wohl eine Herberge für Handwerksburschen? Das täte nichts, sagte der Wirt, er solle mit seinem Logis schon zufrieden sein, und hierauf nötigte er Reisern in seine eigene wohleingerichtete stube, wo ein alter Hauptmann, ein Hoflakai und noch einige andere wohlgekleidete Leute waren, in deren Gesellschaft Reiser von dem Wirt introduzieret und auf das höflichste behandelt wurde. Denn man tat keine einzige unbescheidene oder neugierige Frage an ihn und bewies ihm doch dabei eine schmeichelnde Aufmerksamkeit.
In diesem Zimmer stand ein Flügel, auf welchem ein junger Mann, namens Liebetraut, sich hören liess. Dieser Liebetraut war auch erst vor kurzem zufälligerweise in eben diesen Gastof eingekehrt und mit den alten Wirtsleuten bekannt geworden, auf deren Zureden, weil sie sich gerne in Ruhe setzen wollten, er den Gastof in Pacht übernommen hatte, so dass er also eigentlich der Wirt war, obgleich die Alten ihm noch immer Anweisung geben und sich mit um die Wirtschaft bekümmern mussten.
Dieser junge Liebetraut liess sich sehr bald mit Rei
sern in ein Gespräch über schöne Wissenschaften und Dichtkunst ein und zeigte sich als ein Mann von feinem Geschmack und Bildung, und was das Sonderbarste war, so schien er nicht undeutlich darauf anzuspielen, dass Reiser wohl hierher gekommen sei, um sich dem Teater zu widmen.
Dieser liess sich für jetzt nicht weiter aus, und ihm
wurde nun auch eine stube angewiesen, wo er allein sein konnte. Hier sammelten sich nun seine Gedanken wieder, und er machte sich nun einen Plan, wie er am andern Tage seinen Besuch bei dem Schauspieler Ekhof machen und dem sein Anliegen vortragen wollte.
Während er auf seiner stube allein mit diesen Ge
danken beschäftigt war und am Fenster stand, kamen die Chorschüler vor das Haus und sangen eine Motette, die Reiser während seiner Schuljahre in Wind und Regen oft mitgesungen hatte.
Dies erinnerte ihn an jenen ganz trüben Zeitraum
seines Lebens, wo immer Missmut, Selbstverachtung und äusserer Druck ihm jeden Schimmer von Freude raubte, wo alle seine Wünsche fehlschlugen und ihm nichts als ein schwacher Strahl von Hoffnung übrig blieb.
Sollte denn nun, dachte er, nicht endlich einmal die Morgenröte aus jenem Dunkel hervorbrechen? – Und eine trügerische täuschende Hoffnung schien ihm zu sagen, dass er dafür, dass er so lange sich selber zur Qual gewesen, nun auch einmal werde Freude an sich selber haben, und dass die glückliche Wendung seines Schicksals nicht weit mehr entfernt sei.
Sein höchstes Glück aber war nun einmal der Schauplatz; denn das war der einzige Ort, wo sein ungenügsamer Wunsch, alle Szenen des Menschenlebens selbst zu durchleben, befriedigt werden konnte.
Weil er von Kindheit auf zu wenig eigene Existenz gehabt hatte, so zog ihn jedes Schicksal, das ausser ihm war, desto stärker an; daher schrieb sich ganz natürlich während seiner Schuljahre die Wut, Komödien zu lesen und zu sehen. – Durch jedes fremde Schicksal fühlte er sich gleichsam sich selbst entrissen und fand nun in andern erst die Lebensflamme wieder, die in ihm selber durch den Druck von aussen beinahe erloschen war.
Es war also kein echter Beruf, kein reiner Darstellungstrieb, der ihn anzog: denn ihm lag mehr daran, die Szenen des Lebens in sich als ausser sich darzustellen. Er wollte für sich das alles haben, was die Kunst zum Opfer fordert.
Um seinetwillen wollte er die Lebensszenen spielen – sie zogen ihn nur an, weil er sich selbst darin gefiel, nicht weil an ihrer treuen Darstellung ihm alles lag. – Er täuschte sich selbst, indem er das für echten Kunsttrieb nahm, was bloss in den zufälligen Umständen seines Lebens gegründet war. – Und diese Täuschung, wie viele Leiden hat sie ihm verursacht, wie viele Freuden ihm geraubt!
Hätte er damals das sichere Kennzeichen schon empfunden und gewusst, dass, wer nicht über der Kunst sich selbst vergisst, zum Künstler nicht geboren sei, wie manche vergebene Anstrengung, wie manchen verlornen Kummer hätte ihm dies erspart!
Allein sein Schicksal war nun einmal von Kindheit an, die Leiden der Einbildungskraft zu dulden, zwischen welcher und seinem würklichen Zustande ein immerwährender Misslaut herrschte, und die sich für jeden schönen Traum nachher mit bittern Qualen rächte.
Nach seiner langen Wanderschaft brachte nun Reiser wieder die erste Nacht in Gota in sanftem Schlummer zu, und als er am andern Morgen früh erwachte, so war es, als ob aus Lisuart und Dariolette ihm der Schluss aus einer Arie, welche die verwünschte Alte singt, entgegentönte:
Vielleicht ist dies der Morgen,
Der aller meiner Sorgen
Erwünschtes Ende bringt.
Während dass diese Zeilen ihm immer in Gedanken schwebten, zog er sich an und erkundigte sich bei seinem jungen Wirt, wo Ekhof wohnte, dem er nun diesen Vormittag seinen Besuch machen wollte.
Zu dem Ende hielt er nun seinen gedruckten Prolog in Bereitschaft, den er in Hannover verfertigt und Iffland gesprochen hatte, und durch welchen er hier vorzüglich Eingang zu finden hoffte.
Der junge Gastwirt Liebetraut nötigte ihn noch vorher mit ihm zu frühstücken und schien an seinem Umgange ein besonderes Vergnügen zu finden, indem er zugleich anfing, ihn zum Vertrauten seiner Herzensgeschichte zu machen, welche darin bestand, dass er den Gastof gepachtet habe, um ein junges Frauenzimmer, das er liebte, je eher je lieber heiraten zu können.
Reiser ging nun zu Ekhof, und auf dem Wege dahin drängten sich alle seine Entwürfe, die er vom Anfang seiner Wanderung an gemacht, noch einmal wieder in seine Seele zusammen, da er sich so nahe am Ziel seiner Reise