um nicht weniger als den sechsten teil seines ganzen Vermögens ärmer machte, erkundigte sich nach der Strasse, die auf Seesen führte, und wanderte mit sorgenvollen Gedanken und schwerem Herzen aus dem Tore von Hildesheim.
Es war noch früh am Tage – der Weg führte ihn durch eine angenehme Gegend, wo Wald und Flur miteinander abwechselten und der Gesang der Vögel ihm entgegentönte, indes die Morgensonne auf die grünen Wipfel der Bäume schien. –
Sowie er nun schneller vorwärts ging, fühlte er auch nach und nach wieder sein Gemüt erleichtert; heitere Gedanken, reizende Aussichten und kühne Hoffnungen stiegen allmählich wieder in seiner Seele auf, und nun entstand in ihm ein Vorsatz, der ihn auf einmal über alle Sorgen hinwegsetzte und der ihn auf seiner ganzen Wanderung reich und unabhängig machte.
Er durfte nur seine ganze Nahrung auf Brot und Bier einschränken, auf der Streu schlafen und niemals wieder in einer Stadt übernachten, um seinen Unterhalt während der Reise mit wenig mehr als einem Groschen täglich zu bestreiten. Auf die Weise konnte er länger als einen monat unterwegens sein und war am Ende der Reise doch noch nicht ganz entblösst.
Sobald er diesen Vorsatz, den er von dem Tage an standhaft ausführte, gefasst hatte, fühlte er sich wieder frei und glücklich wie ein König – selbst diese freiwillige Entsagung aller Bequemlichkeiten und diese Einschränkung auf die allernötigsten Bedürfnisse – gab ihm eine Empfindung ohnegleichen; er fühlte sich nun beinahe wie ein Wesen, das über alle irdische Sorgen hinweggerückt ist, und lebte deswegen auch ungestört in seiner Ideen- und Phantasiewelt, so dass dieser Zeitpunkt bei allem anscheinenden Ungemach einer der glücklichsten Träume seines Lebens war.
Unmerklich aber schlich sich denn doch ein Gedanke mit unter, der sein gegenwärtiges Dasein, damit es nicht ganz zum Traume würde, wieder an das vorige knüpfte. Er stellte sich vor, wie schön es sein würde, wenn er nach einigen Jahren in dem Andenken der Menschen, worin er nun gleichsam gestorben war, wieder aufleben, in einer edlern Gestalt vor ihnen erscheinen und der düstere Zeitraum seiner Jugend alsdann vor der Morgenröte eines bessern Tages verschwinden würde.
Diese Vorstellung blieb immer fest bei ihm – sie lag auf dem grund seiner Seele, und er hätte sie um alles in der Welt nicht aufgeben können; alle seine übrigen Träume und Phantasien hielten sich daran und bekamen dadurch ihren höchsten Reiz. – Der einzige Gedanke, dass er dieselben Menschen, die ihn bis jetzt gekannt hätten, niemals wiedersehen würde, hätte damals alles Interesse aus seinem Leben hinweggenommen und ihm die süssesten Hoffnungen geraubt.
Als nun der Mittag herannahte, so kehrte er in einem dorf in einem geringen wirtshaus ein, wo er ohnedem ausser Bier und Brot auch für Geld nichts hätte haben können und also der Fall nicht eintrat, dass man ihm eine bessere Bewirtung angeboten und er sie hätte ablehnen müssen.
Es machte ihm nun unbeschreiblich Vergnügen, dass er für wenige Pfennige ein so grosses Stück schwarzes Brot erhielt, welches ihn den ganzen Tag gegen den Hunger sicherstellte. Er brockte sich einen teil davon ins Bier und hielt auf die Weise das erste Mittagsmahl nach seinen eigenen strengen Gesetzen, von welchen er von nun an während der Reise nicht abging.
Er eilte denn aber, dass er schnell wieder aus der dumpfigen Gaststube ins Freie kam, wo er unter einem schattigten Baum sich niedersetzte und zur Mittagserholung in Homers Odyssee las. – Mochte nun dies Lesen im Homer eine zurückgebliebene idee aus Werters Leiden sein oder nicht, so war es doch bei Reisern gewiss nicht Affektation, sondern machte ihm würkliches und reines Vergnügen – denn kein Buch passte ja so sehr auf seinen Zustand als grade dieses, welches in allen Zeilen den vielgewanderten Mann schildert, der viele Menschen, Städte und Sitten gesehen hat und endlich nach langen Jahren wieder in seiner Heimat anlangt und dieselben Menschen, die er dort verlassen hat und nimmer wiederzusehen glaubte, auch endlich noch wieder findet.
Der Weg ging nun immer bergauf, bergab. – Die Hitze war ziemlich gross, und Reiser löschte seinen Durst, sooft er einen klaren Bach antraf, aus welchem ihm umsonst zu schöpfen freistand.
In dem dorf, wo er die erste Nacht blieb, war die Gaststube voller Bauern, die einen grossen Lärm machten, so dass es ihm nicht möglich war zu lesen; er beschäftigte sich also mit seinen Gedanken; und eine steinalte Frau, die im Lehnstuhle sass und mit dem kopf bebte, zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. –
Diese Frau war hier erzogen, hier geboren, hier alt geworden, hatte immer die Wände dieser stube, den grossen Ofen, die Tische, die Bänke gesehen – nun dachte er sich nach und nach in die Vorstellungen und Gedanken dieser alten Frau so sehr hinein, dass er sich selbst darüber vergass und wie in eine Art von wachenden Traum geriet, als ob er auch hier bleiben müsste und nicht aus der Stelle könne. – Ein solcher Traum war bei der plötzlichen Veränderung, die sein Zustand gelitten hatte, sehr natürlich – und als seine Gedanken sich sammleten, fühlte er das Vergnügen der Abwechselung, der Ausdehnung, der unbegrenzten Freiheit doppelt wieder – er war wie von Fesseln entbunden, und die alte Frau mit bebendem haupt war ihm wieder ein gleichgültiger Gegenstand.
Diese Art aber, sich in die Vorstellungen anderer Menschen hineinzudenken und sich selbst darüber zu vergessen, klebte ihm von Kindheit an – es war einer seiner kindischen Wünsche, dass er nur einen Augenblick aus den Augen eines andern Menschen, den er