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vor sich sah, möchte heraussehen und wissen können, wie dem die umstehenden Sachen vorkämen.

Zum ersten Male legte er mit weit aussehenden Gedanken auf die Streu sich nieder; seinen Degen legte er neben sich und deckte sich mit seinen Kleidern zu. – Seine Gedanken aber liessen ihm keine Ruh, die Zukunft wurde immer glänzender und schimmernder vor seinen Blicken; die Lampen waren schon angezündet, der Vorhang aufgezogen und alles voll Erwartung, der entscheidende Moment war da. –

Darüber kam bis nach Mitternacht kein Schlaf in seine Augen; und als er am Morgen erwachte, war auf einmal der Schauplatz ganz verändert; die öde Gaststube, die Bierkrüge, das schwarze Brot und erschlaffende Müdigkeithier rächten sich seine reizenden Phantasien an ihm mit schrecklichem Unmut und Lebensüberdruss, der über eine Stunde währte.

Er legte sich mit dem Kopf auf den Tisch und suchte vergeblich wieder einzuschlummern, bis die ermunternden Strahlen der Sonne, die ins Fenster schienen, ihn wieder zum Leben weckten, und sobald er sich nur erst auf den Weg gemacht hatte und aus der dumpfigen Gaststube war, verschwand auch schnell sein Unmut wieder, und das reizende Ideenspiel begann von neuem.

Er lebte auf die Weise gleichsam ein doppeltes Leben, eins in der Einbildung und eins in der Wirklichkeit. Das Wirkliche blieb schön und harmonierte mit dem Eingebildeten bis auf die Gaststube, das Gelärm der Bauern und die Streudies aber wollte sich nicht recht dazu reimendenn es war auf die unbegrenzte Freiheit am Tage eine zu grosse Beschränkung am Abend; weil er doch nun bis zum andern Morgen in keiner andern Umgebung sein konnte als in dieser.

Freilich hatten die äussern Gegenstände einen immerwährenden Einfluss auf die inneren Gedankenreihen; mit dem Horizonte erweiterten sich auch gemeiniglich seine Vorstellungen, und an die Aussicht in eine neue Gegend knüpfte sich immer gern eine neue Aussicht in das Leben.

Einmal war er lange mühsam bergan gestiegen, als auf einmal eine weite Ebene vor ihm dalag und er in der Ferne ein Städtchen an einem See erblicktedieser Anblick frischte auf einmal alle seine Gedanken und Hoffnungen wieder auf. – Er konnte seine Augen von dem Gewässer in der Ferne nicht verwenden, das ihn mit neuem Mut beseelte, die Ferne aufzusuchen. –

Seine Reiseroute von Hildesheim ging nämlich über Salzdetfurt, Brockenem und Seesen auf Duderstadt, von wo er denn über Mühlhausen geradezu nach Erfuhrt und von dort auf Weimar gehen wollte, welches das Ziel seiner Wünsche war.

Dort glaubte er nämlich die Ekhofsche Schauspielergesellschaft vorzufinden, und seine Schauspielerlaufbahn sollte dort beginnen. – Nun spielte er unterwegens auf seinen Wanderungen alle die Rollen in Gedanken durch, die ihn dereinst mit Ruhm und Beifall krönen und seinen mannigfaltigen Kummer belohnen sollten. –

Er glaubte, es könne ihm nicht fehlschlagen, weil er jede Rolle tief empfand und sie in seiner eigenen Seele vollkommen darzustellen und auszuführen wussteer konnte nicht unterscheiden, dass dies alles nur in ihm vorging, und dass es an äusserer Darstellungskraft ihm fehlte. – Ihm deuchte, die Stärke, womit er seine Rolle empfand, müsse alles mit sich fortreissen und ihn seiner selbst vergessen machen. –

Dies geschahe auch wirklich, denn während dem Gehen seine Einbildungskraft immer erhitzer wurdeund er denn endlich auf dem feld, wo er sich ganz allein glaubte, mit Beaumarchais laut zu toben, mit Guelfo zu rasen anfing.

Dieser Guelfo aus Klingers Zwillingen war vor seiner Abreise aus Hannover eine seiner Lieblingsrollen geworden; denn er fand sein Hohngelächter über sich selber, seinen Selbstass, seine Selbstverachtung und Selbstvernichtungssucht dennoch mit Kraft vereint in dem Guelfo wieder. Und der Akt, wo Guelfo nach dem Brudermord den Spiegel, in welchem er sich sieht, zerschmettert, war Reisern ein wahres fest. – Alle dies überspannte Schreckliche hatte ihn gleichsam berauschter taumelte in dieser Trunkenheit über Berg und Talund wo er ging, da war sein Schauplatz unbegrenzt. –

Clavigo, der ihm so viel Tränen gekostet hatte, war ihm nun zu kalt, und Beaumarchais trat an seine Stelle. – Dann kamen Hamlet, Lear, Otello an die Reihe, die damals noch auf keiner deutschen Bühne vorgestellt wurden, und die er seinem Philipp Reiser ganz allein in schauervollen Nächten vorgelesen und alle diese Rollen selbst durchgespielt, selbst durchempfunden hatte.

Nun gesellte sich hierzu die Dichtkunst; so sanft und melodisch floss sein Vers dahin, und so bescheiden und doch voll edlen Stolzes war seine Muse, dass sie die Zuneigung aller Herzen ihm sicher gewinnen musste. – Er wusste zwar noch nicht eigentlich, was dies nun für ein Gedicht sein sollte, aber im ganzen war es das schönste und harmonischste, was er sich denken konnte, weil es getreuer Abdruck seiner vollen Empfindungen war.

Mitten in einem solchen lyrischen Schwunge seiner Gedanken war es, als er dicht bei Seesen einen Fusspfad ging, der ihn von der Strasse ab über eine Wiese führte, wo gerade ein Scheibenschiessen war, das allen seinen schimmernden Aussichten in die Zukunft beinahe ein plötzliches Ende gemacht hätte: denn eine Flintenkugel sauste ihm dicht vor dem kopf vorbei, während dass alles ihm zuschrie, er solle von dort weggehener eilte schnell durch Seesen durch und wanderte ruhig weiter, bis er in einem kleinen dorf wieder übernachtete.

Am zweiten Tage seiner Wanderung kam nun Reiser über einen teil des Harzgebürges, und es war noch früh am Tage, als er zur Rechten an der Heerstrasse die Mauren einer zerstörten Burg auf einer Anhöhe liegen sah; er konnte sich nicht entalten hier