geben liess, das ihm nun eine ganz ungehoffte Erquickung war, denn er hatte sich einmal darauf gefasst gemacht, die sechs Meilen bis Bremen nüchtern zurückzulegen. –
Der Trunk Bier flösste ihm wieder neuen Mut ein, sowie das Vierpfennigstück, das er doch nun noch in der tasche hatte. –
Freilich stellte sich auch der Hunger wieder ein, aber er suchte ihn zu überwinden und blieb resigniert. – Ein armer Handwerksbursch gesellte sich unterwegens zu ihm, der in dem dorf einkehrte und sich etwas zusammenbettelte. – Und Reisern machte das sonderbare Verhältnis eine Art von Vergnügen, dass dieser arme Handwerksbursch, der ihn vielleicht als einen wohlgekleideten Menschen beneiden mochte, doch jetzt im grund reicher war als er. –
Den Nachmittag erreichte er Vegesack und betrachtete hier mit hungrigem Magen, was er noch nie gesehen hatte, eine Anzahl dreimastiger Schiffe, die in dem kleinen Hafen lagen. – Dieser Anblick ergötzte ihn ungeachtet des misslichen Zustandes, worin er sich befand, unbeschreiblich – und weil er an diesem Zustande durch seine Unbesonnenheit selber schuld war, so wollte er es sich gleichsam gegen sich selber nicht einmal merken lassen, dass er nun damit unzufrieden sei. –
Gegen Abend erreichte er Bremen; aber ehe er an die Stadt kam, musste er sich erst an das jenseitige Ufer der Weser übersetzen lassen, wofür gerade eine Bremergrote bezahlt werden musste – dass er nun diesen gerade noch gespart hatte, deuchte ihm wiederum ein ordentlicher Glücksfall, weil er sonst die Stadt nicht mehr würde erreicht haben, woran ihm jetzt doch alles lag. –
Mit Sonnenuntergang kam er denn endlich noch an das Stadttor, und weil er ordentlich gekleidet war und das ganze Wesen eines Spazierengehenden annahm, der zuweilen still stehet und sich nach etwas umsieht und dann wieder ein paar Schritte weitergeht – so liess man ihn ungehindert durchpassieren. –
Er fand sich also auf einmal wieder in dem Bezirk einer volkreichen Stadt, wo ihn aber niemand kannte und er so verlassen und allein, indem er traurig über das Geländer in die Weser hinabsahe, auf der Strasse dastand, als wenn er auf einer unbewohnten wüsten Insel gewesen wäre. –
Eine Weile gefiel er sich gewissermassen in diesem verlassnen Zustande, der doch so etwas Sonderbares, Romanhaftes hatte. – Da aber das vernünftige Nachdenken über die Phantasie wieder den Sieg erhielt, so war freilich seine erste sorge, von seinem Briefe an den Kaufmannsdiener Gebrauch zu machen. –
Wie gross war aber sein Erschrecken, da er sich in der wohnung desselben nach ihm erkundigte und erfuhr, dass er erst den Abend spät zu haus kommen würde. – Er blieb auf der Strasse nicht weit von dem haus stehen – die Dunkelheit der Nacht brach herein – in einen Gastof getraute er sich ohne Geld nicht zu gehen – alle seine romanhaften Ideen, die ihm vorher diesen Zustand noch erleichtert hatten, waren verschwunden, er empfand nichts als die grausame notwendigkeit, diese Nacht, von Hunger und Müdigkeit gequält, mitten in einer volkreichen Stadt unter freiem Himmel zubringen zu müssen. –
Indem er nun melancholisch dastand und sich verlegen nach allen Seiten umsah, kam ein wohlgekleideter Mann dahergegangen, der ihn genau betrachtete und ihn mit mitleidiger Miene fragte, ob er etwa hier fremd sei? – allein er konnte sich nicht überwinden, diesem mann seinen Zustand zu entdecken – sondern war entschlossen, lieber auf alle Fälle die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, welches er auch würde getan haben, wenn nach so vielen Widerwärtigkeiten sich jetzt nicht wiederum ein glücklicher Umstand für ihn ereignet hätte. – Der Kaufmannsdiener hatte sich nämlich aus der Gesellschaft, worin er sich befand, losgerissen, um zu haus etwas Notwendiges zu besorgen, und da er hörte, dass jemand einen Brief von seinem Bruder an ihn habe abgeben wollen, der nachher in der Nähe am wasser spazieren gegangen wäre, so eilte er gleich, um den Überbringer des Briefes, dessen Anschein man ihm beschrieben hatte, womöglich aufzusuchen, und traf auch Reisern, den er gleich erkannte, wirklich an, da dieser schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, die Nacht ein Obdach zu finden. –
Sobald der junge Kaufmann nur die Handschrift seines Bruders erblickte, war er gegen Reisern äusserst freundschaftlich und gefällig und erbot sich sogleich, ihn in einen Gastof zu führen. – Reiser entdeckte ihm denn seinen wahren Zustand, freilich mit einigen Erdichtungen; – er sei nämlich wider seine Gewohnheit zum Spiel verleitet worden und habe alle seine Barschaft verloren – denn dass er sich mit zu wenigem Gelde zu dieser Reise versehen habe, schämte er sich zu sagen, weil er dadurch noch mehr in der Meinung des jungen Menschen, von dem er jetzt allein hülfe erwarten konnte, zu verlieren glaubte. –
Aber nun änderte sich auf einmal sein widriges Schicksal – der Kaufmann erbot sich sogleich, ihm so viel vorzustrecken, dass es ihm an nichts fehlen sollte – er führte ihn in einen angesehenen Gastof, wo Reiser auf seine Empfehlung auf das beste bewirtet wurde und nun den Abend so vergnügt zubrachte, dass ihm alle Beschwerden des Tages vielfältig ersetzt wurden. –
Einige Gläser Wein, die er noch in Gesellschaft des Kaufmannsdieners trank, taten nach der Ermüdung und Entkräftung eines ganzen Tages eine so ausserordentliche wirkung auf seine Lebensgeister, dass er fast die ganze Gesellschaft, die sich alle Abend hier zu versammlen pflegte, mit Anekdoten von Hannover und lustigen Einfällen, die ihm sonst gar nicht gewöhnlich waren, unterhielt und sich den Beifall aller der Personen in diesem kleinen Zirkel erwarb, worunter sich auch derjenige