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hegen. –

Die Neigung zur Schwermut aber behielt auch hier beständig bei Reisern das Übergewicht. – Er stand mit seiner Mutter an der tür, da das Kind eines Nachbars begraben wurde und der Vater in tiefer Trauer mit hangendem Haar und nassem Auge folgte. – Wenn sie mich nur auch erst so hintrügen, sagte Reisers Mutter, die freilich im Leben nicht viel Freude gehabt hatte, und Reiser, der sich doch noch viel Freude versprechen konnte, stimmte innerlich so herzlich in diesem Wunsch mit ein, als ob ihm das grösste Herzeleid widerfahren wäre. –

Er nahm diesmal bei seiner Abreise von seiner Mutter und seinen Brüdern mit mehrerer Rührung wie gewöhnlich Abschiedund wanderte zu Fuss wieder nach Hannover. – Da er nun die vier Türme wieder erblickte, die er schon unter so mancherlei verschiedenen Verhältnissen wiedergesehen hatte, so wandelte ihm diesmal aufs neue ein ängstliches Gefühl an, da er aus der weiten Welt nun wieder in diesen kleinen Umkreis aller seiner Verhältnisse und Verbindungen zurückkehren sollte, das Allzubekannte dort deuchte ihm so fade. – Aber auf einmal erheiterte sich seine Seele wieder, da er ins Tor getreten war und gleich an einer Ecke einen Komödienzettel angeschlagen fand. – Dies überraschte ihn auf die angenehmste Weisesein erster gang war wie vor drei Jahren nach dem schloss, wo das Teater war, und wo der Hauptzettel mit dem Verzeichnis der Personen angeschlagen standman spielte den Clavigo, Brockmann den Beaumarchais, Reinecke den Clavigo, die älteste Dem. Ackermann (die jüngere war damals schon gestorben) spielte die Maria, Schröder den Don Carlos, die Reinecken die Schwester der Maria, Schütz den Buenco und Böheim den Freund des Beaumarchais. –

So vortrefflich war die Rollenbesetzung in diesem Stück bis auf die unbedeutendsten Nebenrollen. – Reiser kannte alle diese vortrefflichen Schauspielerwar es wohl zu verwundern, dass seine Erwartung auf das höchste gespannt wurde, aufs neue die Vorstellung eines Stücks von ihnen zu sehen, das er zwar noch nicht gelesen hatte, wovon er aber wusste, dass es von dem Verfasser der Leiden des jungen Werters war? –

Durch diesen zufälligen Umstand, vergesellschaftet mit der Rückerinnerung an die Abenteuer, die er auf seiner Reise gehabt hatte, bildete sich eine sonderbare romantische idee in seinem kopf, die nun wieder auf einige Jahre seines künftigen Lebens einen sehr grossen Einfluss hatte. – Teaterund Reisenwurden unvermerkt die beiden herrschenden Vorstellungen in seiner Einbildungskraft, woraus sich denn auch sein nachheriger Entschluss erklärt. –

Er versäumte nun wieder nicht leicht einen Abend die Komödiedadurch aber wurde sein Kopf wieder so voll von teatralischen Ideen, dass ihm seine eigentlichen Geschäfte des beständigen Lernens und Lehrensdenn er hatte fast den ganzen Tag mit Unterrichtsstunden besetztschon zuweilen nicht recht mehr zu schmecken anfingen und er sich dann kein Bedenken machte, dann und wann eine der Stunden, wo er lehrte oder lernte, zu versäumen, indem er dann jedesmal rechnete, dass es doch nur eine Stunde sei. –

Nun wurden damals die Zwillinge von Klinger zuerst aufs Teater gebracht und freilich mit aller möglichen Kunst dargestellt, indem Brockmann den Guelfo, Reinecke den alten Guelfo, die Reinecken die Mutter, die Ackermann die Kamilla, Schröder den Grimaldi und Lambrecht den Bruder des Guelfo spielte. –

Dies schreckliche Stück machte eine ausserordentliche wirkung auf Reisernes griff gleichsam in alle seine Empfindungen ein. – Guelfo glaubte sich von der Wiege an unterdrücktdas glaubte er von sich auchihm fielen dabei alle die Demütigungen und Kränkungen ein, denen er von seiner frühesten Kindheit an, fast so lange er denken konnte, beständig ausgesetzt worden war. – Er vergass den Fürstensohn und alle die Verhältnisse eines Fürstensohnes und fand nur sich in dem unterdrückten Guelfo wieder. – Die bittre Lache, die Guelfo in der Verzweiflung über sich selbst aufschlug, griff in Reisers innerste Empfindungen einer erinnerte sich dabei aller der fürchterlichen Augenblicke, wo er wirklich am rand der Verzweiflung stand und eben eine solche Lache über sich aufschlugindem es sein eigenes Wesen mit Verachtung und Abscheu betrachtete und oft mit schrecklicher Wonne in ein lautschallendes Hohngelächter ausbrach. –

Der Abscheu vor sich selber, den Guelfo empfand, indem er den Spiegel entzweischlägt, worin er sich nach der Mordtat erblicktund dass er nun nichts wünscht, als zu schlafenzu schlafendas alles schien Reisern so wahr, so aus seiner eignen Seele, die beständig mit dergleichen schwarzen Phantasien schwanger ging, gehoben zu sein, dass er sich ganz in die Rolle des Guelfo hineindachte und eine zeitlang mit allen seinen Gedanken und Empfindungen darin lebte. –

Während dass also nun auf dem Königlichen Opernteater von der Schröderschen Gesellschaft Komödie gespielt wurde, kam auch die Zeit der Sommerferien heran, wo die Primaner jährlich öffentlich eine Komödie aufzuführen pflegten. –

Reiser zweifelte nicht, dass man ihm diesmal eine Rolle antragen würde, da er doch nun, seitdem er die Rede auf der Königin Geburtstag gehalten hatte, einer der angesehensten unter seinen Mitschülern war und daher auch gar nicht glaubte, dass man ohne ihn die Sache anfangen würde. –

Wie sehr erstaunte er also, da er vernahm, dass man die Sache dennoch ohne ihn angefangen und sogar schon die aufzuführenden Stücke bestimmt und ihm nicht einmal eine Rolle darin zugeteilt hatte. – Da er jetzt wirklich viele Freunde und vielen Anhang unter seinen Mitschülern hatte, so konnte er sich diese Zurückstellung erst gar nicht erklären, bis er denn freilich merkte, dass hier ein solcher