angenehmen Aussichten in die weite Welt zu wandern, als an Ort und Stelle selbst zu sein und diese Aussichten wahr zu machen.
Drum hätte sich nun Reiser gerne das Ziel noch weiter weggewünscht, wenn er imstande gewesen wäre, seine Wanderung weiter fortzusetzen. Eine traurige Bemerkung aber, die er an seinen Schuhen machte, deren Verlust für ihn in den Umständen, worin er sich befand, unersetzlich war, hemmte auf einmal alle seine weiten Aussichten wieder und machte, dass er ernstaft über seinen Zustand nachdachte.
Es ist merkwürdig, wie die verächtlichsten wirklichen Dinge auf die Weise in die glänzendsten Gebäude der Phantasie eingreifen und sie zerstören können und wie auf eben diesen verächtlichen Dingen eines Menschen Schicksal beruhen kann.
Reisers Glück, das er in der Welt machen wollte, hing jetzt im eigentlichen Sinne von seinen Schuhen ab; denn von seinen übrigen Kleidungsstücken durfte er nichts veräussern, wenn er mit Anstande erscheinen wollte: und doch machten zerrissene Schuhe, die er durch neue nicht ersetzen konnte, seinen ganzen übrigen Anzug unscheinbar und verächtlich.
Dies versetzte ihn, indem er auf dem Wege nach Langensalza begriffen war, in traurige und schwermütige Gedanken, bis ein Bauer und ein Handwerksbursch, die eben desselben Weges gingen, sich zu ihm gesellten und ihn mit Gesprächen unterhielten.
Der Handwerksbursch erzählte von seinen Reisen in Kursachsen, und der Bauer hatte eine Klagesache, die er selbst in Dresden bei dem Kurfürsten anbringen wollte.
Es war kurz nach Mittag und eine drückende Hitze. Dem Handwerksburschen drückten seine Stiefeln – Reiser sah mit jedem Tritte seine Schuhe sich verschlimmern, und der Bauer klagte über entsetzlichen Durst, als sie auf dem feld einige Arbeitsleute antrafen, die einen Eimer wasser neben sich stehen hatten und den drei ermüdeten Wanderern zu trinken gaben.
Eine solche Szene, wo unbekannte, voneinander entfernte Menschen auf einmal sich nahe zusammenfinden, gemeinschaftliches Bedürfnis und gemeinschaftlichen Trost und Zuspruch aneinander haben, als ob sie nie unbekannt und entfernt voneinander gewesen wären; so etwas hielt Reisern für alles Unangenehme auf seinen Wanderungen wieder schadlos, und er konnte sich mit innigem Vergnügen daran zurückerinnern.
Seine gefährten verliessen ihn vor der Stadt Langensalza, in der er sich nicht aufhielt, sondern noch den nächsten Ort zu erreichen suchte, wo er übernachten wollte.
Er kam spät in dem Gastofe an, wo er nun die letzte Nacht vor seiner Ankunft in Erfurt zubrachte. – Als er am andern Morgen erwachte, so war sein erster Gedanke an einen Schuster; und wie gross war nun seine Freude, als er an diesem Orte einen fand, der um wenige Groschen, während dass er darauf wartete, seine Schuh wieder in dauerhaften Stand setzte, und er dadurch auf einmal aus der grössten Verlegenheit befreit war.
Nun ging er also rasch auf Erfurt zu. – So wie er gekleidet war, durfte er nun vor jedermann erscheinen, und so hatte er wieder Mut und Zutrauen zu sich selber.
In dem letzten dorf vor Erfurt liess er sich einen Trunk Bier geben. – In dem Gastofe war es sehr lebhaft. Man bemerkte schon die Nähe der Stadt, aus welcher sich viele Einwohner hier befanden, unter denen auch ein Gelehrter war, mit dem die andern von seinen Werken sprachen.
Von diesem dorf aus bekam denn Reiser endlich die Stadt Erfurt zu gesicht mit dem alten Dom, den vielen Türmen, den hohen Wällen und dem Petersberge. – Das war nun die Vaterstadt seines Freundes Philipp Reisers, wovon ihm dieser so viel erzählt hatte. – Auf dem Wege nach der Stadt zu waren Kirschbäume gepflanzt. – Die Hitze der Mittagssonne hatte sich schon gelegt – die Leute gingen vor dem Tore spazieren – und als Reiser auf diesem Wege an Hannover zurückdachte, so war es ihm auch gerade, als habe er von dort bis hieher einen leichten Spaziergang gemacht, so klein deuchte ihm nun der Zwischenraum, den er zurückgelegt hatte.
Eine so grosse Stadt wie diese hatte er nun noch nicht gesehen; der Anblick war ihm neu und ungewohnt; er kam durch die breite und schöne Strasse, welche der Anger heisst, und konnte sich nicht entalten, noch ein wenig in der Stadt umherzugehen, ehe er seinen Stab weiter setzte; denn er wollte noch bis zum nächsten dorf gehen, das auf dem Wege nach Weimar liegt.
Bei diesen Wanderungen durch die Strassen von Erfurt kam er in eine der Vorstädte und kehrte, weil es noch nicht spät war, in einem Gastofe ein.
Hier sass der Wirt, ein dicker Mann, am Fenster, und Reiser fragte ihn, ob die Ekhofsche Schauspielergesellschaft noch in Weimar wäre? Nichts! antwortete er, sie ist in Gota! Reiser fragte weiter, ob Wieland noch in Erfurt wäre? Nichts! antwortete jener wieder, er ist in Weimar! Das Nichts! sprach er jedesmal mit einer Art von Unwillen aus, als ob es ihn verdrösse, Nein! zu sagen.
Und dies harte Nichts! in der Antwort des dicken Wirtes verrückte auf einmal Reisers ganzen Plan. – Nach Weimar war eigentlich sein Sinn gerichtet – da, glaubte er, würden sich unerwartete Kombinationen finden – er würde da den angebeteten Verfasser von Werters Leiden sehen. – Und nun klang auf einmal Gota statt Weimar in seinen Ohren.
Er liess sich aber auch dies nicht irren, sondern stand eilig auf, um sich noch denselben Abend auf den Weg nach Gota zu begeben und, um von seiner strengen Regel nicht abzuweichen, im nächsten dorf zu übernachten.
Ehe die Sonne unterging, hatte