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sein Wirt geriet auf den Gedanken, dass Reiser ein dramatisches Werk für die Schaubühne verfertigte. – Dies liess er sich auf keine Weise ausreden und wünschte Reisern schon im voraus Glück zu der glänzenden Laufbahn, die er nun betreten würde.

Als Ekhof die Gedichte gelesen hatte, bezeigte er Reisern seinen Beifall darüber und sagte, er wolle sie auch dem Bibliotekarius Reichard zu lesen geben. Dies war für Reisern eine Aufmunterung ohnegleichen, weil er sich immer noch an Ekhofs ersten Ausspruch erinnerte, wie nahe der Schauspieler und der Dichter aneinander grenzten.

Er zweifelte nun nicht, dass diese Gedichte ihm seinen Weg zum Teater noch mehr bahnen und ihn bald seinem Ziele näher bringen würden. Dazu kam noch, dass der Schauspieler Grossmann, welcher sich damals in Gota aufhielt und Reisern einmal auf der Strasse begegnete, ihm neuen Mut zusprach, indem er den Grund anführte, dass man ihn gewiss nicht würde so lange aufgehalten haben, wenn man nicht gesonnen sei, ihn vielleicht ohne Debüt für das Teater zu engagieren; denn es war nun schon in die dritte Woche, dass Reiser sich hier aufhielt.

Diese tröstenden Worte und die freundliche Anrede von Grossmann waren damals ein wahrer Balsam für Reisern, der bei dem schloss, wo gebauet wurde, einsam auf und nieder ging und gerade mit finsterm Unmut über sein noch ungewisses Schicksal nachdachte.

Reiser ging nun mit guter Hoffnung zu haus und brachte den Tag bei seinem Wirt noch sehr vergnügt zu.

Am andern Morgen ging er in die probe, und man führte den Tag gerade die Operette der Deserteur auf, worin ein fremder Schauspieler, namens Neuhaus, den Deserteur und dessen Frau die Lilla spielte.

Ekhof bewies sich bei der probe besonders geschäftig, und Reiser stand hinter den Kulissen und sah mit Vergnügen zu, wie durch Anstrengung und Aufmerksamkeit eines jeden einzelnen das schöne Werk entstand, das am Abend die Zuschauer vergnügen sollte.

Er dachte sich lebhaft die Nähe, in der er sich nun bei diesen reizenden Beschäftigungen fand, und dass auf eben diesem Schauplatze mit seinem Spiele sich auch zugleich sein Schicksal entscheiden und seine Existenz auf diesem Flecke sich entwickeln würde. –

Denn auf diesen engumschränkten Schauplatz waren nun nach der weiten Reise alle seine Wünsche beschränkt; hier sah er sich, hier fand er sich wieder. – Hier schloss die Zukunft ihren ganzen reichen Schatz von goldenen Phantasien für ihn auf und liess ihn in eine schöne und immer schönere Ferne blikken. – –

So hatte er schon oft zwischen den Kulissen in Gedanken vertieft gestanden und stand auch diesmal wieder so, als er auf einmal den Bibliotekarius Reichard auf sich zukommen sah, von dem er schon seit einigen Tagen eine entscheidende Antwort erwartet hatte.

Die Miene desselben verkündigte schon nichts Gutes, und er redete Reisern mit den trocknen Worten an, es täte ihm leid, ihm sagen zu müssen, dass aus seinem Engagement beim Teater nichts werden und dass er auch zur Debütrolle nicht kommen könne. – Mit diesen Worten gab er Reisern die geschriebenen Gedichte zurück, indem er gleichsam zum Trost hinzufügte, es herrsche eine leichte Versifikation darin und er solle dies Talent ja nicht vernachlässigen.

Reiser, der an Leib und Seele gelähmt war, konnte kein Wort hierauf antworten, sondern ging hin, wo das Teater mit seinem letzten Vorhange ganz am Ende an die kahle Mauer grenzt, und stützte sich verzweiflungsvoll mit dem kopf an die Wand. Denn er war nun wirklich unglücklich und doppelt unglücklich. –

Der eingebildete und der würkliche Mangel traten in fürchterlicher Eintracht zusammen, um sein Gemüt mit Schrecken und Grauen vor der Zukunft zu erfüllen.

Er sah nun keinen Ausweg aus diesem Labyrinte, in welches seine eigene Torheit ihn geleitet hattehier war nun die kahle öde Mauer, das täuschende Schauspiel war zu Ende.

Er eilte vors Tor hinaus und ging in der Allee, wo er sich schon oft mit den angenehmsten Vorstellungen beschäftiget hatte, verzweiflungsvoll auf und nieder; die Menschen gingen kalt vor ihm vorbei; niemand wusste, dass er in diesem Augenblick die einzige Hoffnung seines Lebens verloren hatte und einer der verlassensten Menschen war.

Und sonderbar war es, dass gerade in diesem allerverlassensten Zustande sich ein unbekanntes Gefühl von Liebebedürfnis in ihm regte, da seine Verzweiflung in Mitleid mit seinem eigenen Zustande sich verwandelte und ihm nun ein Wesen fehlte, das dieses Mitleid mit ihm haben könnte.

Er getrauete sich den Mittag nicht zu haus zu gehen, sondern ass nicht und kehrte erst den Nachmittag wieder zurückund am Abend ging er in die Komödie, wo nun die Operette der Deserteur aufgeführt wurde, die ihm den Tod seiner Hoffnungen bezeichnete.

Nie aber in seinem Leben ist seine Teilnahme an

einem fremden Schicksale stärker gewesen, als sie es gerade diesen Abend an dem Schicksale der Liebenden war, welche durch den drohenden Todesstreich getrennt werden sollten. Es traf bei ihm zu, was Homer von den Mädchen sagt, die um den erschlagenen Patroklius weinten, sie beweinten zugleich ihr eigenes Schicksal.

Selbst die Musik rührte ihn bis zu Tränen, und

jeder Ausdruck erschütterte sein Innerstes. Am stärksten aber fühlte er sich durch die Szene bewegt, wo der Deserteur, der schon sein Todesurteil weiss, im Gefängnis an seine Geliebte schreiben will und sein betrunkener Kamerad ihm keine Ruhe lässt, weil er ihn ein Wort soll buchstabieren lehren.

Reiser fühlte es hier tief, wie wenig ein Mensch

den andern Menschen ist, wie wenig den andern an seinem Schicksal liegt; und sein Freund mit der Hutkokarde stand wieder vor seiner Seele da