unerobert.
Aufgemuntert durch das Glück seiner Waffen, verfolgte der König von Butam seinen Sieg, nahm das ganze Land des Prinzen ein und ihn selbst gefangen; er hielt einen Siegseinzug in seiner Residenz und wurde mit allgemeinem Frohlocken bewillkommt. Er war zwar nicht wenig besorgt, dass eine so grosse Armee allen Raum in seinem Reiche wegnehmen, Akkerbau und Viehweide hindern und dadurch Teurung und endlich gar Hungersnot erzeugen würde, allein das Schicksal endigte seine sorge in wenigen Wochen. Diese Karaiben, die ohne Grausamkeit keine Minute hinbringen konnten, rieben sich untereinander selbst auf, da ihnen die Feinde fehlten; einer frass den andern, und der letzte starb an einer tiefen Wunde, die ihm ein solches Ungeheuer mit seinen scharfen Zähnen in die rechte Brust versetzt hatte.
Zweites Buch
Der König von Butam war zu glücklich, um es lange zu bleiben; bei so vielen und grossen Freuden dachte er an keinen Überdruss, und der Zeitpunkt, wo er seine Beschützerin von der Strafe befreien sollte, nahte sehr heran. Ihre heimtückischen Schwestern sahen es mit Unwillen und hielten deswegen einen Reichstag auf dem Brocken, um zu beratschlagen, wie sie die Befreiung einer Schwester hindern sollten, die ihnen wegen ihres guten Herzens verhasst war. Die Hexe Schabernack, die gefährlichste und schlauste unter allen, blies zuerst Lärm; sie war Stattalterin des Weltteils, worinne das Königreich Butam lag.
Sie setzt ihr Horn wie rasend an den Mund,
Und in dem ganzen Erdenrund
Erschallt der fürchterlichste Ton:
Der Walfisch horcht im Nord mit aufgesperrtem
Rachen;
Des Südpols Eisgebirge krachen;
Der Wolkenraum erbebt vor diesem Schreckenston.
Kaum dringt er in der Schwestern Ohren,
So fodert jede gleich die Stiefeln, Peitsch und
Sporen;
Und ohne weitres Aufgebot
Sitzt wie auf einem Zug in jedem teil der Erde
Im Augenblick der Hexen Schar zu Pferde.
Der Erdbewohner sieht mit Angst den Himmel rot
Von langgestreiftem Feuer glühen;
Der Landmann ruft: "Die Hexen ziehen."
Leichtsinnig glaubt der Philosoph ihm nicht,
Will klüger sein und nennt's ein nördlich Licht;
Doch wer durchs Denken sich nicht Schaden tat am
Glauben,
Der hört wohl in der Luft genau die Rosse
schnauben.
Zuerst erreicht den tiefbeschneiten Berg
Ein Schwarm von Nordens Zauberinnen,
Sibiriens und Grönlands Herrscherinnen,
Geführt von einem braunen Zwerg,
Den ein genäschig Weib – so lehret Grönlands
Sage –
Von einem Walfisch einst gebar.
Von Trane glänzend, fliegt wie ein Komet sein
Haar;
Ein Fischbein schwingt sein Arm, und unter seinem
Schlage
Schiesst schneller als ein Pfeil der Seehund, der ihn
trägt,
Dass um ihn her wie Staub die Wolken stieben.
Ihm folgt, in jeder Reihe sieben,
Der Zaubertrupp; hier zieht, nie angeregt,
Ein Rentier flügelschnell, ein Meerschwein dort
den Schlitten.
Mit Tran zum Labetrunk gefüllt, umgürtet mitten
Ein dicker Schlauch den Pelz, der die Matronen
ganz
Vom Kopf zu fuss deckt, Erkältung zu verhüten;
Den Scheitel ziert ein ungeheurer Kranz
Von Gräten schön gewebt. Zwei Chöre wüten
In wildem Tanze nebenher;
Die rauhe Trommel schallt, die Muschelschalen
schmettern,
Als brüllte Löw, als brummte Bär,
Als zitterte die Luft von zwanzig Donnerwettern,
Tönt fürchterlich, aus hohler Brust geheult,
Das Zauberlied.
Zunächst nach ihnen eilt
Das grosse Heer herbei, das unter allen Zonen
Die kupferfarbnen Nationen
Der Neuen Welt beherrscht. Pizarros3 Seele ritt
Mit blutendem zerrissnen Beine
Als Postillion voran auf einem Stachelschweine,
Für alles, was von ihm der Peruaner litt,
Verdammt zu dieser Pflicht. O welcher wüste
Haufen,
Welch scheckiges Gemisch ohn Ordnung folgt ihm
nach!
Die einen tummeln sich auf Schlangen, andre
laufen,
Der eine Kopf ist rund, der andre flach,
Der dritte spitz und ein Quadrat der vierte;
Die eine schwingt die Streitaxt mit Geschrei,
Als wenn sie in die Schlacht Huronen führte;
Die andre ritzt die blut'ge Wang entzwei
Und dreht in engem Kreis die schweissbenetzten
Glieder;
Hier blökt ein wilder Schwarm aus vollem Halse
Lieder,
Bis das gepresste Blut die Backen kirschbraun
färbt;
Dort spritzt in Stern und Mond, die sich mit
Abscheu wenden,
Ein andrer dampfend Blut mit vollgeschöpften
Händen;
Hier schleicht ein nackter Trupp, an Hüft und Brust
gekerbt,
Mit tiefgesenktem Kopf und fürchterlichem
Brummen;
Dort tanzen Mütterchen mit rotgemaltem Steiss.
Wohin ihr Zug sich lenkt, stürzt vom Gebirg das
Eis
Zerberstend in das Tal; die Winde selbst
verstummen;
Mit Todesangst verkriecht sich Mensch und Wurm.
Des Brockens tiefbeschneiter Gipfel
Bebt unter ihnen kaum, so schüttelt schon ein
Sturm
Auf dem Gebirg umher der Eichen alte Wipfel
Und meldet sausend schon den dritten Haufen an.
Er kam vom warmen Morgenlande,
Wo der Chineser Tee aus buntem Porzellan
Mit stillem Ernste schlurft, von dem erhitzten
Sande
Des weiten Afrikas, wo dem geglänzten Mohr
Der Sonne nahe Glut die breite Nase senget
Und wo vor einen Ort – man sag ihn sich ins Ohr –
Der Hottentottin die natur ein Schürzchen hänget.4
Ein toller Heiliger, der durch des Betens Kraft
Den Weibern Fruchtbarkeit, den Männern Stärke
schafft5,
Lief vor dem Trupp als Laufer her und schwenkte
Um den entblössten Leib die Geissel, dass sein Blut
Die Wolken, wo er ging, mit roten Strömen tränkte.
Was Schwärmerei, was finstre heil'ge Wut
Ersinnen kann, sein eigenes Fleisch zu quälen,
Das sieht man hier. Ein tolles Weib
Liess voll Begeistrung sich den Leib
So rein, wie einen Apfel, schälen
Und trägt an einer Stang ihr eigenes totes Fell.
Man