muss misstrauisch sein. Schaff mir den roten Stuhl aus den Augen, damit ich nicht versucht werde, ihn noch einmal zu brauchen."
"Nein", sprach das Vögelchen, "du sollst ihn brauchen, aber mit mehr Klugheit. Sagt ich dir, dass du Leute darauf sitzen lassen solltest, die schon in deinem Dienste sind? Sagt ich nicht ausdrücklich: Lass jeden, dem du einen Dienst anvertrauen willst, zur probe auf diesem stuhl sitzen? Niemand kann dir nur fünf Jahre dienen, ohne wider sein Wissen und Wollen seine Pflicht zu verletzen; der ehrlichste Mann muss oft wider seine Neigung dir schaden, um sich nicht von einem Mächtigern schaden zu lassen; er muss die Pflicht seinem Wohlsein aufopfern, wenn er nicht verhasst und unglücklich werden will. Drum befreie dich nur von den wenigen, denen der Stuhl die grössten Schmerzen verursachte; die übrigen halte für ehrliche Leute und traue jedem so lange, bis du ihn ertappst; aber nimm keinen an, der nicht ohne Kolik vom roten stuhl aufsteht."
"Dein Rat ist nicht übel", antwortete der König. "Das Misstrauen machte mich so unglücklich, als ich in meinem Leben noch nicht war. In Zukunft will ich's schon besser machen."
"Ich verlasse dich", sprach das Vögelchen, "und komme nicht eher zurück, als bis du den zweiten Fehler gemacht hast", und sogleich verschwand es.
Der König entfernte alle, denen der Stuhl die grössten Konvulsionen machte, und fand ohne Schwierigkeit soviel andre, die ohne Schmerzen vom Probesitze aufstanden. "Das Vögelchen ist wahrhaftig nicht dumm", sprach er voll Freuden, da die Proben so gut abliefen. "Die Menschen sind herzlich gern ehrliche Leute, aber Not, gelegenheit und Interesse erlaubt den meisten nicht, es zu bleiben. Wie gut, wenn man ein wenig Philosoph ist und schliessen gelernt hat!"
Er verwandelte seitdem sein Misstraun so sehr in unbeschränktes Vertraun, dass er niemand für keinen ehrlichen Mann hielt, wenn man ihm gleich bewies, dass er's nicht war, und um sein Vertrauen und seine milden Gesinnungen recht durch die Tat zu zeigen, steckte er seine gnädige Hand in den grünen Sack und beschenkte jeden, der beschenkt sein wollte. Die Zahl der Liebhaber wuchs mit jeder Stunde: Sie krochen, schmeichelten, bettelten, rühmten ihre Verdienste, ihre Treue, ihren alleruntertänigsten Gehorsam, keiner ging mit leerer Hand hinweg.
Der König wollte sich eben über seine Milde und seinen unerschöpflichen Sack freuen, als er das Vögelchen auf der Schulter erblickte; er erschrak, dass er den grünen Sack aus der Hand fallen liess. "Du Freudenstörerin!" rief er, "willst du mir nicht schon wieder einen Fehler aufbürden? Komm und tadle mich! Hab ich nicht mit wahrer königlicher Freigebigkeit gehandelt?"
Das Vögelchen: "Ihre Majestät haben während Ihrer viertägigen Regierung den zweiten Fehler begangen."
Der König: "Sage mir, welchen! Ich fodre dich auf."
Das Vögelchen: "Sieh nur, wen du beschenkt hast, und dann wird dir dein erleuchteter Verstand statt meiner antworten. Die Elendesten, Verächtlichsten, Verdienstlosesten im ganzen Reiche genossen deine Freigebigkeit, kriechende Bettler, niederträchtige Schmeichler. Das wahre Verdienst fühlt zu sehr seinen Wert, um dir deine Gnade abzuschmeicheln oder abzubetteln; du bist sie ihm als einen Tribut schuldig, und es mahnt dich nicht, wenn du ihn nicht freiwillig entrichtest."
Der König: "Du magst wohl recht haben, aber du machst mir's wahrhaftig ein wenig zu sauer, Regent zu sein. Du musst in der geschichte so unwissend sein wie ein neugebornes Kind, wenn du verlangst, dass man alles so genau nehmen soll."
Das Vögelchen: "Ich verlasse dich und komme nicht eher wieder, als bis du das erste Lob verdient hast."
"Ich wollte, dass du nie wiederkämst", rief ihm der König nach, als es verschwunden war. "Man wird eines solchen Hofmeisters überdrüssig, der den ganzen Tag moralisiert und dem man keinen Schritt nach seinem wunderlichen kopf recht machen kann. Ich will einen andern Weg einschlagen, um gross zu werden; ewig still zu haus zu sitzen und in der besten Absicht die grössten Fehler zu begehn, das führt zu nichts. Du sollst mich schon loben müssen, wenn ich den halben Erdboden erobert habe; wag es alsdann jemand, mir einen einzigen Fehler vorzuhalten! Ich will Krieg anfangen und die eine Hälfte der Erde zur Wüste machen, damit die andre vor mir zittert."
Sogleich liess der König alle Bauern mit Pflügen aufbieten und alle Felder seines Reiches umackern; er reiste in eigener person herum und streute aus der goldnen Büchse den goldnen Samen aus; wohin ein Korn fiel, da wuchs ein bewaffneter Krieger hervor. Das Schauspiel war ungemein belustigend, als ganze Regimenter mit klingendem Spiele und unter Abfeurung des groben Geschützes hervorsprangen. "Halt, richtet euch!" – "Rechts um schwenkt euch!" – "Das Gewehr auf die Schulter! Marsch!" – so brüllten auf allen Seiten die fürchterlichsten Stimmen durchs ganze Land; die halbe Erde hätte schon vor dem blossen Geschrei zittern mögen.
Mit rotem Federhut und aufgeblasnen Backen
hebt ein Trompeter hier Trompet und Nacken,
Lautschnatternd "Treng, Treng, Treng" aus einer
Furch empor;
Dort fahren hoch in die Luft zwei Paukenklöppel
hervor
Und schlagen den klanglosen Acker mit
ungeduldiger Hitze,