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wie mit Absicht alle seine Hoffnungen vereitelte.

Dazu kam nun wieder, dass er nicht nur in der Einbildung, sondern wirklich und doppelt unglücklich war, weil die einzige Hoffnung, seinen Unterhalt zu finden und zugleich seine Schuld in Gota zu tilgen, auf seiner Annahme bei der Barzantischen truppe in Eisenach beruhte und diese nun gerade an demselben Tage ihren Weg ebendahin genommen hatte, wo er hergekommen war.

Sein Zustand brachte ihn der Verzweiflung nahe und machte, dass er zum erstenmal sich über sein Schicksal wegsetzte und in eine Art von Vergessenheit seiner selbst geriet, welche ihn dem Anscheine nach froh und aufgeräumt machte. – Dabei war es ihm, als ob er durch diesen gar zu unerwarteten und hämischen Streich des Schicksals von allen Verbindungen losgesprochen wäre und sich nun selbst wie ein vernachlässigtes und verworfenes Wesen ansehen dürfe, das in gar keinen Betracht mehr kommt.

Er hatte den ganzen Tag nichts genossen und liess sich den Abend Bier und Brot und auf die Nacht ein Bette geben, wo er des sanftesten Schlafes genoss, weil er auf keine Zukunft mehr rechnete und von keinem einzigen Gedanken an die Zukunft oder an sein eigenes Schicksal mehr gestört wurde, denn nun war er mit seinen Aussichten ganz am Ende.

Am andern Morgen aber fühlte er, dass dieser wohltätige Schlaf aufs neue seine schlummernden Kräfte erweckt hatteer fühlte wieder statt der Lähmung einen gewissen Trotz und Erbitterung gegen das Schicksal, wodurch er Mut bekam, noch einmal alles zu dulden und alles zu wagen, um seinen Endzweck dennoch zu erreichen: er entschloss sich, der Barzantischen Schauspielergesellschaft nachzureisen und von Eisenach bis Mühlhausen denselben Weg, den er gekommen war, wieder zurückzugehn.

Nachdem er nun in dem Gastofe seine Zeche bezahlt hatte, so blieben ihm von seinem ganzen Vermögen noch fünf oder sechs Dreier übrig, womit er auf die Wartenburg stieg und von da die weite und schöne Gegend vor sich übersahe.

Der Unteroffizier auf der Wartenburg redete Reisern sehr höflich an und fragte ihn, ob er nicht die Merkwürdigkeiten besehen wollte? worauf Reiser erwiderte: er würde den Nachmittag mit einer Gesellschaft wiederkommen, jetzt wolle er sich nur in der Gegend ein wenig umsehen.

Er fühlte sich, indem er um sich her blickte, auf diesem Standpunkte über sein Schicksal erhaben; denn aller Widerwärtigkeiten ungeachtet war er doch bis auf diesen Fleck gekommen, und diesen schönen Moment einer reizenden Aussicht in die umgebende natur konnte ihm doch niemand rauben. Er sammlete sich gleichsam Stärke zu der Mühe und sorgenvollen Wanderschaft, die er nun aufs neue wieder antreten wollte.

Sein Plan, den er sich hiezu entworfen hatte, bestand in nichts Geringerm, als die wenigen Dreier, die ihm noch übrig waren, bloss zu Schlafgeld anzuwenden und bei Tage sich von den Wurzeln auf dem feld zu nähren, denn er hatte es auf dem Herwege von Gota schon einmal versucht, ein paar Wurzeln auf dem feld auszuziehen, die ihm, da er den ganzen Tag nichts genossen hatte, eine sehr angenehme Erquickung gewährten.

Hieran hatte er sich hier gleich den Morgen beim Erwachen erinnert, und dies war es vorzüglich, was ihm den Trotz gegen das Schicksal einflösste, von dem er sich nun beinahe ganz unabhängig dachte.

Er fing noch an diesem Tage an, seinen Entschluss mit eben dem Selbstgefühl durchzusetzen, womit er auf seiner ersten Wanderung sich auf den blossen Genuss von Bier und Brot beschränkte, und fühlte sich nun doppelt so unabhängig wie damals; denn während dass der Unteroffizier auf der Wartenburg ihn mit der Gesellschaft zurückerwarten mochte, um ihm die Merkwürdigkeiten des Schlosses zu zeigen, verzehrte Reiser schon auf dem feld sein Mahl von rohen Wurzeln, die er sich mit einem alten Einlegemesser, das er noch von seinem Freunde Philipp Reisern besass, in Scheiben schnitt und sie mit dem grössten Wohlgeschmack verzehrte.

Nun war er aber, weil er sich zu lange auf der Wartenburg aufgehalten hatte, kaum erst eine Meile von Eisenach, und ihn überfiel, da er seine Wurzeln verzehrt hatte, eine unwiderstehliche Trägheit, so dass er mitten auf dem feld einschlief und erst am Abend bei Sonnenuntergang wieder erwachte.

Da er nun nach dem nächsten dorf zugehen wollte, so kam er vom rechten Wege ab und erreichte erst spät einen Gastof, wo er nichts verzehrte, sondern am andern Morgen bloss die Streu bezahlte.

Von diesem dorf aus verirrte er sich am andern Tage wieder zwischen den Feldern, wo er Wurzeln suchte, die gestrige Trägheit überfiel ihn wieder, die Hitze war drückend, und wo er den Schatten eines Baumes fand, da legte er sich nieder, und sogleich überfiel ihn der Schlaf; so dass er auf dem Wege von Eisenach bis Gota, den er auf der Hinreise in wenigen Stunden zurückgelegt hatte, beinahe vier Tage zubrachte.

So labyrintisch wie sein Schicksal war, wurden auch nun seine Wanderungen, er wusste sich aus beiden nicht mehr herauszufinden; vor Gota schien sich seine Strasse zurückzubiegen, und er musste doch wieder durch, wenn er seinen Weg nach Mühlhausen fortsetzen wollte; und weil er nun die gerade Strasse scheute, so war es ihm gewissermassen lieb, wenn er sich verirrte.

Sein lateinischer Anschlagbogen half ihm auf diesem Wege zweimal durch; einmal, da man ihn für eine verdächtige person hielt, weil er keinen Pass vorzeigen könnte; und ein andermal, da man einen Pass von ihm verlangte, dass er nicht aus einer Gegend käme, wo damals die Viehseuche herrschte; er zeigte seinen lateinischen Anschlagbogen vor und fügte hinzu, dass er ein Student