1785_Moritz_072_111.txt

auf einige Augenblicke wie vernichtet, alle seine Seelenkräfte waren gelähmt. – Der Gedanke des auch nur einen Augenblick Lästig-gewesen-seins fiel wie ein Berg auf ihner hätte in dem Moment dies irgendeinem geschöpf ausser ihm so lästige Dasein abschütteln mögen. –

Dann ging er aus dem Tore nach dem Kirchhofe, wo der Sohn des Pastor Marquard begraben lag, und weinte bei dessen grab die bittersten Tränen des Unmuts und Lebensüberdrusses. – Alles erschien ihm auf einmal in einem traurigen melancholischen Lichtedie ganze Zukunft seines Lebens war düsterer wünschte mit dem Staube vermischt zu sein, den sein Fuss betrat, und dies alles noch wegen des zuvorkommenden 'ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen'. – Diese Worte liessen einen Stachel in seiner Seele zurück, den er vergeblich wieder herauszuziehen suchteob er dies gleich sich selber nicht eigentlich gestand, sondern seinen Unmut und Lebensüberdruss aus allgemeinen Betrachtungen über die Nichtigkeit des menschlichen Lebens und die Eitelkeit der Dinge herzuleiten suchtefreilich fanden sich denn auch diese allgemeinen Betrachtungen ein, die aber ohne jene herrschende idee nur seinen Verstand beschäftigt, nicht aber sein Herz in Bewegung gesetzt haben würden. – Im grund war es das Gefühl der durch bürgerliche Verhältnisse unterdrückten Menschheit, das sich seiner hiebei bemächtigte und ihm das Leben verhasst machteer musste einen jungen Edelmann unterrichten, der ihn dafür bezahlte und ihm nach geendigter Stunde auf eine höfliche Art die tür weisen konnte, wenn es ihm beliebtewas hatte er vor seiner Geburt verbrochen, dass er nicht auch ein Mensch geworden war, um den sich eine Anzahl anderer Menschen bekümmern und um ihn bemüht sein müssenwarum erhielt er gerade die Rolle des Arbeitenden und ein andrer des Bezahlenden? – Hätten ihn seine Verhältnisse in der Welt glücklich und zufrieden gemacht, so würde er allentalben Zweck und Ordnung gesehen haben, jetzt aber schien ihm alles Widerspruch, Unordnung und Verwirrung. –

Da er nun zu haus ging, so wurde er auf der Strasse erstlich von einem seiner Gläubiger gemahnetund da er mit gesenktem haupt melancholisch vor sich hinging, so hörte er hinter sich einen Jungen zum andern sagen: da geht der Magister Blasius! – Dies brachte ihn so auf, dass er dem Jungen auf der Strasse ein paar Ohrfeigen gab, welcher nun hinter ihm herschimpfte, bis Reiser seine wohnung erreichte. –

Von dem Tage an war Reisern der Anblick von den Strassen in Hannover ein Greuelund vor allem war die Strasse, wo der Junge hinter ihm hergeschimpft hatte, ihm am verabscheuungswürdigsten; er vermied es, wo er konnte, durch dieselbe zu gehen, und wenn er doch durchgehen musste, so war es ihm, als ob die Häuser auf ihn fallen wolltenwohin er trat, glaubte er hinter sich den spottenden Pöbel oder einen ungeduldigen Gläubiger zu hören. –

Diese Demütigungen waren zu schnell nacheinander gekommen, als dass er sich unter dem Druck, welcher ihm von nun an den Ort seines Aufentalts verhasst machte, noch einmal hätte wieder emporarbeiten können. – Der Gedanke, Hannover zu verlassen und sein Glück in der weiten Welt zu suchen, wurde von nun an fester Entschluss, den er aber doch niemanden als Philipp Reisern entdecktedieser war damals sehr mit sich selber beschäftigt, weil er wieder einen verliebten Roman spielte und alle seine Aufmerksamkeit darauf wandte, wie er seinem Mädchen gefallen wollte. – Anton Reisers Schicksal war ihm daher etwas weniger wichtig, als es ihm zu einer andern Zeit würde gewesen sein. –

ungeachtet Anton Reiser vielleicht in wenigen Tagen Hannover auf immer zu verlassen im Begriff war, so unterhielt ihn sein Freund dennoch mit dem ganzen Detail seiner Liebschaft, als wenn jener den Erfolg von dem allen hätte abwarten können. – Dies ärgerte ihn denn zuweilen wohlaber Philipp Reiser war doch einmal sein nächster Vertrauterund er hatte niemanden ausser ihm, dem er sich hätte entdekken mögen. –

Weil er doch aber nun, um sein Glück in der weiten Welt zu suchen, sich irgendeinen Ort in der weiten Welt zum Ziel seiner Wanderung machen musste, so wählte er Weimar hierzu, wo sich damals die Seilersche truppe, über welche Ekhof die Direktion führte, aufhalten sollte. – Hier wollte er seinen Entschluss, sich dem Teater zu widmen, ins Werk zu richten suchen. –

Während nun, dass er mit diesem Gedanken umging, erlitt er noch eine Demütigung, die ihn vollends in seinem Entschluss bestärkte. –

Er ging nämlich eines Nachmittags mit einer Anzahl seiner Mitschüler, die von der dramatischen Gesellschaft waren, in einem öffentlichen Garten vor der Stadt spazieren. – Nun mochten ihm wohl die Gedanken, womit er umging, ein sonderbares zerstreutes Aussehen geben, wodurch er sich vor seiner Gesellschaft eben nicht zu seinem Vorteil auszeichneteund seine Mitschüler fielen, ehe er sichs versahe, auf einmal wieder mit einem solchen Spott über ihn her, dass es ihm auch nicht möglich war, gegen alles, was sie sagten, nur ein Wort vorzubringen. – Da nun ihr Witz freien Spielraum fand, so war des Witzelns kein Endeund da nun überdem ein paar Offiziere in der Nähe standen, die dem Gespräch zuhörten, so konnte Reiser nicht länger ausdauerner schlich sich vom Tische weg, bezahlte dem Wirt, was er für seinen teil schuldig warund eilte, so schnell er konnte, fortund so bald er nun allein war, brach er aufs neue in laute Verwünschungen über sich und sein