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Gefahr aber, welcher er entronnen war, machte doch, dass er im Gehen sehr ernstaft über sein künftiges Leben nachdachte.

Er erwog, dass es ihm bei allen Leuten ein ehrliches Ansehn gab, wenn er sagte, dass er auf die Universität gehen und studieren wolle. Die idee war ihm auch selber nicht zuwider; dies dauerte aber nur so lange, bis die Kulissen mit den Lichtern in seiner Einbildungskraft wieder hervortraten und alle andern Aussichten weichen mussten.

Er wanderte bis gegen Mittag auf eine ziemlich unbequeme Weise, weil der Boden noch nicht trocken war, wobei nun zu seinem Schrecken seine Schuh zu leiden anfingen, die unter seinen Umständen gewissermassen einen unersetzlichen teil seines Selbst ausmachten.

Er fühlte den drohenden Verlust mit jedem Schritte, den er tat, als um die Mittagsstunde der Himmel sich wieder mit Wolken umzog, die einen neuen Regenguss prophezeieten, welcher sich auch sehr bald einstellte und Reisers Wanderschaft zum zweitenmal unterbrach.

Zum Glück erreichte er bald ein Jägerhaus, das mitten auf einem rund umher mit Wald umgebenen feld lag, und wo er ebenso voller Zutraun einkehrte, als er höflich und gut aufgenommen und bewirtet wurde.

Es war, als ob sein Empfang schon vorbereitet wäre, so freundschaftlich nahmen ihn die Leute in dieser einsamen wohnung auf.

Es war, als ob es sich bei diesen Leuten von selbst verstände, dass man in einem solchen Wetter einen Wanderer aufnehmen müsse. Es hörte den ganzen Tag nicht auf zu regnen, und die Leute nötigten ihn selber, die Nacht zu bleiben.

Als sie ihn nun zum Abendessen nötigten, verbat es sich Reiser, weil er nicht hinlänglich mit Gelde versehen sei, um diese Bewirtung zu bezahlen; indem er eine weite Reise vor sich habe und sich ausserordentlich einschränken müsse; worauf der Jäger aber mit einer Art von Unwillen ihn an den Tisch zog.

Es war für Reisern ein Gefühl ohnegleichen, sich von ganz unbekannten Menschen so wohl aufgenommen zu sehen.

Er fand sich hier wie zu haus; man wies ihm die Nacht ein gutes Bette an, das ihm nun zum ersten Male auf seiner Wanderung wieder geboten wurde.

Am andern Morgen weckte man ihn zum Frühstück und nötigte ihn, den ganzen Tag dazubleiben, weil es noch immerfort regnete.

Der Mann ging ins Holz und verwies Reisern auf seine Bibliotek, dass er sich während der Zeit damit unterhalten sollte.

Diese Bibliotek bestand aus einer grossen Sammlung von alten Kalendern, Totengesprächen, der geschichte eines göttingschen Studenten und einem erfurtischen Wochenblatt, der Bürger und der Bauer, wo der Bauer im türingschen Dialekt sprach und der Bürger ihm in hochdeutscher Sprache antwortete.

Reiser amüsierte sich herrlich mit diesen Sachen und gab von Zeit zu Zeit wieder seinen Gedanken Raum; denn sein gütiger Wirt und Wirtin waren von wenigen Worten und nicht im geringsten neugierig, sondern fragten ihn nicht einmal, wohin er ginge und woher er käme, so dass er also durch nichts in seinen Gedanken gestört wurde.

Diese gastfreundliche stube mit dem kleinen Fenster, wodurch man weit übers Feld nach dem Holze sah, indes der Regen sich draussen stromweise ergoss, blieb eins der angenehmsten Bilder in Reisers Gedächtnis.

Am dritten Morgen hatte sich der Himmel aufgeklärt; und als Reiser nun von seinen Wohltätern Abschied nahm, suchten sie ihm sogar noch den Dank zu ersparen, indem sie eine nicht nennenswerte Kleinigkeit an Gelde als eine Bezahlung für die dreitägige Bewirtung von ihm annahmen und, da er wegging, nicht einmal nach seinem Namen fragten.

Das Andenken an diese Leute machte Reisern während dem Gehen noch manche frohe Stunde und gab ihm zugleich wieder Mut und Zutrauen zu den Menschen, unter die er sich nun wie in einem Ozean verlor.

Der Weg war zuerst von dem gestrigen Regen noch ziemlich beschwerlich; weil aber die Sonne heiss schien, so trocknete der Boden bald wieder, und Reiser erreichte noch gegen Mittag die Reichsstadt Mühlhausen, welche nun als ein neuer ungewohnter Anblick mit ihren Türmen vor ihm lag.

Hier stand ihm nun, wie er gewarnt war, die meiste Gefahr von den Werbern bevor. – Er gab sich also diesmal alle mögliche Mühe, ehe er ins Tor ging, sorgfältig seine Toilette zu machen; und die schon einmal versuchte Rolle eines unbefangnen Spaziergängers gelang ihm auch diesmal wieder ebenso gut wie in Hildesheim, so dass er, ohne von einer Schildwache befragt zu werden, glücklich durchs Tor in die Stadt kam.

Durch die Stadt eilte er so schnell wie möglich, erkundigte sich nach dem Tore, aus welchem der Weg nach Erfurt geht, und verdoppelte seine Schritte, sooft er etwas einer Soldatenkleidung Ähnliches nur von fern erblickte.

Wie froh schüttelte er den Staub von seinen Füssen über diese Stadt, als er den letzten Schlagbaum zurückgelegt hatte und keinen preussischen Werber hinter noch neben sich sah.

Die grünen Turmspitzen blieben das einzige Bild, was er von diesem Häuserhaufen mit sich nahm; alles übrige war verloschen; so schnell war seine Einbildungskraft über die Gegenstände hinweggegleitet.

Er näherte sich nun immer mehr dem Ziele seiner Reise und betrachtete das Zurückgelegte mit stillem Vergnügen, wobei ihm besonders seine Sparsamkeit und harte Lebensart einen süssen Triumph gewährten, da nun die Beschwerlichkeiten beinahe überstanden waren. Demohngeachtet aber fühlte er wiederum eine Art von Ängstlichkeit, je kleiner der Zwischenraum zwischen ihm und seinen ungewissen Aussichten wurde.

Denn das, was in der Einbildungskraft keinen Anstoss gelitten hatte, sollte nun zur Wirklichkeit kommen und mit Hindernissen kämpfen, die sich schon im voraus darstellten. Es deuchte Reisern nun viel leichter, mit schönen und