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durch tausend drückende Lagen einmal ganz unter die herrschaft der Phantasie zurückgedrängt war, die nun über dasselbe ihre Rechte ausüben wollte. – –

Die Saite war bis zur höchsten Spannung hinaufgewunden, und nun sprang sie. –

Als diese schreckliche probe vorbei war, so fand sich Reiser wieder ganz allein, ohne einen Freund, ohne einen, der sich seiner annahm. – Er wollte doch jemanden seinen Kummer klagen und ging zu Iffland, der sich von dem Augenblick fester wie jemals an ihn schloss: weil gerade dasselbe Bedürfnis bei ihm war, was Reisern zu ihm trieb. –

Ifflands Phantasie war ebenfalls bis auf den höchsten Grad gespannt, und sein Hang zum Teater überwiegend geworden, er bedurfte einen, dem er seine geheimsten Wünsche und seinen Kummer entdecken konnte. –

Nun hatten sein Vater und sein älterer Bruder nicht ohne Grund befürchtet, dass der Hang zum Teater durch den grossen Beifall, den er sich durch sein Spiel erwarb, zu sehr genährt und am Ende überwiegend werden möchte, und ihm daher untersagt, an den dramatischen Übungen ferner teilzunehmen, wogegen er nun freilich alle möglichen Einwendungen machte und eben jetzt noch deswegen mit seinem Vater in Unterhandlung stand. – Er machte nun Reisern zum Vertrauten von seinem Vorsatz, sich ganz dem Teater zu widmen, so wie er ehmals mit ihm über seinen Entschluss, ein Dorfprediger zu werden, gesprochen hatte. –

Die Rolle, welche Iffland schon gespielt hatte, war der Deserteur im Deserteur aus Kindesliebe und der Jude im Diamant, der als Nachspiel zum Deserteur gegeben wurde. – Den Juden hatte er so meisterhaft gespielt, dass er nachher mit ebendieser Rolle unter Ekhofs Augen debütierte und seine teatralische Laufbahn eröffneteso wie er sich nun durch den Juden im höchsten Komischen gezeigt hatte, so zeigte er sich durch den Beaumarchais im höchsten Tragischen, und sein Spiel war wirklich in dieser letzteren Rolle so hinreissend, dass man Brockmann selbst zu hören und zu sehen glaubte; und das Vergnügen, sich in dieser Rolle öffentlich zu zeigen, sollte ihm nun verleidet werden. – Er nötigte Reisern, die Nacht bei ihm auf seiner stube zu bleiben, wo sie sich denn in reizenden Träumen von der Glückseligkeit, die der Stand eines Schauspielers gewährte, verloren, bis sie beide darüber einschliefen. –

Jetzt waren sie beide fast unzertrennlich und Tag und Nacht beisammen. – Und einst, da sie an einem warmen aber trüben Morgen vors Tor hinausgingen, sagte Iffland, dies wäre gutes Wetter, davonzugehenund das Wetter schien auch so reisemässig, der Himmel so dicht auf der Erde liegend, die Gegenstände umher so dunkel, gleichsam als sollte die Aufmerksamkeit nur auf die Strasse, die man wandern wollte, hingeheftet werden. – Die idee wurde in beider Köpfen so rege, dass nicht viel fehlte, sie hätten sie gleich ins Werk gerichtetindes wollte doch Iffland womöglich in Hannover noch seinen Beaumarchais spielensie kehrten also nach der Stadt wieder umso sehr sich nun auch Iffland für Reisern mit bewarb, so war es doch unmöglich, dass dieser die Rolle des Clavigo erhalten konntestatt dessen trat ihm endlich der, welcher den Clavigo spielte, den Fürsten im Edelknaben abund in dem mann nach der Uhr erhielt Reiser die Rolle des Magister Blasius. –

Reiser war nun darüber melancholisch, dass er den Clavigo nicht spielen sollte, und Iffland, dass er überhaupt nicht mehr mit Komödie spielen solltebeide aber suchten sich zu überreden, dass sie des Lebens um sein selbst willen überdrüssig wären, und luden sich einmal des Nachts zwei Pistolen, womit sie fast die ganze Nacht hindurch Kurzweil trieben, indem sie 'sein oder nicht sein' hertragierten. – Bei Reisern ging indes der Lebensüberdruss in der Tat so weit, dass er nicht aus der Stelle wich, wenn Iffland die geladene Pistole auf ihn hielt und den Finger anlegte, um sie abzudrücken, indes Reiser ebendasselbe wieder gegen ihn tat. –

Am andern Tage aber hatte er einen etwas ernstaftern Auftritt mit Philipp Reisern, den er besuchte. – Er hatte die Nacht nicht geschlafen, eine dumme Trägheit blickte aus seinen hohlen Augen hervor, der Lebensüberdruss sass auf seiner Stirne, alle Spannkraft seiner Seele war dahiner sagte zu Philipp Reisern guten Tag! – und dann stand er da wie ein Stock. –

Philipp Reiser, der ihn schon öfter aber noch nie in dem Grade in einem solchen Zustand der Erschlaffung gesehen hatte und der nun zu fürchten anfing, dass es wohl gänzlich mit ihm vorbei sein möchtetat ihm im ganzen Ernst den Vorschlag, dass er ihn totschiessen wollte, ehe ein verworfner und schlechter Mensch aus ihm würde, wie jetzt der Fall wäre. – Mit Philipp Reisern, dessen Begriffe ebenfalls romanhaft und überspannt waren, war in solchen Fällen nicht zu spassen. – Anton Reiser verbat sich also diese Kur noch für jetzt und versicherte, dass er sich wohl noch einmal von seiner jetzigen Erschlaffung wieder erholen würde. –

Indes fing nun seine Lage an, immer misslicher zu werdendurch die Ausgaben, welche sein Teilnehmen an der Aufführung der Komödien erforderte, die seine Einkünfte weit überstiegen, und durch die Versäumnis der Lehrstunden, welche er gab, stürzte er sich immer tiefer in Schulden und fing bald an den notwendigsten Bedürfnissen des Lebens wieder an Mangel zu leiden, weil er nicht die Kunst gelernt hatte, auf Kredit zu leben. –

Seine Garderobe als Fürst im Edelknaben, die er sich, so wie jeder die