichtete, die Universität in Göttingen bezogen und von diesem im Trunk zum Zweikampf genötigt worden wäre, wo er sich bloss verteidigte und jener wütend in seinen Degen gerannt sei, worauf er die Flucht genommen habe, ohne zu wissen, ob jener tot oder lebend sei.

Diese von ihm selbst gemachte Erdichtung drängte sich ihm bei seinem Herumirren im feld fast wie eine Wahrheit auf; er träumte davon, wenn er einschlief; er sah seinen Gegner im Blute liegen, er deklamierte laut, wenn er erwachte, und spielte auf die Weise mit seiner Phantasie mitten auf dem feld zwischen Gota und Eisenach die Rollen durch, welche man ihm auf dem Teater verweigert hatte.

Und dies allein war es, was ihn von der Verzweiflung rettete; denn hätte er sich seinen Zustand völlig so leer und abgeschmackt gedacht, wie er wirklich war, so würde er sich selbst ganz weggeworfen haben und in Schmach versunken sein.

Nun aber wurde ihm das Bitterste erträglich: am zweiten Tage auf seiner Rückkehr von Eisenach nach Gota war es gerade Sonntag und eine drückende Hitze. Reiser kam vom feld durch ein Dorf und suchte Schatten, den er nicht anders finden konnte als auf einem grünen mit Bäumen bepflanzten platz gerade der Kirche gegenüber. Er liess sich in einem Bauerhause erst ein Glas wasser geben; dann legte er sich unter den Bäumen nieder, während dass in der Kirche gegenüber gesungen wurde; unter dem Singen schlief er ein und wachte nicht eher wieder auf, als bis der Prediger aus der Kirche kam, mit dem sein Sohn ging, der auch erst von der Universität zurückgekommen war. Beide gingen auf Reisern zu und fragten ihn, woher er käme und wohin er ginge? er gab verwirrte Antworten und gestand endlich, dass er wegen eines Duells, das er in Göttingen gehabt habe, flüchtig sei. Es war ihm selber, als ob ihm dies Geständnis äusserst schwer würde, und der Gedanke an die Unwahrheit der Sache fiel ihm fast gar nicht mehr bei: denn da er einmal bloss in der Ideenwelt lebte, so war ihm ja alles das wirklich, was sich einmal fest in seine Einbildungskraft eingeprägt hatte; ganz aus allen Verhältnissen mit der wirklichen Welt hinausgedrängt, drohte die Scheidewand zwischen Traum und Wahrheit bei ihm den Einsturz.

Der Prediger nötigte ihn in sein Haus und wollte ihn bewirten. – Reiser aber, gleichsam wie von Angst getrieben, entfernte sich so bald wie möglich wieder. – Denn er musste in seinem imaginierten Zustande die Gesellschaft der Menschen fliehen. –

Nahe vor Gota nötigte ihn wiederum ein Prediger in sein Haus, der sich wohl einen halben Tag lang mit ihm unterhielt und ihm erzählte, dass vor ein paar Jahren auch so zu fuss und wohlgekleidet ein reisender Gelehrter hier durchgekommen, der sich lange mit ihm unterhalten; er habe sich den Tag im Kalender bemerkt und zweifle fast nicht, dass es der Doktor Bart gewesen sei.

Nun erzählte dieser Prediger Reisern seine geschichte, wie er sich erst lange als Hofmeister herumgetrieben und hier nun endlich in dieser alten Pfarre eine Ruhestätte gefunden habe, wo er dem, was in der Welt vorginge, nur so ganz von ferne zusähe.

Reiser erzählte nun dem Prediger auch seine eigene imaginierte unglückliche geschichte, wobei ihm der Prediger in einem Kaffeeschälchen einige Erfrischungen von eingemachtem Obst vorsetzte und ihm dabei Mut zusprach, dass er sein Verbrechen vielleicht noch wieder gutmachen könne; dabei sah er auf die weisse Scheide von dem Degen, welchen Reiser trug, und fragte ihn, ob eine solche Degenscheide denn wirklich das Zeichen der Freimäurer und ob Reiser nicht in diesem Orden sei? – Je mehr dieser es verneinte, desto fester glaubte der Prediger, demohngeachtet einen Freimaurer vor sich zu sehen, der sich ihm nur in diesem Punkt nicht entdecken wollte.

Dieser Prediger betrachtete Reisern manchmal vom Kopf bis zu Fuss und schien sich überhaupt sonderbare Vorstellungen von ihm zu machen. – Er hielt ihn für einen Menschen, der viel mehr verschwieg als er sagte, und mit dem er nicht recht wusste, wie er dran war. – Demohngeachtet konnte er nicht unterlassen, immer noch fragen an ihn zu tun, bis Reiser endlich, da die Sonne sich schon zum Untergange neigte, von ihm Abschied nahm und der Prediger ihm noch die Ermahnung mit auf den Weg gab, vorzüglich sein Verbrechen durch Reue zu büssen.

Durch die lange Unterhaltung mit dem Prediger und durch dessen Ermahnungen war Reisers Imagination noch mehr erhitzt. – Er kam in der Abenddämmerung in Gota an und ging in einer Art von hartnäckiger Betäubung