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er an, als er sich ein wenig ausgewärmt hatte, "und wenn auf den kalten Inseln alles Eis zu Diamanten würde, so mag ich sie nicht erobern. Hätte ich doch bei der Eroberung meine gesunden Gliedmassen einbüssen können; nein, besser ist's, ich bleibe zu haus und beschenke aus meinem grünen Sacke jeden, der etwas braucht."

Diesem Entschlusse gemäss wollte er künftig seine Grösse auf einem andern Wege suchen, und um die Erinnerungen seiner Beschützerin zu nützen, nahm er sich vor, nur das Verdienst seine Freigebigkeit empfinden zu lassen. Er gab also allen seinen Räten und Beamten Befehl, auf Personen achtzuhaben, die durch ihr Talent oder ihren Fleiss dem Reiche Nutzen oder Ehre schaffen könnten und ohne Unterstützung keins von beiden zu tun vermöchten; sein Befehl wurde treulich erfüllt, und kein Tag verging, wo er nicht in den grünen Sack griff und ein gut angewandtes Geschenk machte.

Ein Landmann kam, der Vorschuss brauchte, weil ihm Überschwemmung und Hagelwetter Ernte und Winterfutter geraubt hatte, ein andrer, der sich in einer Heide anbaun und aus unfruchtbarem Sande fruchtbare Felder machen wollte; der König griff in seinen grünen Sack und gab ihnen.

Ein Fabrikant kam, der im land eine Ware verfertigen wollte, die man wegen ihrer Unentbehrlichkeit dem Fremden abkaufen musste und dem die erste Auslage fehlte; ein Künstler kam, der aus Mangel, um das Brot zu gewinnen, seine Kunst an schlechte arbeiten verschwenden und sein grosses Talent vernachlässigen musste; der König griff in seinen grünen Sack und gab ihnen.

Ein junger Mann, dessen Talente viel versprachen, wurde dem Könige bekannt gemacht; er musste sich um des Unterhalts willen zu Beschäftigungen herablassen, die weit unter seinen Fähigkeiten waren und ihn an wichtigern arbeiten hinderten, wodurch er sich und dem Reiche mehr Nutzen und Ehre hätte schaffen können; der König griff in seinen grünen Sack und gab ihm, dass er in Zukunft bloss für die Wissenschaften, für sein Talent und die Ehre der Nation leben konnte.

Tat jemand einen Vorschlag zur Verbesserung des Nahrungsstandes, zur Vergrösserung des Handels, zur Ausbreitung der guten Erziehung oder der Wissenschaften, zur Aufnahme der Künste, er mochte den Nutzen, die Verschönerung oder die Ehre des Reichs betreffen, der König griff in seinen grünen Sack, und wenn gleich die Ausführung nicht allemal den gehofften Vorteil verschaffte, so gewährten sie doch wenigstens den Nutzen, dass man nun wusste, von welchen Unternehmungen man sich nichts zu versprechen hatte.

Der König hoffte täglich, dass sein Vögelchen wiederkommen und ihn loben sollte; aber es liess ihn ein ganzes halbes Jahr in der Ungewissheit. Endlich kam es, hüpfte ihm flatternd auf die Schulter und rief: "grosser König, ich lobe dich: Jetzt bist du auf dem wahren Wege zur Grösse. Du unterstützest das wachsende Verdienst; du flickst nicht am Alten, du schaffst etwas Neues. Aufhelfen ist das erste Geschäfte des Regenten: Durch Unterstützung nützt er mehr als durch Belohnung. grosser König, ich lobe dich. Bist du bald deines Glücks überdrüssig?"

"Überdrüssig?" antwortete der König voll Verwunderung. "Da ich erst anfange, mein Glück zu geniessen? – Nein, meines gegenwärtigen Vergnügens werde ich nicht überdrüssig, und wenn ich Jahrhunderte lebte. Hätt ich mir doch nicht eingebildet, dass es so schön wäre, König zu sein."

"Möge doch Ihrer Majestät keine Bitterkeit diesen königlichen Geschmack verderben!" sprach das Vögelchen. "Wenn Allerhöchstdieselben ihn in einem Jahre nicht zu verändern geruhen, so bin ich von meiner Strafe befreit; ich kehre dann in meiner vorigen Gestalt zum erhabnen Brocken in die Versammlung meiner Schwestern zurück. Heil dem grossen Könige, der des Vergnügens an guten Handlungen nicht satt wird! – Ich verlasse dich und erscheine dir nicht eher wieder, als bis du mich von meiner Strafe befreit hast."

Der König tat täglich mehr Gutes und Grosses und ward täglich vergnügter; sein Reich blühte, seine Untertanen liebten ihn, und alle Zeitungsschreiber in Butam nannten ihn den grossen König. Wenn er nicht die Physiognomie des Prinzen Alfabeta hatte, so blieb er bis an sein Ende im ruhigen Genusse seiner Grösse. Der Bestohlne wurde zwar gleich den Morgen darauf, als er in den Spiegel sah, einen Mangel an sich gewahr und versprach Belohnungen über Belohnungen, wenn ihm jemand seine Physiognomie wieder schaffte oder den Dieb anzeigte, der sich so gottloserweise an ihm vergriffen hatte; allein niemand konnte das Verlorne wiederfinden, niemand den Dieb entdecken. Noch mehr ergrimmte der Fürst Omega, sein Bruder, als er merkte, dass ihm sein ganzer Hofstaat gestohlen war, nicht einmal einen Bedienten hatte er übrigbehalten, der ihm den Tee auftragen konnte. Beide Brüder urteilten mit vieler Einsicht, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Omega starb, und sein Bruder musste sich immer noch ohne Physiognomie behelfen.

Ein Page, der zu dem gestohlnen Hofstaat gehörte, bekam einmal den sauern Dienst, der Prinzessin Frissmich-nicht die Schleppe zu tragen; sauer war der Dienst gewiss, so wenig Talent ausserdem dazu gehören mag, eine Schleppe zu tragen, denn sie hatte die Gewohnheit, im Gehen beständig zu taumeln, wie die hamburgischen Leichenträger, und sich oft so schnell herumzudrehn, dass der arme Schleppenträger sehr fest auf seinen Füssen sein musste, wenn er nicht an die Wand geschleudert sein wollte. Alle hatten den Dienst, seiner grossen Schwierigkeiten ungeachtet, mit vielem Verstand und Klugheit ohne Leibesschaden verrichtet; nur dieser einzige,