Schicksal aus. – Er spottete über sich selbst, weil er sich zum Spott und zur Verachtung geboren glaubte. –
Woher kam es denn auch, dass er zum Spott der Welt gleichsam an der Stirne gebrandmarkt war? – was haftete denn für ein Mal des Lächerlichen an ihm, das durch nichts konnte ausgelöscht werden? – das ihn jetzt, da er doch von seinen Mitschülern geachtet war, aufs neue wieder in einer bösen Stunde ihrem Gelächter preisgab? –
Es war die unverantwortliche Seelenlähmung durch das zurücksetzende Betragen seiner eignen Eltern gegen ihn, die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte wieder vermindern können. – Es war ihm unmöglich geworden, jemanden ausser sich wie seinesgleichen zu betrachten – jeder schien ihm auf irgendeine Art wichtiger, bedeutender in der Welt als er zu sein – daher deuchten ihm Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung – weil er nun glaubte, verachtet werden zu können, so wurde er wirklich verachtet – und ihm schien oft das schon Verachtung, was ein anderer mit mehr Selbstgefühl nie würde dafür genommen haben. – Und so scheint nun einmal das Verhältnis der Geisteskräfte gegeneinander zu sein; wo eine Kraft keine entgegengesetzte Kraft vor sich findet, da reisst sie ein und zerstört wie der Fluss, wenn der Damm vor ihm weicht. – Das stärkere Selbstgefühl verschlingt das schwächere unaufhaltsam in sich – durch den Spott, durch die Verachtung, durch die Brandmarkung des Gegenstandes zum Lächerlichen. – Das Lächerlichwerden ist eine Art von Vernichtung und das Lächerlichmachen eine Art von Mord des Selbstgefühls, die nicht ihresgleichen hat. – Von allen ausser sich gehasst zu werden ist dagegen wünschens- und begehrenswert. – Dieser allgemeine Hass würde das Selbstgefühl nicht töten, sondern es mit einem Trotz beseelen, wovon es auf Jahrtausende leben und gegen diese hassende Welt Wut knirschen könnte. – Aber keinen Freund und nicht einmal einen Feind zu haben – das ist die wahre Hölle, die alle Qualen der fühlbaren Vernichtung eines denkenden Wesens in sich fasst. – Und diese Höllenqual war es, welche Reiser empfand, sooft er sich aus Mangel an Selbstgefühl für einen würdigen Gegenstand des Spottes und der Verachtung hielt – seine einzige Wonne war dann, wenn er für sich allein war, in lautes Hohngelächter über sich selber auszubrechen und das nun selber gleichsam an sich zu vollenden, was die Wesen ausser ihm angefangen hatten. – 'Wenn diese Wesen mich verspotten und zerstören, 'Die stärker und vollkommner sind als ich, 'Warum soll ich des Mitleids stimme hören 'Und weinen schändlich über mich? – ' Da er nun also dem hohnlachenden Zirkel seiner Mitschüler entflohen war – so schweifte er in der einsamen Gegend umher und entfernte sich immer weiter von der Stadt, ohne ein Ziel zu haben, wohin er seine Schritte richtete. – Er ging immer querfeldein, bis es dunkel wurde – da kam er an einen breiten Weg, der zu einem dorf führte, das er vor sich liegen sah – der Himmel fing an, sich immer düstrer zu umziehn, und drohte Regenwetter – die Raben fingen an zu krächzen, und zwei, die immer über seinem kopf hinflogen, schienen ihm das Geleite zu geben – bis er an den kleinen engen Kirchhof des Dörfchens kam, welcher gleich vornean lag und mit unordentlich übereinandergelegten Steinen eingefasst war, die eine Art von Mauer vorstellen sollten. – Die Kirche mit dem kleinen spitzen Turme, der mit Schindeln gedeckt war, in der dicken Mauer nach jeder Seite zu nur ein einziges Fensterchen, durch welches das Licht schräg hereinfallen konnte – die tür wie halb in die Erde versunken und so niedrig, dass es schien, man könne nicht anders als gebückt hineingehen. – Und ebenso klein und unansehnlich, wie die Kirche war, so enge und klein war auch der Kirchhof, wo die aufsteigenden Grabhügel dicht aneinander gedrängt und mit hohen Nesseln bewachsen waren. – Der Horizont war schon verdunkelt; der Himmel schien in der trüben Dämmerung allentalben dicht aufzuliegen, das Gesicht wurde auf den kleinen Fleck Erde, den man um sich her sah, begrenzt – das Winzige und Kleine des Dorfes, des Kirchhofes und der Kirche tat auf Reisern eine sonderbare wirkung – das Ende aller Dinge schien ihm in solch eine Spitze hinauszulaufen – der enge dumpfe Sarg war das letzte – hierhinter war nun nichts weiter – hier war die zugenagelte Bretterwand – die jedem Sterblichen den fernern blick versagt. – Das Bild erfüllte Reisern mit Ekel – der Gedanke an dies Auslaufen in einer solchen Spitze, dies Aufhören ins Enge und noch Engere und immer Engere – wohinter nun nichts weiter mehr lag – trieb ihn mit schrecklicher Gewalt von dem winzigen Kirchhofe weg und jagte ihn vor sich her in der dunklen Nacht, als ob er dem Sarge, der ihn einzuschliessen drohte, hätte entfliehen wollen. – Das Dorf mit dem Kirchhofe war ihm ein Anblick des Schreckens, solange er es noch hinter sich sah – auf dem Kirchhofe war ihm ein sonderbarer Schrecken angewandelt – was er so oft gewünscht hatte, schien ihm gewährt zu werden, das Grab schien seine Beute zu fordern und noch stets, sowie er flohe, hinter ihm seinen Schlund zu eröffnen – erst da er ein andres Dorf erreichte, war er wieder ruhiger. –
Was ihm aber auf dem Kirchhofe den Gedanken des Todes so schrecklich machte, war die Vorstellung des Kleinen, die, sowie sie herrschend wurde, in seiner Seele eine fürchterliche Leere hervorbrachte, welche ihm zuletzt unerträglich war. – Das Kleine nahet sich dem Hinschwinden