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Duodez mit der lateinischen Version und der lateinische Anschlagbogen von der Redeübung an der Königin Geburtstage, worauf sein Name gedruckt stand, war alles, was er in der tasche bei sich trug. –

Es war in der Mitte des Winters, an einem Sonntagmorgen, den er noch bei Philipp Reisern zubrachte, wo er sich völlig reisefertig machte, um den Nachmittag seine Wanderschaft anzutreten und, weil die Tage schon lang waren, noch drei Meilen bis zu der nächsten Stadt auf seiner Tour zurückzulegen. –

Es war heitrer Sonnenscheindie Leute gingen in ihrem Sonntagsschmuck auf der Strasse und zum teil vor das Tor spazieren, um am Abend in ihre Häuser wieder zurückzukehren, und Reiser sollte nun an diesem Tage auf immer aus Hannover scheidendies machte ihm eine sonderbare Empfindung, die weder Schmerz noch Wehmut, sondern mehr eine Art von Betäubung war. – Der Abschied aus Hannover presste ihm keine Träne aus, sondern er war dabei fast so kalt und unbewegt, als ob er durch eine fremde Stadt gereist wäre, der er nun wieder den rücken zukehren musste, um weiterzugehen. – Selbst der Abschied von Philipp Reisern war mehr kalt als zärtlich. – Philipp Reiser machte sich viel mit einer neuen Kokarde an seinem hut zu schaffen und unterhielt dabei seinen scheidenden Freund noch in der letzten Stunde, die sie zusammen zubrachten, von seinem verliebten Romane, den er damals gerade spielte, gleichsam, als wenn Anton Reiser den Verfolg davon hätte abwarten können. – Kurz, die ganze Unterhaltung war so, als ob sie am andern Tage wieder zusammenkommen und alles denn nach der alten Weise fortgehen würde. – Was aber Anton Reisern am meisten ärgerte, war das Putzen der Hutkokarde, womit sich sein einziger Freund in der letzten Abschiedsstunde noch so eifrig beschäftigen konnte. – Diese Hutkokarde schwebte ihm noch lange nachher vor Augen und machte ihm allemal eine verdriessliche Rückerinnerung, sooft er daran dachte. – Auch wurde ihm der Abschied aus Hannover von seinem einzigen Freunde durch dies Putzen der Hutkokarde sehr erleichtert. – Philipp Reiser meinte es aber demohngeachtet gut mit ihm, nur hatte diesmal seine kleine Eitelkeit und seine verliebten Schwärmereien über die freundschaftliche Teilnehmung die Oberhand behalten, und seine Hutkokarde, worin er vielleicht seiner Schönen gefallen wollte, war ihm auch ein sehr wichtiger Gegenstand geworden, wofür nun Anton Reiser freilich keinen Sinn hatte. –

' So kalt, so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen.'

Diese Worte aus Werters Leiden hatten Anton Reisern diesen ganzen Morgen im Sinne gelegen, und da ihm Philipp Reiser den grossen Torweg öffnen wollte, durch den nun doch der eigentliche Trennungspunkt bewirkt wurde, weil Philipp Reiser, um nicht Verdacht zu erwecken, als ob derselbe um seine Abreise wüsste, ihn mit Fleiss nicht begleiten sollte, so blieb er noch eine Weile inwendig stehen, sah Philipp Reisern starr an, und in dem Augenblick war es ihm, als klopfte er so kalt und starr an der ehernen Pforte des Todes an. – Er gab Philipp Reisern, der ihm kein Wort sagen konnte, die Hand, zog darauf den Torweg hinter sich zu und eilte, um die nächste Ecke zu kommen, damit sein nun von ihm geschiedener Freund ihm nicht etwa nachsehen möchte. –

Darauf ging er schnell über den Wall nach dem Ägidien-Tore zu und sah noch einmal seitwärts nach seiner ehemaligen wohnung im haus des Rektors, die er vom Walle aus bemerken konnte. – Es war des Nachmittags um zwei Uhr, und man läutete zur Kircheer verdoppelte seine Schritte, je näher er dem Tore kam. – Es war ihm, als ob das Grab noch einmal hinter ihm seinen Schlund eröffnete. – Da er aber nun die Stadt mit ihren grünbepflanzten Wällen im Rükken hatte und die Häuser, wie er zurückblickte, sich immer dichter zusammendrängten, so wurde ihm leichter und immer leichter, bis endlich die vier Türme, welche den bisherigen Schauplatz aller seiner Kränkungen und Bekümmernisse bezeichneten, ihm aus dem gesicht schwanden. –

Vierter teil

Vorrede

(1790)

Dieser vierte teil von Anton Reisers Lebensgeschichte handelt so wie die vorigen eigentlich die wichtige Frage ab, inwiefern ein junger Mensch sich selber seinen Beruf zu wählen imstande sei.

Er entält eine getreue Darstellung von den mancherlei Arten von Selbsttäuschungen, wozu ein missverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst den Unerfahrnen verleitet hat.

Dieser teil entält auch einige vielleicht nicht unnütze und nicht unbedeutende Winke für Lehrer und Erzieher sowohl als für junge Leute, die ernstaft genug sind, um sich selbst zu prüfen, durch welche Merkzeichen vorzüglich der falsche Kunsttrieb von dem wahren sich unterscheidet.

Man sieht aus dieser geschichte, dass ein missverstandener Kunsttrieb, der bloss die Neigung ohne den Beruf voraussetzt, ebenso mächtig werden und eben die Erscheinungen hervorbringen kann, welche bei dem wirklichen Kunstgenie sich äussern, welches auch das Äusserste erduldet und alles aufopfert, um nur seinen Endzweck zu erreichen.

Aus den vorigen Teilen dieser geschichte erhellet deutlich: dass Reisers unwiderstehliche leidenschaft für das Teater eigentlich ein Resultat seines Lebens und seiner Schicksale war, wodurch er von Kindheit auf aus der wirklichen Welt verdrängt wurde und, da ihm diese einmal auf das bitterste verleidet war, mehr in Phantasien als in der Wirklichkeit lebtedas Teater als die eigentliche Phantasiewelt sollte ihm also ein Zufluchtsort gegen alle diese Widerwärtigkeiten und Bedrückungen sein. – Hier allein glaubte er freier zu atmen und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden.

Und doch hatte er hiebei ein gewisses Gefühl von den reellen Dingen in der Welt,