Rollenneid und ein so ängstliches Bemühen, einander den Rang abzulaufen, stattfand, dass ein jeder genug für sich zu sorgen hatte und, wer sich nicht mit Gewalt hinzudrängte, auch nicht gerufen wurde. –
Reiser hat sich nachher oft an diesen Auftritt in seinem Leben zurückerinnert und Betrachtungen darüber angestellt, wie in diesen kindischen Bestrebungen nach einer so unbedeutenden Sache, als eine Rolle in einem Stücke war, das von den Primanern in Hannover aufgeführt wurde, sich doch das ganze Spiel der menschlichen Leidenschaften ebenso vollständig entwickelte, als ob es die allerwichtigste Angelegenheit betroffen hätte; und wie das Streben gegeneinander, dies Verdrängen und wieder Verdrängtwerden ein so getreues Bild des menschlichen Lebens im kleinen war, dass Reiser alle seine künftigen Erfahrungen hierdurch schon gleichsam vorbereitet sah. –
Dies kam nun freilich wohl mit daher, weil den Primanern die Anordnung der Schauspiele und die Besetzung der Rollen aus ihrem Mittel gänzlich überlassen war. – Der Geist wurde dadurch gleichsam republikanisch – es konnten sich mehrere Kräfte entwikkeln – List und Verschlagenheit gebraucht und Kabalen geschmiedet werden; wie es nur irgend bei der Wahl eines Parlamentsgliedes geschieht – denn es wurden über dergleichen öffentliche Angelegenheiten, auch wenn z.B. ein Aufzug mit Musik und fackeln sollte veranstaltet werden, ordentlich Stimmen gesammlet, wodurch einer zum Anführer bei dem zug oder zu sonst etwas Öffentlichem gewählt wurde. –
Reiser sah sich also nun auf einmal wieder, da er es am wenigsten vermutete, von demjenigen ausgeschlossen, woran sein ganzes Herz jetzt mehr wie jemals hing, und weswegen er vordem schon so viel erduldet hatte. – Er suchte sich zwar mit dem Gedanken zu trösten, dass man ihn verkenne, dass ihm von seinen Mitschülern Unrecht geschehen sei – aber dies wollte doch auf die Länge nicht zureichen – vorzüglich kränkte es ihn, dass sein Freund Winter ihm nichts davon gesagt hatte, der mit von der Gesellschaft der Spielenden war, und der es wusste, wie sehr sein Herz an dieser Sache hing. –
Aber dieser glaubte selbst in einem zu unvorteilhaften Lichte zu erscheinen, wenn er denjenigen als ein Mitglied in Vorschlag brächte, auf den die Aufmerksamkeit keines einzigen ausser ihm gefallen war. – Winter meinte es deswegen übrigens noch gar nicht böse mit Reisern, sondern war nach wie vor sein Freund, nur bis auf diesen Punkt nicht. – Eine Erfahrung, die mancher vielleicht in seinem Leben öfter zu machen gelegenheit gehabt hat. – Es hält schwer, in der Freundschaft standzuhalten, wenn sich alles wider jemanden erklärt – man fängt an, seinem eignen Urteil nicht recht mehr zu trauen, das immer noch einer Stütze ausser sich zu bedürfen scheint, sei sie auch so klein sie wolle – wenn die Sache nur noch von einem einzigen in Regung gebracht wird, so will man gern der zweite sein, der einstimmt, nur der erste scheut sich ein jeder zu sein – und die Freundschaft muss schon einen sehr hohen Grad erreicht haben, wenn sie hier der entgegenstrebenden Politik nicht unterliegen soll. –
Winter war sonst ein sehr aufrichtiger Mensch – und da Reiser ihn fragte, was unter ihm und einer Anzahl seiner Mitschüler, die immer zusammenkämen, im Werke sei, so gab ihm Winter erst ohne Umschweife zu verstehen: er wolle es ihm nicht sagen – bis Reiser weiter in ihn drang und dann doch die ganze Sache erfuhr – wo dann jener sich damit aus der Verlegenheit zog, dass er die ganze Sache als unbedeutend vorstellte und als etwas, das doch wohl schwerlich zustande kommen würde usw.
Diese Erfahrung, die Reiser damals zuerst an seinem Freunde Winter machte, hat er nachher nur zu oft in seinem Leben wieder bestätigt gefunden. –
Ausser Reisern war nun Iffland, von dem ich schon erwähnt habe, dass er nachher einer der beliebtesten dramatischen Schriftsteller geworden ist, derjenige, welcher sich unter der damaligen Generation der Primaner in Hannover in Ansehung seines Kopfes am mehrsten auszeichnete – und an den sich Reiser schon vor einigen Jahren anzuschliessen gesucht hatte. – Allein die Verschiedenheit ihrer Glücksumstände hatte dieses Aneinanderschliessen damals gehindert. –
Da nun aber Reiser angefangen hatte, sich auszuzeichnen, so fing Iffland von selber an, sich an ihn zu schliessen – und sie unterredeten sich oft bei ihren einsamen Spaziergängen über ihre künftige Bestimmung in der Welt. – Iffland lebte auch ganz in der Phantasienwelt und hatte sich damals gerade ein sehr reizendes Bild von der angenehmen Lage eines Landpredigers entworfen – er war also entschlossen, Teologie zu studieren, und unterhielt Reisern fast beständig mit der Schilderung jener stillen, häuslichen Glückseligkeit, die er dann im Schoss einer kleinen Gemeinde, die ihn liebte, in seinem Dörfchen geniessen würde. – Reiser, welcher dergleichen Spiele der Phantasie aus eigner Erfahrung kannte, prophezeite ihm im voraus, dass er diesen Entschluss zu seinem eignen Besten wohl nie in Erfüllung bringen würde: denn wenn er Prediger würde, so würde er wahrscheinlich ein grosser Heuchler werden – er würde mit der grössten Hitze des Affekts und mit aller Stärke der Deklamation doch immer nur eine Rolle spielen. – Ein geheimes Gefühl sagte Reisern, dass dies bei ihm selber wohl der Fall sein würde, darum konnte er jenem so gut den Text lesen. –
Iffland ist nun freilich nicht Prediger geworden – aber es ist doch sonderbar, jene Ideen von häuslicher stiller Glückseligkeit, die er damals so oft gegen Reisern geäussert hat, sind doch nicht verloren gegangen, sondern fast in allen seinen dramatischen arbeiten realisiert, da er sie in seinem Leben nicht hat realisieren können. –
Da nun aber die