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Schauspieler wieder nach Hannover kamen, so wurden bei Iffland alle jene reizenden Phantasien von stiller Glückseligkeit auf einem dorf sehr bald verdrängt, und die herrschende idee war nun bei ihm sowie bei Reisern wieder das Teater. –

Iffland war nun einer der vorzüglichsten Mitglieder der Gesellschaft, die sich zum Aufführen der Komödie verbunden hatten, aber hier hatte er dennoch seinen Freund Reiser auch vergessen. – Diese Vernachlässigung von denen, die er noch für seine besten Freunde hielt, bei einer Sache, die ihm so sehr am Herzen lag wie diese, war ihm äusserst kränkend. – Er sprach mit Iffland darüber, der sich damit entschuldigte, er habe nicht geglaubt, dass Reiser zu der Sache noch Lust habe. – Und was Reisern am meisten kränkte, war, als er hörte, dass er bei der Rollenausteilung nicht etwa Feinde unter der Gesellschaft gehabt, die ihn hätten ausschliessen wollen, sondern dass man gar nicht einmal an ihn gedacht, seiner nicht einmal erwähnt hatte. –

Da er sich nun indes erklärte, dass er an der Gesellschaft teilnehmen wolle, so war man ihm nicht zuwider, wenn er mit einer von den Rollen, die noch übrig waren, vorliebnehmen wollte. – Er musste sich denn hiezu entschliessen und erhielt in dem ersten Stück, das aufgeführt wurde, in dem Deserteur aus Kindesliebe, noch die Rolle des Peter, welche ihm freilich nicht die angenehmste war, die er doch aber lieber als gar keine nahm. –

Man wird die Erzählung dieser anscheinenden Kleinigkeiten nicht unwichtig finden, wenn man in der Folge sehen wird, dass sie auf sein künftiges Leben einen grossen Einfluss hatten, und dass die Rollenausteilung bei den Komödien, die er mit seinen Mitschülern aufführte, gleichsam ein Bild von einem Teile seines künftigen Lebens war. –

Er wollte sich nicht zudrängen und war doch wieder nicht stark genug, es zu ertragen, wenn man ihn vernachlässigte. –

Da er nun ein Mitglied der teatralischen Gesellschaft geworden war, so verleitete ihn dies zu vielen Ausgaben, die seine Einkünfte überstiegenund zu vielen Versäumnissen, die seine Einkünfte verminderten. – Er musste die Gesellschaft zuweilen zu sich bitten, wie es ein jeder tatund der öftern Proben wegen, die angestellt wurden, manche seiner Unterrichtsstunden, die er gab, versäumen. – Überdem war sein Kopf nun wieder beständig mit Phantasien erfüllter war zu keinem anhaltenden und ernstaften Nachdenken, zu keinem Fleiss im Studieren mehr aufgelegt. –

Es bildeten sich nun schon Schriftstellerprojekte in seinem kopfer wollte ein Trauerspiel 'der Meineid' schreiben. – Er sah schon den Komödienzettel angeschlagen, worauf sein Name standseine ganze Seele war voll von dieser ideeund er ging oft wie ein Rasender in seiner stube wütend auf und nieder, indem er alle die grässlichen und fürchterlichen Szenen seines Trauerspiels durchdachte und durchempfand. – Der Meineid gereute den Meineidigen zu spät, und Mord und Blutschande war schon die Folge davon gewesen, als er eben im Begriff war, von unaufhörlicher Gewissensangst getrieben, den Meineid durch Aufopferung seines ganzen Vermögens, das er dadurch gewonnen hatte, wieder gutzumachenund der schmeichelhafteste Gedanke für Reisern war, wenn er dies Stück noch in seinem jetzigen stand, noch als Schüler vollenden würde, was man denn für Erwartungen von ihm schöpfenwie es dann noch weit mehr ihm zum Ruhm gereichen müsste. –

Schon in seinem neunten Jahre, da er in die Schreibschule ging, hatte er sich mit einem seiner Mitschüler vorgenommen, dass sie zusammen ein Buch schreiben wolltenund beide schmeichelten sich schon damals mit der idee, wie ihnen dies zum ewigen Ruhme gereichen würde. – Der Knabe, welcher damals den Entwurf zu dem buch mit ihm machte, das ihre beiderseitigen Lebensgeschichten entalten sollte, war ein sehr guter Kopf, der sich aber nachher durch einen übertriebenen Fleiss zugrunde richtete und im siebzehnten Jahre starb. –

Mit diesem spielte er auch schon damals zuweilen, ehe die Stunde anging, und wenn der Lehrer noch nicht da war, Komödie und fand immer in dieser Art von Belustigung ein unbeschreibliches Vergnügenob er gleich damals noch gar keine Komödie gesehen, sondern nur aus Erzählungen andrer einen ganz dunklen Begriff davon hatte. – Was aber die Verfertigung des buches anbetraf, so war ihm das damals schon eine so erhabene ideeein Buch war ihm eine so heilige und wichtige Sache, deren Hervorbringung er kaum einem Sterblichen, wenigstens keinem noch lebenden Sterblichen zutrauete. –

Überhaupt war es ihm noch lange nachher immer eine sonderbare idee, wenn er hörte, dass die Personen, die irgendein berühmtes Werk geschrieben hatten, noch lebten und also assen, tranken und schliefen wie er. – Da er in seinem sechzehnten Jahre zum ersten Male Moses Mendelssohns Schriften las, so kam der Name, der alte Homerskopf auf dem Titel, alles zusammen, um eine sonderbare Täuschung bei ihm hervorzubringen, als ob dieser Moses Mendelssohn irgendein alter Weiser sei, der vor Jahrhunderten gelebt hätte und dessen Schriften nun etwa ins Deutsche übersetzt wärener trug sich lange mit diesem Wahn herum, bis er einmal zufälligerweise von seinem Vater hörte, dass dieser Mendelssohn noch lebe, dass er ein Jude sei, auf den die ganze jüdische Nation sehr stolz wäre, und dass Reisers Vater ihn selbst in Pyrmont gesehen habe, und wie er aussähe usw. Dies brachte in Reisers Ideenzustande auf einmal eine grosse Veränderung hervorseine Vorstellungen vom Alten und Neuen, Gegenwärtigen und Vergangnen mischten sich sonderbar durcheinander. – Er konnte