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für die Bezahlung lassen und dann beim Schlossbau Steine zuführen.

Während nun dies in seinen Gedanken vorging, glaubte er selbst, es sei sein wahrer Ernst, und wusste nicht, dass seine Einbildungskraft ihn wieder täuschte und dass er schon wieder in Gedanken eine Rolle spielte.

Denn als Handlanger beim Schlossbau war er nun das Niedrigste, was er nur sein konnte; diese selbstgewählte freiwillige Niedrigkeit hatte einen ausserordentlichen Reiz für ihner lebte nun wie die übrigen von seinem stand, ging des Sonntags fleissig in die Kirche und war ein stiller religiöser Menschin einsamen Stunden ergötzte er sich denn mit Shakespeare und Homer und hatte dasjenige reelle Leben in sich, was er nicht ausser sich haben konnte.

Besonders rührend war ihm bei dergleichen Vorstellungen immer der Gedanke, dass er am Sonntage fleissig in die Kirche gehen und dem Prediger recht aufmerksam zuhören würde. – Denn hierdurch vernichtete er gleichsam sich selbst, weil er alles, was auch der schlechteste Prediger ihm sagen würde, doch für sich noch sehr lehrreich hielt, und nicht klüger als der einfältigste Mensch sein wollte.

Er dachte sich nun wieder in dem Zustande, worin er als Hutmacherbursch gewesen war, wo er den Prediger, der ihm gefiel, wie ein Wesen höherer Art und selbst die Chorschüler auf der Strasse mit Ehrfurcht betrachtete. Vom Teater durfte er in diesem Zustande kaum einen Begriff habenund doch war es ihm wieder, als ob eben dieser Zustand auf eine wunderbare Weise ihn seinem ersten Wunsche vielleicht wieder näher bringen könnte.

Ehe er sich nun aber um die Stelle eines Tagelöhners bei dem Bau am schloss wirklich bewarb, konnte er doch nicht unterlassen, noch einmal zu Ekhof zu gehen, um ihm Lebewohl zu sagen und ihm zugleich zu erzählen, dass auch seine letzte Hoffnung gescheitert sei.

Er konnte diese Erzählung nicht ohne Beklemmung und Rührung vorbringen, weil er sich seinen ganzen nunmehrigen Zustand und also weit mehr dabei dachte, als er sagte. –

Der gute Ekhof redete ihm zu: er solle den Mut nicht sinken lassen; drei Meilen von hier in Eisenach sei jetzt die Barzantische truppe; es würde ihm nicht fehlen, bei dieser truppe angenommen zu werden; er solle sich bei derselben nur erst eine Weile zu üben suchen und dann wieder nach Gota kommen, wo vielleicht günstigere Umstände sich für ihn ereignen und seine Aufnahme desto leichter sein würde, wenn er schon eine zeitlang bei einer truppe gestanden hätteer könne dies ja leicht versuchen und den Weg von Gota bis Eisenach auf der Chaussee wie einen Spaziergang machen.

Mit dieser Anrede von Ekhof war auf einmal das ganze Projekt mit dem Steinezuführen und dem arbeiten ums Tagelohn aus Reisers Gedanken verschwunden. – Denn das Ziel, wohin er doch am Ende wollte, sah er auf einmal wieder nahe vor sich, und alle Bedenklichkeiten hörten auf, da er sich den Weg von Gota nach Eisenach wie einen Spaziergang dachte, wodurch er gar keine Untreue an seinem Wirt beging, dem er von Eisenach als Schauspieler doch eher und leichter wie von seiner Tagelöhnerarbeit bezahlen konnte.

Er ging also, da es hoch Mittag war, aus Ekhofs haus, so wie er war und ohne sich umzusehen, gerade auf Eisenach zu. Und dieser Weg wurde ihm nun auch wirklich so leicht wie ein Spaziergang. Denn alle die erstorbenen Hoffnungen waren nun auf einmal in seiner Seele wieder erneuert und machten einen lebhaften und angenehmen Kontrast gegen die melancholischen Ideen, womit er sich an diesem Vormittage noch zum Tagelöhner hatte verdingen wollen.

Er dachte sich immer nahe bei Gota, und wie er am andern Tage zurückkehren und seinem Wirte eine angenehme Nachricht bringen würde. Dies machte, dass die Schönheiten der natur ihn wieder ergötzten; er wandelte mit innigem Vergnügen durch die romantischen Täler zwischen den Bergen hin, und als er die Türme der alten Wartenburg, von der er schon in seiner Kindheit gehört hatte, zuerst erblickte, so umfasste sein Gemüt die Gegenstände umher mit einer Wärme und Anschliessung, die ihm alles doppelt schön machte; es war ihm, als ob er in einem süssen Traume schwebte, worin, was er ehmals gedacht hatte, eins nach dem andern sich ihm nun wirklich darstellte.

Es war ihm, als ob er allentalben sein könnte, wo er wollte, da er sich so auf einmal in wenigen Stunden von Gota nach Eisenach versetzt sah, woran er den Morgen desselbigen Tages noch gar nicht gedacht hatte.

Seinen Überrock und andre Sachen, die er sonst bei sich trug, hatte er zu haus gelassen und wanderte in seinem besten Anzuge mit dem Degen an der Seite, so wie er bei Reichard und Ekhof seinen Besuch gemacht hatte, in Eisenach ein. Zufälligerweise steckten seine geschriebenen Gedichte und der lateinische Anschlagbogen, worauf sein Name stand, noch in seiner Rocktasche, der Homer aber und ein teil der Wäsche, die er bei sich trug, war samt dem Überrocke zurückgeblieben.

Als er in die Stadt kam, schien ihm alles ein frohes und heiteres Ansehn zu haben; die Menschen schienen gleichsam zur Freude gestimmt zu sein, so dass er mit lauter frohen Ahndungen in den Gastof trat, wo er die Nacht bleiben wollte und sich, nachdem er sich kaum niedergesetzt hatte, erkundigte, ob diesen Abend nicht etwa Komödie gespielt würde?

Welch ein Donnerschlag war es für ihn, als man ihm antwortete: die Barzantische Schauspielergesellschaft sei gerade diesen Morgen nach Mühlhausen abgereist! – Also war es nun, als ob ein feindseliges Schicksal ihm immer auf dem fuss nachfolgte und ordentlich