sich mit ihm über die Glückseligkeit, welche der Schauspielerstand gewährte, wobei er gegen die Vorurteile deklamierte, die diesen ehrenvollen Stand noch immer unverdienterweise herabsetzten. –
Dies Gespräch hielten beide auf einem Spaziergange nach einem kleinen dorf vor Hannover; und sie hatten sich so in ihrer Unterredung vertieft, dass sie von der Nacht überfallen und in dem dorf zu bleiben genötigt wurden. – Dies ungewöhnliche Übernachten an einem fremden Orte setzte beiden noch mehr romanhafte Ideen in den Kopf – es deuchte ihnen schon, als ob sie auf Abenteuer ausgingen und Glück und Unglück miteinander teilten. – Der kühne Vorsatz dieser beiden Abenteurer, sich über alle Vorurteile der Welt hinwegzusetzen und ihrer Neigung oder ihrem Beruf, wie sie es nannten, zu folgen, blieb denn auch nicht unausgeführt. – Reiser machte den Anfang, und Timäus folgte ihm bald, wurde aber noch glücklich wieder zurückgebracht. –
Reiser machte indes, ehe er seinen Vorsatz ausführte, noch eine nächtliche Wanderung mit Iffland, der ihn des Abends um elf Uhr mit noch einem von der dramatischen Gesellschaft besuchte und ihn zu einem Spaziergange nach dem Deister, einem Berge, der drei Meilen von Hannover entfernt ist, einlud. – Reiser, dem dergleichen nächtliche Wanderungen nun schon anfingen eine gewohnte Sache zu werden, war sogleich entschlossen – es war eine warme mondhelle Sommernacht. – Die Unterhaltung unterwegens war ganz poetisch, zuweilen etwas affektiert und dann wieder wahr, nachdem es fiel. – Wo sie durch ein Dorf kamen, duftete ihnen der frische Heugeruch entgegen. – Und diese Nachtwanderung war wirklich eine der angenehmsten, die man sich nur denken kann, so dass sie recht vom Zufall veranstaltet zu sein schien, um Reisers Phantasie noch mehr zu erhitzen und seiner einmal angefachten Lust zum Wandern das völlige Übergewicht über die Vernunft zu geben. –
Die drei Abenteurer erreichten noch vor Tagesanbruch ein Dorf, das dicht am Fuss des berges lag, wo sie einkehrten und noch einige Stunden schliefen. – Da sie aber am andern Morgen früh aufstanden, so waren alle die schönen Bilderchen aus der Zauberlaterne verschwunden; die kahle Wirklichkeit mit allen ihren unvermeidlichen Unannehmlichkeiten stand wieder vor ihrer Seele da – sie sassen über eine Stunde einander gegenüber und jähnten sich an. – Wenn irgendetwas Reisern von seiner Phantasie noch hätte heilen können, so wäre es dieser Morgen nach solch einer Nacht gewesen – es war ihnen nun leid geworden, den Berg zu besteigen, sie fühlten sich müde und matt und nahmen den nächsten Weg wieder nach der Stadt zurück, der ihnen wegen der brennenden Sonnenhitze ziemlich beschwerlich wurde – allein sie fingen unterwegs an, Reime zu extemporieren, womit sie sich die Einförmigkeit des Gehens einigermassen erleichterten. –
Reiser blieb demohngeachtet völlig entschlossen zu wandern, möchte auch sein Schicksal sein, was da wollte – er zog alles, was ihm begegnen konnte, dennoch der traurigen Einförmigkeit und dem nicht halb und nicht ganz glücklich sein in Hannover vor. –
Alle seine Gedanken gingen nun einmal ins Weite. – Er sah überdem kein Mittel vor sich, seine Schulden zu tilgen, ohne sie dem Pastor Marquard aufs neue zu entdecken, dessen achtung und Freundschaft er dann völlig zu verlieren gewärtigen musste. – Auch die verschiedenen Demütigungen, die er seit kurzem wieder hatte ertragen müssen, waren ihm noch im frischen Andenken und machten ihm den Aufentalt in Hannover sowohl als die Gegenden umher verhasst. –
Er wusste seinem einzigen Vertrauten, Philipp Reisern, seine Lage auch so misslich vorzustellen, dass dieser endlich selbst seinen Entschluss, Hannover zu verlassen, billigte und ihm die Reiseroute nach Erfurt, so wie er den Weg selbst von dorter bis Hannover zu fuss gemacht hatte, vorschrieb. – Von da wollte denn Anton Reiser nach Weimar gehen, um bei der Seilerschen oder vielmehr Ekhofischen Schauspielergesellschaft als Mitglied angenommen zu werden – und von da aus wollte er denn, wenn ihm dies gelänge, seine Schulden in Hannover bezahlen und seinen guten Ruf wieder herzustellen suchen, indem er dort gleichsam wieder aufstände, nachdem er hier bürgerlich gestorben wäre. – Dies letzte war ihm insbesondre eine der angenehmsten Vorstellungen, womit er sich trug. –
Er brachte nun Philipp Reisern seine wenigen Bücher und Papiere und gab sie ihm in Verwahrung – seine Kleider hatte er zum teil versetzt, um die Kosten zur Komödie zu bestreiten – und seine übrigen wenigen Sachen liess er seinem Wirt zur Schadloshaltung für die Miete. – Diesem sagte er, dass sein Vater sehr krank geworden sei und dass er, um diesen zu besuchen, auf eine Woche verreisen würde, wenn etwa jemand nach ihm fragen sollte. –
Und nun war er so weit in Richtigkeit bis auf die Barschaft, womit er eine Reise von mehr als vierzig Meilen antreten sollte. – Diese bestand denn, nach allem, was er hatte auftreiben können, aus einem einzigen Dukaten, womit er Mut genug hatte, sich auf den Weg zu machen, ungeachtet Philipp Reiser ihm die Unbesonnenheit dieses Unternehmens genug vorstellte. – Aber mit Gelde konnte ihn dieser aus dem sehr wichtigen grund nicht unterstützen, weil es ihm selbst gemeiniglich und gerade jetzt gänzlich daran fehlte. –
Anton Reiser konnte also nun im eigentlichen verstand von sich sagen, dass er alle das Seinige mit sich trug. – Das gute Kleid, worin er die Rede auf der Königin Geburtstag gehalten hatte, nebst einem Überrock war seine ganze Garderobe – dabei trug er einen vergoldeten Galanteriedegen an der Seite und Schuh und seidene Strümpfe. – Ein reines Oberhemde nebst noch ein paar seidenen Strümpfen, Homers Odyssee in