hinaufzusteigen, und als er oben war, verzehrte er sein Stück schwarzes Brot, das er sich zum Frühstücke mitgenommen, in den Ruinen dieses alten Rittersitzes und sah dabei auf die Heerstrasse durch den Wald hinunter. –
Dass er nun als ein Wanderer in diesem alten zerstörten Gemäuer wieder sein Morgenbrot verzehrte und an die zeiten dachte, wo hier noch Menschen wohnten, die auch auf diese Heerstrasse durch den Wald hinuntersahen – dies machte ihm einen der glücklichsten Momente – es schallte ihm immer wie eine Prophezeiung aus jenen zeiten, dass diese Mauren einst öde stehen, dass der Wanderer sich dabei ausruhen und an die Tage der Vorzeit sich erinnern würde.
Sein Stück schwarzes Brot war ihm hier oben eine festliche Mahlzeit – er stieg gestärkt wieder hinunter und wanderte frohen Mutes seine Strasse fort, indem er die höhern Harzgebürge linker Hand liegen liess.
Das Wandern ward ihm nun so leicht, dass der Boden unter ihm eine Welle schien, auf der er sich hob und sank, und dass er so von einem Horizont zum andern sich fortgetragen fühlte – er verhielt sich bloss leidend, und immer stieg eine neue Szene vor seinem blick empor.
Die Mittagseinkehr in der unangenehmen Gaststube war bald vorüber, und er befand sich wieder in der freien offenen natur. – Diese Einkehr aber war ihm doch beschwerlich, und er dachte schon darauf, sich auch von dieser zu befreien, als er einmal über ein Kornfeld ging und ihm die Jünger Christi einfielen, welche am Sonntage Ähren assen.
Er machte sogleich den Versuch, eine Handvoll Körner aus den Ähren herauszustreifen, aus welchen Körnern er das Mehl sog und die Hülsen ausspuckte. Indes aber bleib das Nahrungsmittel doch immer mehr ein Zeitvertreib, als dass es ihm eigentlich das Einkehren hätte ersparen sollen. – Das Angenehme dieses Nahrungsmittels lag vorzüglich in der idee davon, welche den Begriff von Freiheit und Unabhängigkeit noch vermehrte.
Da er nun wieder eine Tagereise vollendet hatte, kehrte er ohnweit Duderstadt in einem kleinen dorf ein, wo in dem wirtshaus niemand zu haus war.
Es war noch vor der Dämmerung – der Torweg zum hof bei dem wirtshaus stand offen – und auf dem hof war eine Laube, in welcher ein Tisch aber weder Stuhl noch Bank stand. –
Reiser, um sich auszuruhen, legte sich also auf den Tisch, und weil er zum Lesen noch sehen konnte, so las er in der Odyssee die Stelle von den Menschenfressern, die in dem ruhigen Hafen die Schiffe des Ulysses zerschmettern und seine gefährten ergreifen und verzehren. –
Auf einmal war der Wirt zu haus gekommen und sah, da es schon anfing dunkel zu werden, einen Menschen in seinem hof in der Laube auf dem Tische liegen und in einem buch lesen.
Er redete Reisern erst ziemlich unsanft an; da dieser sich aber aufrichtete und der Wirt in ihm einen wohlgekleideten Menschen sah, so fragte er ihn sogleich, ob er ein Jurist sei, welches in diesen Gegenden die gewöhnliche Benennung für einen Studenten ist, weil die Teologen grösstenteils in Klöstern studieren und schon als Geistliche betrachtet werden.
Dem Wirt war seine Frau gestorben, und ausser ihm war niemand im ganzen haus. Der Mann war aber gesprächig, und Reiser hielt seine Abendmahlzeit, die wie gewöhnlich aus Bier und Brot bestand, in seiner Gesellschaft.
Der Mann erzählte ihm von vielen sogenannten Juristen, die bei ihm logiert hätten, und Reiser liess ihn dabei, dass er auch im Begriff sei, nach Erfurt zu gehen, um dort zu studieren.
Alle dergleichen Unterredungen, die an sich unbedeutend gewesen wären, erhielten in Reisers idee einen poetischen Anstrich durch das Bild von dem homerischen Wanderer, welches ihm immer vor der Seele schwebte, und selbst die Unwahrheiten in seinen Reden hatten etwas Übereinstimmendes mit seinem poetischen Vorbilde, dem Minerva zur Seite steht und wegen seiner wohlüberdachten Lüge ihm Beifall zulächelt.
Reiser dachte sich seinen Wirt nicht bloss als den Wirt einer Dorfschenke, sondern als einen Menschen, den er nie gekannt, nie gesehen hatte und nun auf eine Stunde lang mit ihm zusammentraf, an einem Tische mit ihm sass und Worte mit ihm wechselte.
Dasjenige, was durch die menschlichen Einrichtungen und Verbindungen gleichsam aus dem Gebiete der Aufmerksamkeit herausgedrängt, gemein und unbedeutend geworden ist, trat durch die Macht der Poesie wieder in seine Rechte, wurde wieder menschlich und erhielt wieder seine ursprüngliche Erhabenheit und Würde.
Der Mann war nicht einmal eingerichtet, eine Streu zu machen, weil selten jemand hier übernachtete; und Reiser schlief auf dem Heuboden, der ihm ein angenehmes Lager gewährte.
Am andern Morgen früh setzte er seine Reise weiter fort, und der Aufentalt in diesem haus mit dem Wirt ganz allein blieb ihm eine seiner angenehmsten Erinnerungen.
An diesem Tage ging es in seiner inneren Gedankenwelt besonders lebhaft zu. – Er hatte sich nun um ein Merkliches seinem Ziele genähert, und die Besorgnis trat doch nun bei ihm ein, was er auf den Fall tun würde, wenn seine Aussichten zu unmittelbarem Ruhm und Beifall ihm misslingen und die Entwürfe zu seiner teatralischen Laufbahn gänzlich scheitern sollten.
Nun traten auf einmal die Extreme auf, ein Bauer oder Soldat zu werden, und auf einmal war das Poetische und Teatralische wieder da, denn seine Ideen vom Bauer und Soldat wurden wieder zu einer teatralischen Rolle, die er in seinen Gedanken spielte.
Als Bauer entwickelte er nach und nach seine höhern Begriffe und gab sich gleichsam zu erkennen; die Bauern horchten ihm aufmerksam zu, die Sitten verfeinerten sich allmählich, die Menschen um ihn her