, der Vernichtung – die idee des Kleinen ist es, welche Leiden, Leerheit und Traurigkeit hervorbringt – das Grab ist das enge Haus, der Sarg ist eine wohnung, still, kühl und klein – Kleinheit erweckt Leerheit, Leerheit erweckt Traurigkeit – Traurigkeit ist der Vernichtung Anfang – unendliche Leere ist Vernichtung. – Reiser empfand auf dem kleinen Kirchhofe die Schrecken der Vernichtung – der Übergang vom Dasein zum Nichtsein stellte sich ihm so anschaulich und mit solcher Stärke und Gewissheit dar, dass seine ganze Existenz nur noch wie an einem Faden hing, der jeden Augenblick zu zerreissen drohte. –
Nun war also auf einmal aller Lebensüberdruss bei ihm verschwunden – er suchte in seiner Seele wieder eine gewisse Ideenfülle hervorzubringen, um sich gleichsam nur vor der gänzlichen Vernichtung zu retten – und da er von ungefähr auf die Heerstrasse nach Erichshagen geriet, wo seine Eltern wohnten, und ihm nun auf einmal diese ganze Gegend bekannt war – so nahm er sich erst vor, die ganze Nacht durch zu gehen und seine Eltern noch einmal mit einem unvermuteten Besuch zu überraschen. – Eine Meile war er schon von Hannover und hatte also ungefähr noch fünf Meilen zurückzulegen. –
Allein der Gedanke, dass er seinen Eltern nichts von seinem Entschluss hätte entdecken dürfen und doch mit schwerem Herzen von ihnen hätte Abschied nehmen müssen, verleidete ihm diesen Vorsatz wieder, da es überdem gegen Mitternacht stark zu regnen anfing. – Er ging also aufs neue mitten im Regen und Dunkel durch das hohe Korn querfeldein nach der Stadt zu – es war eine warme Sommernacht, und der Regen und die Dunkelheit waren ihm bei dieser menschenfeindlichen nächtlichen Wanderung die angenehmsten Gesellschafter – er fühlte sich gross und frei in der ihn umgebenden natur – nichts drückte ihn, nichts engte ihn ein – er war hier auf jedem Fleck zu haus, wo er sich niederlegen wollte, und dem Anblick keines Sterblichen ausgesetzt. – Er fand zuletzt eine ordentliche Wonne darin, durch das hohe Korn hinzugehen ohne Weg und Steg – durch nichts, nicht einmal durch ein eigentliches Ziel gebunden, nach welchem er seine Schritte hätte richten müssen. Er fühlte sich in dieser Stille der Mitternacht frei wie das wild in der Wüste – die weite Erde war sein Bette – die ganze natur sein Gebiet. –
So wanderte er die ganze Nacht hindurch, bis der Tag anbrach – und als er die Gegenstände allmählich wieder unterscheiden konnte, so deuchte es ihm nach der Gegend, als ob er ungefähr noch eine halbe Meile von Hannover wäre – auf einmal aber befand er sich, ehe er sichs versahe, dicht an einer grossen Kirchhofsmauer, die er sonst nie in dieser Gegend bemerkt hatte – er nahm alle seine Nachdenken zusammen und suchte sich zu orientieren, aber es war vergeblich – er konnte die lange Kirchhofsmauer aus dem Zusammenhange der übrigen Gegenstände nicht erklären; sie war und blieb ihm eine Erscheinung, welche ihn eine Zeitlang wirklich zweifeln liess, ob er wache oder träume – er rieb sich die Augen – aber die lange Kirchhofsmauer blieb immer da – überdem war auch durch sein sonderbares Nachtwandern und durch das Wegfallen der gewohnten Pause, wodurch die Vorstellungen des Tages der natur gemäss unterbrochen werden, seine Phantasie zerrüttet – er fing selbst an, für seinen Verstand zu fürchten, und war vielleicht wirklich dem Wahnwitz nahe, als er endlich die vier Türme von Hannover wieder durch den Nebel sah und nun wusste, wo er war. – Die Morgendämmerung hatte ihn getäuscht, dass er die Gegend für eine andre hielt, die noch eine halbe Meile von Hannover lag und mit dieser, die dicht vor der Stadt war, sehr viel Ähnlichkeit hatte. – Der grosse Kirchhof, in dessen Mitte eine kleine Kapelle stand, war der ordentliche Kirchhof dicht vor Hannover, und Reisern war nun auf einmal die ganze Gegend wieder bekannt – er erwachte wirklich wie aus einem Traume. –
Aber wenn irgend etwas fähig ist, jemanden dem Wahnwitz nahe zu bringen, so sind es wohl vorzüglich die verrückten Orts- und Zeitideen, woran sich alle unsre übrigen Begriffe festalten müssen. – Dieser neue Tag war für Reisern wie kein neuer Tag, weil zwischen diesem und dem vorhergehenden Tage keine Unterbrechung der Wirkungen seiner vorstellenden Kraft stattgefunden hatte. – Er ging in die Stadt; es war noch frühmorgens, und auf den Strassen herrschte eine Totenstille. – Das Haus, die stube, worin er wohnte, alles kam ihm anders, fremd und sonderbar vor. – Diese Nachtwanderung hatte eine Veränderung in seinem ganzen Gedankensystem hervorgebracht – er fühlte sich in seiner wohnung von nun an nicht mehr zu haus – die Ortsideen schwankten in seinem kopf hin und her – er war den ganzen Tag über wie ein Träumender – bei dem allen aber war ihm die Erinnerung an die Nachtwanderung angenehm. – Das Krächzen der beiden Raben, die über seinem kopf hinflogen, der kleine Dorfkirchhof, die durchwanderten Kornfelder, alles drängte sich nun in seiner Einbildungskraft zusammen und machte zusammen eine dunkle Gruppe, ein schönes Nachtstück aus, woran sich seine Phantasie noch oft nachher in einsamen Stunden ergötzt hat. –
Allein sein Aufentalt in Hannover wurde ihm von nun an womöglich noch verhasster – und der Wandergeist hatte sich seiner nun ganz bemächtigt – dies war aber auch der Fall bei mehrern von den jungen Leuten, welche mit Komödie gespielt hatten. – Einer namens Timäus, der vorher ein äusserst stiller, fleissiger und ordentlicher Mensch war, entdeckte Reisern im Vertrauen seine Unzufriedenheit mit seinem künftigen stand eines Teologen, wozu er bestimmt war, und unterredete