die ihn umgaben, und worauf er auch ungern ganz Verzicht tun wollte, da er doch einmal so gut wie die andern Menschen Leben und Dasein fühlte.
Dies machte, dass er mit sich selbst im immerwährenden Kampfe war. Er dachte nicht leichtsinnig genug, um ganz den Eingebungen seiner Phantasie zu folgen und dabei mit sich selber zufrieden zu sein; und wiederum hatte er nicht Festigkeit genug, um irgendeinen reellen Plan, der sich mit seiner schwärmerischen Vorstellungsart durchkreuzte, standhaft zu verfolgen.
eigentlich kämpften in ihm so wie in tausend Seelen die Wahrheit mit dem Blendwerk, der Traum mit der Wirklichkeit, und es blieb unentschieden, welches von beiden obsiegen würde, woraus sich die sonderbaren Seelenzustände, in die er geriet, zur Genüge erklären lassen.
Widerspruch von aussen und von innen war bis dahin sein ganzes Leben. –
Es kommt darauf an, wie diese Widersprücke sich lösen werden! Sowie nun Reiser die Türme von Hannover aus dem Gesicht verloren hatte und mit schnellen Schritten vorwärts ging, atmete er freier, seine Brust erweiterte sich – die ganze Welt lag vor ihm – und tausend Aussichten eröffneten sich vor seiner Seele.
Er dachte sich den Faden seines bisherigen Lebens gleichsam wie abgeschnitten – er war nun aus allen Verwickelungen auf einmal befreiet – denn hätte er auch die Universität in Göttingen bezogen, so hätte ihn auch dort sein Schicksal hin verfolgt; die ganze Zeitgenossenschaft seiner Jugend hätte auch dort wieder auf ihn gedrückt, und sein Mut hätte ganz erliegen müssen.
Denn so lange, wie er in jenen Kreis hingebannt war, konnte er kein Zutrauen zu sich selber fassen – und wenn sein Mut sich erholen sollte, so musste er so bald die Menschen nicht wieder sehen, die vielleicht unvorsetzlich ihm die Tage seiner Jugend verbittert hatten.
Nun war er aus diesem Kreise ganz geschieden. – Der Schauplatz seiner Leiden, die Welt, worin er die Schicksale seiner Jugend durchlebt hatte, lag hinter ihm – er entfernte sich mit jedem Schritt von ihr und konnte, so wie er sich eingerichtet hatte, acht Tage wandern, ohne dass ihn ein Mensch vermisste.
Nun fand er eine unbeschreibliche Süssigkeit in dem Gedanken, dass ausser Philipp Reiser niemand um sein Schicksal und um den Ort seines Aufentalts wusste, dass selbst dieser einzige Freund sich bei seinem Abschiede nicht sehr bekümmert hatte; dass er nun ausser allen Verhältnissen und allen Menschen, zu denen er kam, völlig gleichgültig war.
Wenn das gänzliche Hinscheiden aus dem Leben durch irgendeinen Zustand kann vorgebildet werden, so muss es dieser sein. –
Sowie nun die Hitze des Tages sich legte, die Sonne sich neigte und die Schatten der Bäume länger wurden, verdoppelte er seine Schritte und machte denselben Nachmittag die drei Meilen bis Hildesheim ununterbrochen, wie einen Spaziergang; auch betrachtete er es völlig wie einen Spaziergang; denn er war nun in Hildesheim so gut wie in Hannover zu haus.
Als er an das Stadttor kam, schlug er sich vorher den Staub von den Schuhen, brachte sein Haar in Ordnung, nahm eine kleine Gerte in die Hand, mit der er im Gehen spielte, und schlenderte auf die Weise langsam über die brücke, auf der er zuweilen stehen blieb, als ob er jemanden erwartete oder nach etwas sich umsah. – Und da er überdem in seidenen Strümpfen ging, so hielt ihn niemand in diesem Aufzuge für einen Reisenden, der über vierzig Meilen zu Fuss zu wandern im Begriff ist.
Keine Schildwache fragte ihn, und er wanderte mit den Einwohnern der Stadt, die auch von ihren Spaziergängen zurückkehrten, in die Tore von Hildesheim. – Und der Gedanke war ihm wiederum äusserst beruhigend und angenehm, dass er diesen Leuten gar nicht als fremd auffiel, niemand nach ihm sich umsah, sondern dass er gleichsam zu ihnen mitgerechnet wurde, ohne doch zu ihnen zu gehören. –
Da ihn nun niemand von allen diesen Menschen kannte und niemand sich um ihn bekümmerte, so verglich er sich auch mit keinem mehr; er war wie von sich selbst geschieden; seine Individualität, die ihn so oft gequält und gedrückt hatte, hörte auf, ihm lästig zu sein; und er hätte sein ganzes Leben auf die Weise ungekannt und ungesehen unter den Menschen herumwandeln mögen. –
Als er nicht weit vom Tore einen Gastof suchte, kam ihm die Strasse bekannt vor, und er erinnerte sich wieder an die Zeit, als er vor vier Jahren mit dem Rektor, bei dem er wohnte, am Fronleichnamsfeste hier war, und an die ängstliche und peinliche Lage, in der er sich damals befand, weil er von der Gesellschaft, mit der er ging, weder ausgeschlossen war, noch eigentlich dazugehörte. – Es wälzte sich ihm wie ein Stein vom Herzen weg, da er sich das alles nun als gänzlich vergangen dachte.
In dem Gastofe, worin er nun einkehrte, empfing und bewirtete man ihn nach seiner Kleidung, und er hatte nicht den Mut, es von sich abzulehnen, sondern liess es sich gefallen, dass man ihm ein Abendessen zubereitete, ein Bette zum Schlafen anwies und ihm am andern Morgen seinen Kaffee brachte. – Den trank er noch in Ruhe und las im Homer dazu, als er auf einmal wie aus einer Art von Betäubung erwachte, da er sich lebhaft vorstellte, dass er mit seiner Barschaft, die aus einem einzigen Dukaten bestand, nicht nur über vierzig Meilen weit reisen, sondern notwendig an Ort und Stelle noch etwas davon übrig haben müsste.
Er bezahlte schnell seine Zeche, die ihn