1784_Wezel_127_4.txt

Pferde setzen, die Laufer voranrennen und die Bedienten nachfahren; der Zug ging so schnell, dass bei Tagsanbruche die erste Kutsche schon auf dem Schlosshofe der Königin Ypsilon war, und die Sonne stand noch nicht über dem Horizont, als sich schon die Kammerjunker pudern liessen.

Kakerlak mit seiner gestohlnen Physiognomie wurde überaus gnädig empfangen und eroberte das Herz der Königin mit dem ersten Komplimente, als er ins Zimmer trat; so geschwind ging es vermutlich nicht zu, wenn nicht eine Hexe die Hand im Spiele hatte. Die Königin wurde bei jedem Worte verliebter und fiel schon bei dem Handkuss ihres Gastes in Ohnmacht; nach der Tafel warb er um sie, wurde noch vor Einbruch der Nacht ihr Gemahl und des Morgens darauf zum König in Butam ausgerufen. Jedermann glaubte, es wäre der Prinz Alfabeta, da es doch eigentlich nur seine Physiognomie war.

Als der neue König am zweiten Morgen auf der Bergere lag und über den Plan seiner Regierung nachdachte, setzte sich ihm das Vögelchen auf die Schulter und flisterte ihm in die Ohren: "Hast du noch Langeweile wie bei deinen grossen Büchern, als du den Stein der Weisen suchtest?" – "Nein", antwortete der König, "aber Sorgen. Ich möchte nicht gern bloss ein König sein; ich wünschte, ein grosser König zu werden, und habe die ganze Nacht gesonnen, wie ich's werden soll." – Das Vögelchen unterbrach ihn: "Geruhen Ihre Majestät, sich ins Nebenzimmer zu begeben und dreimal die letzte Silbe Ihres vorigen Namens auszusprechen, und Sie können ein grosser König werden."

Der König stand auf, ging ins Nebenzimmer und rief dreimal "Lak", und plötzlich lag vor seinen Füssen ein grünes Säckchen, eine goldne Büchse und ein roter Nachtstuhl. "Was soll mir dieser Plunder?" fuhr der König unwillig auf, der seinen neuen Stand schon ein wenig fühlte. "Verzeihn Sie in Gnaden", erwiderte das Vögelchen, "mit diesen drei Möbeln sollen Sie ein grosser König werden. Sobald Sie eine Anstalt machen wollen, die Geld erfodert, es sei, soviel es will, so greifen Sie in diesen grünen Sack: Je tiefer Sie greifen, desto grösser wird er; je mehr Sie Gold herausnehmen, desto mehr wird darinne sein. Sobald ein neidischer Nachbar Ihnen den Krieg ankündigt, so öffnen Sie Ihre goldne Büchse: Wo Ihre Majestät die goldnen Körner darinne hinstreuen, werden Soldaten aus der Erde hervorwachsen, Reiter und Fussvolk, völlig bewaffnet, montiert und equipiert, ohne dass Sie ihnen einen Knopf auf den Rock oder ein Hufeisen ans Pferd zu kaufen brauchen. – Aber", setzte das Vögelchen warnend hinzu, "gebrauche beides mit Überlegung; trage beides beständig bei dir, und lass keine Hand ausser deiner in den Sack greifen oder die Büchse öffnen, denn – "

"Glaubst du, dass ich so schwer begreife?" unterbrach sie der König mit Empfindlichkeit. "Fast sollte man glauben, dass du der Philosoph gewesen wärst und nicht ich; denn du willst beweisen, dass am Mittage Tag ist. Ich verstehe deine Warnung und werde ihr folgen. Ich danke dir für beide Geschenke; aber hier diesen roten Nachtstuhl schaff mir augenblicklich aus den Augen; es ist ja ganz wider den guten Geschmack, so eine Möbel im Zimmer zu haben."

Das Vögelchen: "Hier irren sich Ihre Majestät während Ihrer zweitägigen Regierung zum ersten Male!"

Der König: "Unverschämte! Wofür wär ich denn König, wenn ich mich irrte?"

Das Vögelchen: "Dies verächtlichste Bedürfnis unter allen menschlichen Bedürfnissen soll die Grundfeste deines Trons werden. Sooft du jemand einen Dienst anvertrauen willst, so lass ihn vor allen Dingen zur probe auf diesem stuhl sitzen; bleibt er ohne Schmerzen, so ist er ein ehrlicher Mann; krümmt und windet er sich, als wenn ihn die Kolik plagte, so ist er ein Schurke, und du kannst ihn auf der Stelle hängen lassen. Ich verlasse dich, und wenn ich zu dir zurückkomme, so ist es ein Zeichen, dass du einen Fehler machtest."

Der König wollte seiner Beschützerin danken, aber sie war verschwunden, eh er die Lippen öffnete. "Gut", sagte er zu sich, "mit dem stuhl musst du die erste probe machen."

Er liess augenblicklich alle seine Räte und Beamte an den Hof berufen, und jeder musste in seiner Gegenwart probe sitzen. Sein Schatzmeister hatte kaum den Stuhl berührt, so schrie er wie ein Besessner; sein Justizaufseher sank vor Schmerzen mit dem Kopf in den Schoss, und die Kammerbedienten bekamen Konvulsionen; allen ohne Ausnahme machte der verdammte rote Stuhl eine Kolik.

"Soll ich denn die Leute alle hängen lassen?" sagte der König betrübt zu sich. "So muss die eine Hälfte meines Reichs zu Scharfrichtern und Seilern werden, damit es der andern nicht an Stricken und Henkern fehlt."

Indem er traurig so klagte, sass ihm unbemerkt das Vögelchen auf der linken Schulter und flisterte ihm ins Ohr: "Ihre Majestät haben während Ihrer dreitägigen Regierung den ersten Fehler gemacht."

"Was?" rief der König erzürnt. "Du willst mich eines Fehlers beschuldigen, nachdem du mich mit deinem verwünschten roten stuhl unglücklich machtest? – Er hat mir die traurige Überzeugung verschafft, dass mich lauter Schurken umgeben; möchten sie es doch sein, wenn ich's nur nicht glauben müsste! Ich bin ein unglücklicher König, denn ich