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der von etwas melancholischem Temperamente war, wollte Gewalt brauchen, wo andre kaum mit Klugheit auskamen. Er hatte die Verwegenheit, dass er die Prinzessin mit der Schleppe (in allen Ehren gesprochen) wie ein Pferd mit dem Zügel lenkte; sooft sie von der geraden Linie abweichen wollte, zog er sie so unsanft von der Abweichung zurück, dass es keine Naht am Kleide bei ihm aushalten konnte. Wegen ihrer ungemeinen Lebhaftigkeit bemerkte die Prinzessin die Bosheit nicht eher als eines Nachmittags, da sie von der Tafel ging; sie wollte plötzlich eine von ihren Pirouetten machen; krack! schleuderte sie der misantropische Schleppenträger in einem Wirbel herum, dass sie gerade wieder auf den Fleck sah, wohin sie vorher gesehen hatte. Die Dame war eben nicht in ihrer Festtagslaune und überhaupt ein wenig griesgramig, wie schon ihr Name beweist; sie versetzte also dem Verwegnen rückwärts mit dem spitzen Absatze ihrer gestickten Schuhe einen Stoss, dass er zu Boden stürzte und vor Schrekken nicht einmal ach und weh schreien konnte; sie hatte den empfindlichsten teil seines Leibes und seiner Ehre getroffen, und er musste also aus einem doppelten grund beleidigt sein. Er verliess den Hof und schwur, die Beleidigung nicht anders als mit Blute zu rächen; indem er an der Grenze des Reichs überlegte, wie er das machen sollte, hörte er von dem Verluste des Prinzen Alfabeta. "Was?" sagte der Rachsüchtige. "Wäre der Prinz Alfabeta nicht König von Butam? Hätte er sich nicht vor drei viertel Jahren mit der Königin Ypsilon vermählt?" – Man lachte ihm ins Gesicht über seine fragen und hielt ihn für einen Verrückten, der dem Tollhause entlaufen wäre; der Page versicherte sie mit vieler Hitze, dass er selbst bei der Vermählung gewesen wäre; nun ging erst das Gelächter recht an; da er aber hartnäckig auf seiner Meinung bestand, so liess man ihn gehen und bedauerte, dass ein so hübscher Mensch so frühzeitig um seinen Menschenverstand gekommen wäre.

Dem Pagen schien gleichwohl die Sache verdächtig, und er ging daher an den Hof des Prinzen, um sich genauer zu unterrichten; hatte er sich jemals gewundert, so tat er's jetzt, da er den Prinzen Alfabeta hier erblickte, den er bisher alle Tage als König von Butam gesehen zu haben glaubte. Er entdeckte den Diebstahl um soviel lieber, weil es ihm eine gelegenheit zur Befriedigung seiner Rachbegierde zu sein schien. Der Prinz war von sanftem Gemüt und wollte erst die Güte versuchen; er schickte zwei Gesandte zum Könige von Butam, liess ihn manierlich grüssen und geziemend um die Auslieferung seiner Physiognomie ersuchen. "Was?" fuhr der König von Butam bei der Audienz der Gesandten zornig auf. "Ich hätte des Prinzen Alfabeta Physiognomie entwendet? – Himmel und Erde! Als wenn wir hierzulande nicht selbst Physiognomien hätten, dass wir erst dem Herrn Prinzen seine stehlen müssten, um wie rechtschaffene Menschen auszusehn."

Die Gesandten, da sie durch Güte nichts ausrichteten, entschuldigten sich sehr höflich, dass sie also dem Befehl ihres Herrn nachleben und den Krieg ankündigen müssten. "Mir, dem Könige von Butam, mir kündigt der Prinz Alfabeta den Krieg an?" rief der König, zog aus der tasche seine goldne Dose und schlug darauf. "Er komme, der Herr Prinz! er komme! Es wird mir viel Ehre sein, ihm und seinen Soldaten die Kehlen abschneiden zu lassen." Um die Gesandten, die er für nichts Besseres als Betrüger hielt, wegen ihrer Dreistigkeit zu bestrafen, liess er sie bis an die Grenze führen und ihnen bei jedem dorf, durch welches sie gingen, fünfundzwanzig Rutenhiebe auf das blosse Hintergebäude ihres Leibes geben; beide litten Schmerz und Beschimpfung mit der wahren Standhaftigkeit eines Weisen und machten bei den Hieben eine Miene, als wenn sie Konfekt ässen.

Der Prinz erzürnte sich gewaltig über eine so offenbare Verletzung des Völkerrechts, die allein schon einen Krieg wert gewesen wäre, und machte sogleich Anstalt, seine Physiognomie mit Feuer und Schwert wiederzuerobern, und dreist durch die Gerechtigkeit seiner Sache, zog er mit seinem Heer aus.

Der König von Butam besäete indessen alle Äcker seines Reichs aus der goldnen Büchse; die Saat ging gut auf und trug recht brave Riesen. Als der Prinz Alfabeta die unmenschlichen Kerle und die ungeheure Menge Truppen erblickte, sank ihm der Mut, und er wurde gewiss vor Schrecken blass, wenn er seine Physiognomie schon wieder hatte. Was wollt er gleichwohl tun? Er nahm seinen ganzen Rest von Mut zusammen, hielt eine wohlgesetzte Rede an seine Soldaten, denen vor Angst die Zähne klapperten, dass sie wegen des Geräusches kein Wort von der Rede hören konnten, und ob sie gleich nichts verstanden hatten, so fand er doch zu seiner Beruhigung, dass ihre Tapferkeit und Streitbegierde auf seine Ermunterung sichtbar zunahm. Die Schlacht ging an; ach, ihr armen Soldaten des Prinzen Alfabeta, wie ging es euch! Die Riesen zogen nicht einmal die Säbel, taten nicht einmal einen Schuss, sondern fingen die Feinde mit den Zähnen, wie die Katze die Mäuse, zerbrachen ihnen das Genick und speisten sie lebendig auf, wie ein Hecht einen Weissfisch verschluckt. Der Prinz merkte bei guter Zeit, dass man bei solchen Leuten seines Lebens nicht sicher war, machte rechtsum und entkam den Barbaren, die sich kein Gewissen machten, ihre Nebenmenschen lebendig zu verschlingen; er kam zwar ziemlich erschrocken und abgemattet, aber doch glücklich mit allen seinen gesunden Gliedmassen im schloss an und liess gern seine Physiognomie