mit befand, der ihn den Abend traurig und verlassen auf der Strasse stehen sah und unter allen den vorübergehenden Leuten der einzige gewesen war, dem ein ganz fremder Mensch, welcher traurig und verlassen dastand, wichtig genug schien, dass er sich um ihn bekümmerte und ihn anredete. – Reiser gewann dadurch eine ausserordentliche Zuneigung zu diesem mann, denn ein solches Anreden und Besorgtsein um den Zustand eines ganz fremden Menschen, der wie verlassen und hülfebedürftig zu sein scheint, ist doch eigentlich die allgemeine Menschenliebe, woran man den frommen Samariter von dem vorübergehenden Priester und Leviten unterscheiden kann. –
Reiser hatte nicht leicht in seinem Leben einen Abend vergnügter zugebracht als diesen, wo er sich in einer fremden Stadt in einem ganz fremden Zirkel von Menschen geachtet sah, ins Gespräch gezogen und mit aufmunterndem Beifall angehört wurde. –
Der Kaufmannsdiener nötigte ihn nun selbst, sich noch einige Tage in Bremen aufzuhalten, zeigte ihm die Merkwürdigkeiten der Stadt, und Reiser fand nun an eben dem Orte, wo er erst fremd, von keinem Menschen bemerkt, einsam und verlassen auf der Strasse stand, so viele Menschen, die sich für ihn interessierten, mit ihm sich unterredeten und mit ihm ausgingen, dass er an diese Personen, die ihm so viele zuvorkommende gutmütige Höflichkeit und Freundschaftsbezeigungen erwiesen, eine Art von anhänglichkeit bekam, welche es ihm schwer machte, sich nach einer so kurzen Zeit schon wieder auf immer von ihnen zu trennen.
Er speiste des Mittags in einer ansehnlichen Tischgesellschaft, wo ihm als einem Fremden immer mit ausgezeichneter Höflichkeit begegnet wurde, – eine Behandlung, die er bis jetzt noch eben nicht gewohnt gewesen war. – Der Kaufmannsdiener streckte ihm so viel vor, dass er nicht nur seine Rechnung im Gastofe bezahlen, sondern auch mit Bequemlichkeit wieder nach Hannover zurückreisen konnte, welches er nun freilich zu fuss tat. –
Und da ihm nun diesmal sein unbesonnener Anschlag so gut gelang, so bildete sich zuerst unvermerkt der Keim zu dem Gedanken in ihm, sein Glück nicht länger in seiner bisherigen eingeschränkten Lage abzuwarten, sondern es in der weiten Welt, die ihm offen stand, selbst aufzusuchen. –
Er hatte in einer fremden Stadt eine ganze Anzahl Menschen gefunden, die sich um ihn bekümmerten, teil an ihm nahmen und ihm seinen Aufentalt angenehm machten; lauter Sachen, die er in Hannover nie gewohnt gewesen war. – Er hatte Abenteuer überstanden und in einem kurzen Zeitraum den schnellsten Glückswechsel erfahren – indem er kaum eine Stunde vorher noch von aller Welt verlassen und unmittelbar darauf sich in einem Zirkel von Menschen befand, die alle auf ihn aufmerksam waren und ihn in ihre gespräche zogen. –
Was Wunder, dass nun dadurch der Gedanke bei ihm rege wurde, die traurige Einförmigkeit seines bisherigen Aufentalts und seiner bisherigen Verhältnisse mit dergleichen Abwechselungen zu vertauschen – wodurch er, ungeachtet aller Beschwerlichkeiten, die er darüber erdulden musste, doch seine Seele auf eine angenehme, vorher noch nie empfundene Art erschüttert fühlte. –
Selbst die Wehmut, die er empfand, da ihm nun die Tore der Stadt, in welcher er noch gestern mit einer Anzahl ihm wohlwollender Menschen vertraulich an einem Tische gesessen hatte, aus den Augen schwanden und er also nun sogar die letzten hervorragenden Spuren dieses ihm in der kurzen Zeit so liebgewordenen Ortes aus seinem Gesichtskreise verloren hatte – selbst diese Wehmut hatte einen nieempfundenen Reiz für ihn – er kam sich selber grösser vor, weil er eigenmächtig ganz ohne irgendeinen äussern Antrieb – nun zum ersten Male eine Reise nach einer ganz fremden Stadt getan hatte, in der er binnen ein paar Tagen mehr Menschen fand, die ihm wohlwollten, als er in Hannover ganze Jahre hindurch nicht hatte finden können. –
Das Wandern fing ihm an, so lieb zu werden – er phantasierte sich durch tausend angenehme Vorstellungen die Ermüdung hinweg – wenn es dunkel wurde, so betrachtete er den vor ihm sich hinschlängelnden Weg, auf den er beständig sein Augenmerk heften musste, gleichsam wie einen treuen Freund, der ihn leitete. – Dies wurde ihm denn zuletzt eine dichterische idee – es wurde Bild, Vergleichung, woran er tausend Dinge kettete. – 'Wie sich ein Wandrer an seinen Weg hält; so getreu wie der Weg dem Wandrer – so – und so – '. Dies Ideenspiel verfolgte er im Gehen – und das Einförmige der Gegend bei der umgebenden Dunkelheit und des immerwährenden Fussaufhebens verschwand ihm unmerklich und machte ihn nicht verdriesslich. –
Es war schon ganz dunkel, da er zu seinen Eltern kam, die sich freilich wunderten, dass er dicht vor ihnen vorbeigegangen, erst nach Bremen gereist und dann zu ihnen gekommen war. – Demohngeachtet aber nahmen ihn seine Eltern wegen der vielen angenehmen Nachrichten, die sie von ihm erhalten hatten, diesmal mit Freuden auf. –
Und Reiser hatte nun so viel Stoff zu mystischen Unterredungen mit seinem Vater gesammlet, dass sie diesmal sich oft bis in die Nacht unterhielten. – Reiser suchte nämlich alle die mystischen Ideen seines Vaters, die er aus den Schriften der Madam Guion geschöpft hatte von 'Alles und Eins', vom 'Vollenden in Eins' usw., metaphysisch zu erklären, welches ihm sehr leicht wurde – indem die Mystik und Metaphysik wirklich insofern zusammentreffen, als jene oft eben das vermittelst der Einbildungskraft zufälligerweise herausgebracht hat, was in dieser ein Werk der nachdenkenden Vernunft ist. – Reisers Vater, der dies nie in seinem Sohne gesucht hatte, schien nun auch eine hohe idee von ihm zu bekommen und ordentlich eine Art von achtung gegen ihn zu