und er den Tag dadurch zu entweihen glaubte.
Sein Vater liess ihn nun öfters zu diesem alten mann gehen, und er brachte fast die ganze Zeit des Tages bei ihm zu, die er nicht in der Schule war.
Alsdann bediente er sich dessen Bibliotek, die grösstenteils aus mystischen Büchern bestand, und las viele davon von Anfang bis zu Ende durch. Auch gab er dem alten mann oft Rechenschaft von seinen Progressen im Lateinischen und von den Ausarbeitungen bei seinem Schreibmeister. So brachte Anton ein paar Monate ganz ungewöhnlich glücklich zu.
Aber welch ein Donnerschlag war es für Anton, als ihm beinahe zu gleicher Zeit die schreckliche Ankündigung geschahe, dass noch mit diesem Monate seine lateinische Privatstunde aufhören und er zugleich in eine andre Schreibschule geschickt werden sollte.
Tränen und Bitten halfen nichts, der Ausspruch war getan. Vierzehn Tage wusste es Anton vorher, dass er die lateinische Schule verlassen sollte, und je höher er nun rückte, desto grösser ward sein Schmerz.
Er griff also zu einem Mittel, sich den Abschied aus dieser Schule leichter zu machen, das man einem Knaben von seinem Alter kaum hätte zutrauen sollen. Anstatt dass er sich bemühete, weiter heraufzukommen, tat er das Gegenteil und sagte entweder mit Fleiss nicht, was er doch wusste, oder legte es auf andre Weise darauf an, täglich eine Stufe herunterzukommen, welches sich der Konrektor und seine Mitschüler nicht erklären konnten und ihm oft ihre Verwunderung darüber bezeugten.
Anton allein wusste die Ursache davon und trug seinen geheimen Kummer mit nach haus und in die Schule. Jede Stufe, die er auf die Art freiwillig herunterstieg, kostete ihm tausend Tränen, die er heimlich zu haus vergoss; aber so bitter diese Arznei war, die er sich selbst verschrieb, so tat sie doch ihre wirkung.
Er hatte es selber so veranstaltet, dass er gerade am letzten Tage der Unterste werden musste. Allein dies war ihm zu hart. Die Tränen standen ihm in den Augen, und er bat, man möchte ihn nur noch heute an seinem Orte sitzen lassen, morgen wolle er gern den untersten Platz einnehmen.
Jeder hatte Mitleiden mit ihm, und man liess ihn sitzen. Den andern Tag war der monat aus, und er kam nicht wieder.
Wie viel ihm diese freiwillige Aufopferung gekostet habe, lässt sich aus dem Eifer und der Mühe schliessen, wodurch er sich jeden höhern Platz zu erwerben gesucht hatte.
Oft, wenn der Konrektor in seinem Schlafrocke aus dem Fenster sah und er vor ihm vorbeiging, dachte er: o könntest du doch dein Herz gegen diesen Mann ausschütten. Aber dazu schien doch die Entfernung zwischen ihm und seinem Lehrer noch viel zu gross zu sein.
Bald darauf wurde er auch, ungeachtet alles seines Flehens und Bittens, von seinem geliebten Schreibmeister getrennt.
Dieser hatte freilich einige Nachlässigkeit in Antons schreibe- und Rechenbuche passieren lassen, worüber sein Vater aufgebracht war.
Anton nahm mit dem grössten Eifer alle Schuld auf sich und versprach und gelobte, was nur in seinen Kräften stand, aber alles half nichts; er musste seinen alten treuen Lehrer verlassen und zu Ende des Monats anfangen, in der öffentlichen Stadtschule schreiben zu lernen.
Diese beiden Schläge auf einmal waren für Anton zu hart.
Er wollte sich noch an die letzte Stütze halten und sich von seinen ehemaligen Mitschülern jedes aufgegebene Pensum sagen lassen, um es zu haus zu lernen und auf diese Weise mit ihnen fortzurücken; als aber auch dies nicht gehen wollte, so erlag seine bisherige Tugend und Frömmigkeit, und er ward wirklich eine Zeitlang aus einer Art von Missmut und Verzweiflung, was man einen bösen Buben nennen kann.
Er zog sich mutwilligerweise in der Schule Schläge zu und hielt sie alsdann mit Trotz und Standhaftigkeit aus, ohne eine Miene zu verziehen, und dies machte ihm dazu ein Vergnügen, das ihm noch lange in der Erinnerung angenehm war.
Er schlug und balgte sich mit Strassenbuben, versäumte die Lehrstunden in der Schule und quälte einen Hund, den seine Eltern hatten, wie und wo er nur konnte.
In der Kirche, wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war, plauderte er mit seinesgleichen den ganzen Gottesdienst über.
Oft fiel es ihm ein, dass er auf einem bösen Wege begriffen sei, er erinnerte sich mit Wehmut an seine vormaligen Bestrebungen, ein frommer Mensch zu werden; allein sooft er im Begriff war umzukehren, schlug eine gewisse Verachtung seiner selbst und ein nagender Missmut seine besten Vorsätze nieder und machte, dass er sich wieder in allerlei wilden Zerstreuungen zu vergessen suchte.
Der Gedanke, dass ihm seine liebsten Wünsche und Hoffnungen fehlgeschlagen und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war, nagte ihn unaufhörlich, ohne dass er sich dessen immer deutlich bewusst war, und trieb ihn zu allen Ausschweifungen.
Er ward ein Heuchler gegen Gott, gegen andre und gegen sich selbst.
Sein Morgen- und Abendgebet las er pünktlich wie vormals, aber ohne alle Empfindung.
Wenn er zu dem alten mann kam, tat er alles, was er sonst mit aufrichtigem Herzen getan hatte, aus Verstellung und heuchelte in frommen Mienen und aufgeschriebnen Worten, worin er fälschlich einen gewissen Durst und sehnsucht nach Gott vorgab, um sich bei diesem mann in achtung zu erhalten.
Ja, zuweilen konnte er heimlich lachen, indes der alte Mann sein Geschriebnes las.
So fing er auch an, seinen Vater zu betrügen. Dieser liess sich einmal gegen ihn verlauten: damals vor drei Jahren sei er noch ein ganz andrer Knabe