wurden gebildet.
Als Soldat fesselte er die Gemüter seiner Schicksalsgenossen allmählich durch reizende Erzählungen; die rohen Soldaten fingen an, auf seine Lehren zu horchen: das Gefühl der höhern Menschheit entwickelte sich bei ihnen; die Wachtstube ward zum Hörsaale der Weisheit.
Indem er also glaubte, dass er gerade auf das Entgegengesetzte vom Teater sich gefasst gemacht habe, war er erst recht in vollkommen teatralische Aussichten und Träume wieder hineingeraten.
Es lag aber für ihn eine unbeschreibliche Süssigkeit in dem Gedanken, wenn er Bauer oder Soldat werden müsste, weil er in einem solchen Zustande weit weniger zu scheinen glaubte, als er wirklich wäre.
Während er sich mit diesen Gedanken beschäftigte, kam er durch Stadt Worbes, wo ihm einige Franziskanermönche aus dem dasigen Kloster begegneten, die ihn freundlich grüssten.
Als er vor dem Kloster vorbeiging, hörte er inwendig den Gesang der Mönche, die da nun von der Welt abgeschieden, ohne Sorgen, Pläne und Aussichten lebten und alles das, was sie sein wollten, auf einmal waren.
Dies machte zwar einigen Eindruck auf sein Gemüt, aber lange nicht so stark als nachher der erste Anblick eines Kartäuserklosters, dessen Einwohner durch ihre Mauern gänzlich von der Welt geschieden auch nie mit einem fuss den Schauplatz wieder betreten, den sie einmal verlassen haben.
Durch die wandernden Franziskanermönche aber wurde die idee von Abgeschiedenheit kleinlicht und abgeschmackt. – Der schnelle gang vertrug sich nicht mit dem Ordenskleide, und das Ganze hatte auch nicht einmal poetische Würde.
übrigens tönte die hochdeutsche Sprache der Leute in diesen Gegenden immer angenehm in Reisers Ohren, weil dadurch die idee seiner nunmehrigen Entfernung von dem plattdeutschen land immer lebhaft wieder in ihm erweckt wurde.
Nun war diesen Tag auch sehr schönes Wetter gewesen, und Reiser kehrte den Abend in einem dorf namens Orschla ein, um den andern Morgen von dort aus nach der Reichsstadt Mühlhausen seinen Weg fortzusetzen.
Das Dort ist katolisch; und als er an den Gastof kam, stand eine Menge Leute vor der tür, unter denen sich der Schulmeister des Orts befand, welcher ihn mit den Worten anredete: esne litteratus? (ob er nicht ein Gelehrter wäre?)
Reiser bejahte dies wieder in lateinischer Sprache, und auf Befragen, wohin er ginge, sagte er wieder: er ginge nach Erfurt, um dort die Teologie zu studieren; denn dies schien ihm immer das Sicherste zu sein.
Während der Zeit standen die Bauern umher und horchten zu, wie ihr Schulmeister mit dem fremden Studenten lateinisch sprach. Der Sohn des Schulmeisters kam auch dazu, der in Hildesheim studiert hatte und jetzt seinem Vater adjungiert war.
Reiser ging nun in die stube und legte zu noch mehrerem Beweise, dass er ein Literatus sei, seinen Homer auf den Tisch, welchen denn auch der Schulmeister gleich kannte und den Bauern auf deutsch sagte, dass das der Homer wäre.
Mit Reisern aber fuhr er immer fort Latein zu sprechen, so gut es gehen wollte, wobei denn viel Komisches mit unterlief; da er sehr viel von seinem gelehrten Unterricht sprach, so fragte ihn Reiser, ob er auch mit seinen Schülern die Kirchenväter läse? worüber er erst ein wenig in Verlegenheit geriet, sich aber doch bald wieder fasste und sagte: alternatim.
Er nahm nun Abschied von Reisern, der den andern Morgen früh schon weiter gehen wollte, und warnte ihn, sich vor den kaiserlichen und preussischen Werbern in diesen Gegenden in acht zu nehmen und sich durch keine Drohung schrecken zu lassen, wenn sie etwa äusserten, dass sie ihn mit Gewalt nehmen wollten.
Reiser lege sich auf seine Streu ruhig schlafen – als er aber am andern Morgen erwachte, regnete es so stark, dass er in seiner Kleidung mit Schuhen und seidenen Strümpfen nicht aus dem haus gehen, viel weniger seine Reise fortsetzen konnte, da überdem hier ein leimigter Boden ist, der bei jeder Nässe das Gehen auf der Landstrasse ganz ausserordentlich beschwerlich macht.
Dies war nun freilich etwas Unvermutetes für Reisern – er hatte dem Wetter in dieser Jahreszeit zuviel zugetrauet und war auf diesen Fall nicht vorbereitet, da er weder mit Stiefeln, noch sonst mit Kleidung zum Regenwetter versehen war und sein beständiger Anzug auch seinen ganzen Kleidervorrat ausmachte.
Hier war also nichts zu tun als auszuharren, bis der Himmel sich wieder aufklären und das Erdreich sich wieder trocknen würde. – Es hörte aber diesen und den folgenden Tag nicht auf zu regnen. –
Nun kam schon in aller Frühe ein kaiserlicher Unteroffizier in die Gaststube, der in diesem Orte auf Werbung lag, sich mit seinem Krug Bier ganz vertraulich neben Reisern an den Tisch setzte und vom Soldatenleben erst von weitem mit ihm zu sprechen anfing, bis er nach und nach immer zudringlicher wurde und ihm endlich geradezu versicherte, dass er doch vor den preussischen und kaiserlichen Werbern nicht über Mühlhausen kommen würde und sich also lieber nur gleich von ihm für sieben Gulden Handgeld anwerben lassen möchte – so dass es den Anschein hatte, als wenn nun der Soldat in Reisers Phantasie, ehe als er gedacht hatte, realisiert werden könnte.
Als der Soldat hinausgegangen war, trat der Schulmeister wieder herein, der Reisern einen guten Morgen bot und ihn heimlich warnte, sich vor dem Werber in acht zu nehmen, ob er gleich selbst das Soldatenleben für so schlimm nicht hielte; denn sein Sohn sei auch zwei Jahr in Mainzischen Diensten gewesen, und wer keinen Pass habe, könne hier schwerlich durchkommen.
Reiser versicherte ihm, dass er alles Nötige, um sich zu legitimieren, bei sich habe.