aus dem Tomas von Kempis von der Nachfolge Christi vorlesen musste, welches er sehr gern tat.
Es ward alsdann darüber gesprochen, und er durfte auch zuweilen sein Wort dazugeben. übrigens genoss er das Glück, nicht viel zu haus zu sein, weil er noch die Stunden seines alten Schreibmeisters zu gleicher Zeit besuchte, den er, ungeachtet mancher Kopfstösse, die er von ihm bekommen hatte, so aufrichtig liebte, dass er alles für ihn aufgeopfert hätte.
Denn dieser Mann unterhielt sich mit ihm und seinen Mitschülern oft in freundschaftlichen und nützlichen Gesprächen, und weil er sonst von natur ein ziemlich harter Mann zu sein schien, so hatte seine Freundlichkeit und Güte desto mehr Rührendes, das ihm die Herzen gewann.
So war nun Anton einmal auf einige Wochen in einer doppelten Lage glücklich: aber wie bald wurde diese Glückseligkeit zerstört! Damit er sich seines Glücks nicht überheben sollte, waren ihm fürs erste schon starke Demütigungen zubereitet.
Denn ob er nun gleich in Gesellschaft gesitteter Kinder unterrichtet ward, so liess ihn doch seine Mutter die Dienste der niedrigsten Magd verrichten.
Er musste wasser tragen, Butter und Käse aus den Kramläden holen und wie ein Weib mit dem Korbe im Arm auf den Markt gehen, um Esswaren einzukaufen.
Wie innig es ihn kränken musste, wenn alsdann einer seiner glücklichern Mitschüler hämisch lächelnd vor ihm vorbeiging, darf ich nicht erst sagen.
Doch dies verschmerzte er noch gerne gegen das Glück, in eine lateinische Schule gehen zu dürfen, wo er nach zwei Monaten so weit gestiegen war, dass er nun an den Beschäftigungen des öbersten Tisches oder der sogenannten vier Veteraner mit teilnehmen konnte.
Um diese Zeit führte ihn auch sein Vater zum erstenmale zu einem äusserst merkwürdigen mann in Hannover, der schon lange der Gegenstand seiner gespräche gewesen war. Dieser Mann hiess Tischer und war hundertundfünf Jahre alt.
Er hatte Teologie studiert und war zuletzt Informator bei den Kindern eines reichen Kaufmanns in Hannover gewesen, in dessen haus er noch lebte und von dem gegenwärtigen Besitzer desselben, der sein Eleve gewesen und jetzt selber schon beinahe ein Greis geworden war, seinen Unterhalt bekam.
Seit seinem funfzigsten Jahre war er taub, und wer mit ihm sprechen wollte, musste beständig Tinte und Feder bei der Hand haben und ihm seine Gedanken schriftlich aufsetzen, die er denn sehr vernehmlich und deutlich mündlich beantwortete.
Dabei konnte er noch im hundertundfünften Jahre sein kleingedrucktes griechisches Testament ohne Brille lesen und redete beständig sehr wahr und zusammenhängend, obgleich oft etwas leiser oder lauter, als nötig war, weil er sich selber nicht hören konnte.
Im haus war er nicht anders als unter dem Namen 'der alte Mann' bekannt. Man brachte ihm sein Essen und sonstige Bequemlichkeiten; übrigens bekümmerte man sich nicht viel um ihn.
Eines Abends also, als Anton gerade bei seinem Donat sass, nahm ihn sein Vater bei der Hand und sagte: "Komm, jetzt will ich dich zu einem mann führen, in dem du den heiligen Antonius, den heiligen Paulus und den Erzvater Abraham wiedererblicken wirst."
Und indem sie hingingen, bereitete ihn sein Vater immer noch auf das, was er nun bald sehen würde, vor.
Sie traten ins Haus. Antons Herz pochte.
Sie gingen über einen langen Hof hinaus und stiegen eine kleine Windeltreppe hinauf, die sie in einen langen dunklen gang führte, worauf sie wieder eine andre Treppe hinauf und dann wieder einige Stufen hinabstiegen; dies schienen Anton labyrintische Gänge zu sein.
Endlich öffnete sich linker Hand eine kleine Aussicht, wo das Licht durch einige Fensterscheiben erst von einem andern Fenster hineinfiel.
Es war schon im Winter und die tür auswendig mit Tuch behangen; Antons Vater eröffnete sie: es war in der Dämmerung, das Zimmer weitläufig und gross, mit dunkeln Tapeten ausgeziert, und in der Mitte an einem Tische, worauf Bücher hin und her zerstreut lagen, sass der Greis auf einem Lehnsessel.
Er kam ihnen mit entblösstem Haupt entgegen.
Das Alter hatte ihn nicht daniedergebückt, er war ein langer Mann, und sein Ansehn war gross und majestätisch. Die schneeweissen Locken zierten seine Schläfe, und aus seinen Augen blickte eine unnennbare sanfte Freundlichkeit hervor. Sie setzten sich.
Antons Vater schrieb ihm einiges auf. "Wir wollen beten", fing der Greis nach einer Pause an, "und meinen kleinen Freund mit einschliessen."
Darauf entblösste er sein Haupt und kniete nieder, Antons Vater neben ihm zur rechten und Anton zur linken Seite.
Freilich fand dieser nun alles, was ihm sein Vater gesagt hatte, mehr als zu wahr. Er glaubte wirklich neben einem der Apostel Christi zu knien, und sein Herz erhob sich zu einer hohen Andacht, als der Greis seine hände ausbreitete und mit wahrer Inbrunst sein Gebet anhub, das er bald mit lauter, bald mit leiserer stimme fortsetzte.
Seine Worte waren wie eines, der schon mit allen seinen Gedanken und Wünschen jenseits des Grabes ist und den nur noch ein Zufall etwas länger, als er glaubte, diesseits verweilen lässt.
So waren auch alle seine Gedanken aus jenem Leben gleichsam herübergeholt, und so wie er betete, schien sich sein Auge und seine Stirne zu verklären.
Sie standen vom Gebet auf, und Anton betrachtete nun den alten Mann in seinem Herzen beinahe schon wie ein höheres, übermenschliches Wesen.
Und als er den Abend zu haus kam, wollte er schlechterdings mit einigen seiner Mitschüler sich nicht auf einen kleinen Schlitten im Schnee herumfahren, weil ihm dies nun viel zu unheilig vorkam