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Dies war nämlich der lateinische Anschlagbogen von dem Schulaktus in Hannover, da er am Geburtstage der Königin von England eine Rede hielt, und worauf sein Name nicht Reiser sondern Reiserus gedruckt stand. Und ausserdem noch den gedruckten Prolog zu dem Deserteur aus Kindesliebe, worauf sein Name als Verfertiger stand, nebst einem Gedicht auf die Einführung eines Lehrers, wo sein Name unter den übrigen Primanern gedruckt mit aufgeführt war.

Er wollte diese sonderbaren Dokumente zuerst nicht gerne vorzeigen, bis es ihm äusserst nahegelegt wurde und man ihm nicht undeutlich merken liess, dass man ihn für einen Landstreicher hielte.

Nun brachte er seine gedruckten Zeugnisse zum Vorschein, die eine bessere wirkung taten, als er anfänglich geglaubt hatte, weil er sie nach und nach vorlegte.

Zuerst legte er den grossen lateinischen Anschlagbogen auseinander und zeigte auf seinen Namen Reiserus. – Der Schulmeister hatte hier wieder gelegenheit, seine Stärke in der Latinität zu zeigen, indem er den Anschlagbogen ins Deutsche übersetzte; und so hatte Reiser schon viel bei ihm gewonnen.

Darauf zog er den Prolog hervor und wies die Anwesenden auf seinen deutsch gedruckten Namen; dies stimmte also überein, und der Schulmeister erzählte bei der gelegenheit, dass er auch auf der Jesuitenschule mit Komödie gespielt und sein Name gedruckt worden sei.

Zuletzt legte Reiser noch das Gedicht vor, wo sein Name aufs neue in der Liste aller seiner Mitschüler gedruckt erschien und nun vollends aller Zweifel verschwand, dass er der nicht wirklich wäre, der seinen Namen so oft und auf so verschiedene Weise gedruckt aufzeigen konnte. Der Werber selbst wurde stille und schien vor Reisern einigen Respekt zu bekommen.

Dies verschaffte ihm Ruhe. Er liess sich Feder und Papier geben und fing an, eine von den Hymnen des Homers in deutsche Hexameter zu übersetzen. Den Abend kam der Schulmeister wieder und unterhielt sich mit ihm: so ging dieser Tag vorüber, und Reiser legte sich ruhig schlafen.

Als er aber am andern Morgen erwachte, den Himmel wieder ebenso trübe wie gestern sah und den Regen ans Fenster schlagen hörte, fing ihm an der Mut zu sinken. – Er stand von seiner Spreu auf und setzte sich traurig an den Tisch; es wollte mit den homerischen Hymnen nicht vorwärtsgehener stellte sich ans Fenster und sah zu, ob der Himmel sich noch nicht ein wenig aufklären wollte, als der Soldat schon wieder hereintrat, um ihm seine Morgenvisite zu machen.

Da nun Reiser sich ankleidete und sein Haar in einen Zopf flochte, fing der Kriegsmann wieder an, ihm über seine Grösse und über die Länge seines Haars sehr viele Komplimente zu machen, und wie schade es um ihn sei, dass er nicht in den Kriegsstand treten wolle.

Der Schulmeister kam nun auch dazu; sie hatten seit gestern überlegt, dass alle die vorgezeigten Dokumente kein Siegel gehabt hatten, und brachten nun diesen Umstand gegen Reisern vorzüglich in Anregung, dass er doch vor den Werbern nicht durchkommen würde, und dass er sich also lieber dem gönnen sollte, der doch die ersten Ansprüche auf ihn hätte.

So dauerte es nun den ganzen Tag über, welcher für Reisern, der nicht fort konnte, einer der traurigsten war, bis es gegen Abend sich aufklärte und auf einmal sein Mut wieder erwachte.

Er nahm alle seine Überredungskraft zusammen, um die Leute durch die nachdrücklichsten Vorstellungen zu überzeugen, dass es wirklich sein Vorsatz sei, in Erfurt zu studieren, wovon ihn nichts in der Welt abbringen könne, dass diese ihm endlich zu glauben schienen.

Der Schulmeister sagte ihm auf lateinisch, wenn er morgen früh auf Mühlhausen zureiste, so würde ihm der Wirt von diesem Gastofe begegnen, der auch lateinisch spräche und verreist gewesen sei, um die Seinigen (suos) zu holen.

Der Soldat aber versprach Reisern zu seinem Schrecken, ihn den andern Morgen zu begleiten und ihn durch ein Gehölz auf den Weg zu bringen.

Den andern Morgen in aller Frühe war der Soldat schon wieder da, um ihn zu begleiten, und wollte im Gastofe Reisers Zeche bezahlen, welches dieser aber mit Gewalt nicht zugab.

Sie gingen nun aus dem dorf Orschla auf Hähnichen zu eine Anhöhe herauf, der Soldat sprach kein Wort, und da sie durch ein Gehölz kamen, so erwartete nun Reiser jeden Augenblick die Entscheidung seines Schicksals, dem er doch nicht entgehen könnte.

Auf einmal stand der Soldat still und hielt Reisern eine ordentlich patetische Anrede, er sollte sich noch einmal prüfen, ob er sich wirklich getraute, nicht in die hände anderer Werber zu fallen; denn das einzige würde ihn nur ärgern, wenn er hörte, dass Reiser doch Soldat geworden wäre und ihn also gleichsam betrogen hätte: wenn es aber sein wirklicher Vorsatz sei zu studieren und nicht Soldat zu werden, so wünsche er ihm Glück zu seinem Vorhaben und eine glückliche Reise.

Hiermit ging er fort, und Reiser traute immer noch nicht recht, bis er erst eine ganze Strecke gegangen war und ihm nichts Auffallendes begegnete, ausser einem pucklichten Mann, der zwei Schweine vor sich hertrieb und ihn lateinisch anredete, weil er ihn für einen Studenten hielt.

Dies war der Gastwirt aus Orschla, wovon der Schulmeister gesagt hatte, dass er (suos) die Seinigen holte, welcher aber (sues) Schweine geholt hatte, die der Schulmeister in Orschla nach der zweiten Deklination dekliniert und sie dadurch zu den Seinigen erhoben hatte.

Sobald sich nun Reiser wieder im Freien sah und niemand gewahr wurde, der ihm aufgelauert hätte, so war ihm dies ein unerwartetes Glückdie