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. Weswegen putzte aber jener seine Hutkokarde, als um seinem Mädchen, der einzigen zu gefallen, die damals seine Göttin war, in der er sich wiederfinden und wieder von ihr geliebt sein wollte.

Das Schauspiel endigte sich froh, die Unglückli

chen wurden getröstet, das Weinen verwandelte sich in lachen, das Trauren in Fröhlichkeitaber betrübt und mit schwerem Herzen ging Reiser in seine wohnungvor ihm war alles dunkel, und er sah nun keinen Strahl von Hoffnung mehr.

Als er zu haus kam, legte er sich sogleich zu Betteseine Sinne waren stumpfseine Gedanken wussten keinen Ausweg mehr zu findenund der Schlaf war das einzige, was ihm übrig blieb. – Es war ihm, als ob er aus diesem Schlafe nicht wieder erwachen würdedenn alle Lebensaussichten waren ihm abgeschnitten, und er hatte keine Hoffnung mehr, wozu er erwachen sollte.

Der Gedanke von Auflösung, von gänzlichem Vergessen seiner selbst, von Aufhören aller Erinnerung und alles Bewusstseins war ihm so süss, dass er diese Nacht die Wohltat des Schlafes im reichsten Masse genossdenn kein leiser Wunsch hemmte mehr die gänzliche Abspannung aller seiner Seelenkräfte; kein Traum von täuschender Hoffnung schwebte ihm mehr voralles war nun vorbei und endigte sich in die ewigstille Nacht des Grabes.

So wohltätig reicht die natur den Hoffnungslosen auch schon die Schale dar, aus der er Vergessenheit seiner Leiden trinken und alle Erinnerungen an irgend etwas, das er wünschte oder wornach er strebte, aus der Seele verwischt werden sollen.

Als Reiser am andern Morgen spät aus seinem tiefen Schlafe erwachte, fühlte er sich wunderbar an Leib und Seele gestärkter fühlte Kraft in sich, alles zu unternehmen, um auch selbst unter diesen Umständen noch zum Ziel seiner Wünsche zu gelangen.

Es stieg ein Gedanke in ihm auf, sich hier um Unterrichtsstunden zu bewerben; sich durch seinen eigenen Fleiss zu nähren und auf dem Teater umsonst zu dienen. – Dieser Entschluss wurde immer lebhafter bei ihm, und er traute seinen Kräften alles zu, sobald er nur wieder einen Schimmer von Hoffnung vor sich sah, sein Ziel zu erreichen.

Während dieser Gedanken zog er sich an und ging zu Ekhof, dem er seinen Entschluss entdeckte und dessen Rat er sich ausbat, indem er versicherte, dass er für sich selbst leben könne, ohne doch von der Art, wie er zu leben dächte, sich etwas merken zu lassen.

Ekhof lobte und billigte seine Standhaftigkeit und sagte ihm, er zweifle nicht, dass dies Anerbieten werde angenommen werden. Der Bibliotekarius Reichard, welchem Reiser eben diesen Entschluss bekannt machte, versprach ihm den andern Tag Bescheid darauf zu geben.

Und nun kehrte Reiser voll neuer Hoffnung wieder zu haussein ganzes Beginnen kam ihm nun selber noch ehrenvoller vor, weil er mit der Kunst zugleich den Fleiss in nützlichen Geschäften und nährendem Erwerb verbandund alle seine übrigen Stunden der Kunst zum Opfer brachte.

Er ass nun diesen Mittag wieder voll Zutrauen bei seinem Wirtund fühlte in sich einen unwiderstehlichen Mut, der Kunst zuliebe das Härteste im Leben zu ertragen, sich auf die notwendigsten Bedürfnisse einzuschränken und Tag und Nacht nicht zu ruhen, um sich in der Kunst zu üben und zugleich seine Unterrichtsstunden gehörig abzuwarten.

Mit diesen Entschlüssen, die ihm einen recht heroischen Mut einflössten, kam er am andern Morgen wieder zu Reichard und hörte nun sein Endurteil, dass man sich auch auf sein Anerbieten, umsonst auf dem Teater zu dienen, nicht einlassen könne und jetzt schlechterdings kein neues Engagement bei diesem Teater mehr stattfinden solle. – Wenn Reiser einige Wochen eher gekommen wäre, so hätte sich etwas für ihn tun lassen, nun aber sei alles vergeblich. –

Diese ganz unerwartete zweite abschlägige Antwort versetzte Reisern in eine Art von innerer Erbitterunger fing in diesem Augenblicke an, sich selbst zu hassen und zu verachten, und fragte: ob er denn nicht etwa Souffleur oder Rollenschreiber oder Lichtputzer beim Teater werden könne? – Reichard antwortete: es täte ihm leid, da Reiser so viel Feuer fürs Teater verriete, dass sein Unternehmen ihm hier misslungen wäre, indes würde es ihm vielleicht anderwärts gelingen.

Reiser ging nun in tiefen Gedanken von Reichard weg, und ging bei dem Bau am schloss auf und nieder, wo einige in Schiebkarren Steine zuführten, andere sie ordneten. – Er stand wohl an eine Stunde da und sah immer dieser Arbeit zudabei entstand eine sonderbare Begierde in ihm, sein gutes Kleid auszuziehen und mit den übrigen Tagelöhnern auch Steine zu diesem Bau auf den Schiebkarren herbeizuführen.

Es war schon gegen Mittag, und die Sonne schien immer heisser. – Die hände der Arbeiter wurden lasssie ruheten sich aus und verzehrten auf der Erde ihr Mittagsmahl. – Reiser gab sich mit dem einen ins Wort und fragte ihn, wie viel sein Tagelohn betrüge. Es war eine Anzahl Groschen, die Reiser nicht mehr in seinem Vermögen hatte; und das Geld konnte in einem Tage verdient werden.

Der Entschluss, um diesen Tagelohn zu arbeiten, war in dem Augenblicke bei Reisern schon so gewiss, dass er innerlich lachen musste, dass der Arbeiter, während er mit ihm sprach, die Mütze vor ihm abnahm und nicht wusste, dass sie vielleicht morgen Kameraden sein würden.

Das einzige, was seine Erbitterung und Selbstass und Selbstverachtung mildern konnte, war dieser Entschluss, worin er sich selbst wieder ehrte. Denn nun wollte er seinen wahren Zustand seinem Wirt entdekken, seinen Degen, sein Kleid ihm