er Erfurt schon wieder im rücken, und ehe es ganz Nacht wurde, erreichte er noch das erste Dorf auf dem Wege nach Gota. – Der Dom und die alten Türme von Erfurt machten nun ein neues Bild in seiner Seele, das er mit sich heraustrug und das ihn zur Wiederkehr in diesen Ort einzuladen schien.
In dem dorf aber, wo er einkehrte, hatte er noch zu guter Letzt auf seiner Streu sehr unruhige Nachbaren. Dies waren nämlich Fuhrleute, die von Zeit zu Zeit aufstanden und sich in einem sehr groben Dialekt miteinander unterhielten, worin besonders ein Wort vorkam, das höchst widrig in Reisers Ohren tönte und immer mit einer Menge von hässlichen Nebenideen für ihn begleitet war: die Bauern sagten nämlich immer: 'er quam' anstatt 'er kam'. Dieses 'quam' schien Reisern ihr ganzes Wesen auszudrücken; und alle ihre Grobheit war in diesem 'quam', das sie immer mit vollen Backen aussprachen, gleichsam zusammengedrängt.
Kaum dass Reiser ein wenig eingeschlummert war, so weckte ihn dies verhasste Wort wieder auf, so dass diese Nacht eine der traurigsten war, die er je auf einer Streu zugebracht hatte. Als der Tag anbrach, sah er die schwammigten, aufgedunsenen Gesichter seiner Schlafkameraden, welche vollkommen mit dem 'quam' übereinstimmten, das ihm noch in den Ohren gellte, als er den Gastof schon verlassen hatte und nun am frühen Morgen mit starken Schritten auf Gota zuwanderte.
Weil er die Nacht wenig geschlafen hatte, waren seine Gedanken auf dem Wege nach Gota eben nicht sehr heiter, wozu noch kam, dass mit jedem Schritte seine Aussicht nun enger wurde und seine Phantasie weniger Spielraum hatte.
Es war an einem Sonntage, und ein Schuster, der die Woche aufs Land gegangen war, um Schulden einzufordern, kehrte mit ihm nach Gota und sagte ihm unter andern, dass es dort sehr teuer zu leben sei.
Diese Nachricht war für Reisern sehr bedenklich, der nun ungefähr noch einen Gulden im Vermögen hatte und dessen Schicksal in Gota sich also sehr bald entscheiden musste. –
Das Gespräch mit dem Schuster, der ihm als ein Einwohner von Gota seine Not klagte, war für ihn gar nicht unterhaltend und stimmte seine Ideen sehr herab, da er nun das wirkliche Leben in so einer Stadt sich dachte, wo noch kein Mensch ihn kannte, und wo es noch sehr zweifelhaft war, ob irgend jemand an seinem Schicksal teilnehmen und auf seine Wünsche merken würde.
Diese unangenehmen Reflexionen machten, dass ihm der Weg noch beschwerlicher und er mit jedem Schritte müder wurde, bis sich die beiden kleinen Türmchen von Gota zeigten, wovon ihm der Schuster sagte, dass der eine auf der Kirche und der andre auf dem Komödienhause stände.
Dieser angenehme Kontrast und lebhafte sinnliche Eindruck machte, dass sein Gemüt sich allmählich wieder erheiterte und er durch verdoppelte Schritte seinen gefährten wieder in Atem setzte.
Denn das Türmchen bezeichnete ihm nun deutlich den Fleck, wo der unmittelbare laute Beifall eingeerntet und die Wünsche des ruhmbegierigen Jünglings gekrönt würden.
Dieser Platz behauptete dort seine Rechte neben dem geweihten Tempel und war selbst ein Tempel der Kunst und den Musen geweihet, in welchem das Talent sich entwickeln und alle und jede Empfindungen des Herzens aus ihren geheimsten Falten vor einem lauschenden Publikum sich entüllen konnten. –
Da war nun der Ort, wo die erhabene Träne des Mitleids bei dem Fall des edlen geweint und lauter Beifall dem Genius zugejauchzt wurde, der mit Macht die Seelen zu täuschen, die Herzen zu schmelzen wusste.
Mitleid den Toten und Ehre den Lebenden war hier die schöne Lösung – und Reiser lebte und webte schon in diesem Elemente, wo alles das, was die Vorwelt empfand, noch einmal nachempfunden und alle Szenen des Lebens in einem kleinen raum wieder durchlebt wurden.
Kurz, es war nichts weniger als das ganze Menschenleben mit allen seinen Abwechselungen und mannigfaltigen Schicksalen, das bei dem Anblick des Türmchens vom Gotaischen Komödienhause sich in Reisers Seele wie im Bilde darstellte, und worin sich die Klagen des Schusters, der ihn begleitete, und seine eigenen Sorgen wie in einem Meere verloren. –
Mit seinem einzigen Gulden in der tasche fühlte sich Reiser beglückt wie ein König, solange dieser Reichtum von Bildern ihm vorschwebte, die die Spitze des Türmchens in Gota umgaukelten und Reisern einen schönen Traum in die Zukunft aufs neue vorspiegelten.
Da sie nicht mehr weit von der Stadt waren, liess Reiser seinen gefährten vorangehen und setzte sich gemächlich unter einen Baum, um so gut wie nur irgend möglich seine Kleider in Ordnung zu bringen und auf eine stattliche Weise in Gota seinen Einzug zu halten.
Dies gelang ihm so gut, dass einige Handwerksleute, die eben vor dem Tore vor Gota spazieren gingen, wie vor einem vornehmen mann den Hut vor ihm abzogen, welches Reisern nicht wenig in Verwunderung setzte, der auf seiner ganzen Reise mit den Fuhrleuten auf der Streu geschlafen und eine gar nicht glänzende Figur gespielt hatte.
Er kam nun durch das alte Tor von Gota in eine etwas dunkle Strasse, die er hinaufging und bald zur rechten Seite den Gastof zum goldnen Kreuze ansichtig wurde, wo er denn einkehrte, weil dieser Gastof ihm keiner der glänzendsten zu sein schien.
Als er eben hereintrat, fand er gleich vorn in der Gaststube einen Schwarm von Handwerksburschen, die schrien und lärmten; und er wollte schon wieder umkehren, als der alte Wirt zu ihm kam, der ihn freundlich anredete und fragte, ob er etwa hier logieren wolle? Reiser erwiderte: dies sei