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Bäume und Grashalme am unrechten Orte wuchsen, und beschloss, ihn seinen Gläubigern preiszugeben. Damit waren aber die unhöflichen Herren nicht zufrieden, sondern baten sich auch Häuser, Möbeln und die übrigen sämtlichen Habseligkeiten aus. Voll Verzweiflung flüchtete Mylord und Mylady in ein Dorf, entsagte auf immer allem Vergnügen und vergass, dass seine Beschützerin eine Hexe war, die durch ihn befreit sein wollte. Die Gemahlin hatte heimlich ihre Ringe mit sich fortgebracht; sie wurden verkauft, und von dem gelösten Gelde beschlossen die beiden Unglücklichen, in stiller Einsamkeit, der Welt und ihren Freuden abgestorben, ohne übernatürlichen Beistand zu leben. Tausendschön weinte; Schabernack lachte.

Um ihm sogar diese kleine Ruhe zu verbittern, holte die Schadenfrohe seine Bücher nebst der ganzen stube herbei, wie er sie vor seiner Auswanderung nach dem Vergnügen verliess; er sollte nicht ohne Vergnügen sein, um eins überdrüssig werden zu können. Wie wenn man nach vielen, vielen Jahren einen Freund wiederfindet, den man schon so lange für tot hielt, dass sein Andenken fast erloschen war, so lief jetzt Kakerlak zu seinen Büchern hin. "Willkommen, Freunde!" rief er entzückt. "Willkommen, ihr teuern gefährten meines Lebens, eh ich undankbar euch verliess! Ich durstete nach Vergnügen und fand keins; ich irrte von einem täuschenden Schimmer zum andern, hielt es für ein Vergnügen und betrog mich; ein leuchtender Dunst war es, der aus einem Moraste aufstieg. Weg mit den Puppen! Ich bin kein Kind mehr. Ihr seid zwar auch nur Puppen, aber doch männliche Puppen; ihr seid zwar auch nur Spiele mit Gedanken, wie andere mit Würfeln oder gemalten Blättern spielen, aber doch edlere Spiele des Geistes. Willkommen! Nie will ich an euch die zweite Undankbarkeit begehn."

Hexe Schabernack, was wird das werden? Du hast dich vermutlich in deiner eigenen Schlinge gefangen, denn der Mann scheint Wort halten zu wollen.

Der Heimtückischen fing an bange zu werden, weil nichts in der Welt ihn von seiner Philosophie abzubringen vermochte. Sie spielte ihm mit des Prinzen und der Prinzessin hülfe tausend possierliche Streiche; sie verwandelte die Buchstaben vor seinen Augen und füllte seine Bücher mit Irrtümern, Zweifeln, Paradoxien, Widersprüchen, Ungereimteiten, närrischen Hypotesen und wunderlichen Meinungen an; nichts konnte ihn in seinem Vergnügen stören. "Der Mensch soll nicht wissen, sondern nur vermuten, nicht geniessen, sondern nur Genuss hoffen und träumen, nicht glücklich sein, sondern sich glücklich dünken" – das blieb seine Philosophie, womit er alle Gaukeleien entschuldigte, die sein Vergnügen stören sollten.

Stimmen riefen ihm von allen Seiten zu: "Kakerlak, so ein weiser Mann bist du und spielst? Spielst mit Büchern und Gedanken?" – "Das ganze Leben ist ein Spiel", antwortete Kakerlak. "Das Kind spielt mit Puppen oder Trommeln, der Jüngling mit Hunden und Pferden, das Mädchen mit der Liebe, mit Stoffen und Bändern, die Grossen mit Soldaten, Sternen, Stammbäumen, Ordensbändern, die Kleinen mit Titeln, Männer und Weiber mit Karten, Würfeln und Kegeln, der Weise mit Gedanken und Empfindungen. Wenn alles spielt, warum sollt ich allein es nicht tun?"

Er wurde krank und kämpfte mit tausend Schmerzen. "Unglücklicher Kakerlak!" riefen ihm Prinz und Prinzessin zu. "So ein verdienstvoller Mann und musst so leiden!" – "Ich leide, aber ich bin nicht unglücklich", war Kakerlaks Antwort, "denn noch ist mein Herz nicht zur Fröhlichkeit stumpf."

"So ein weiser Mann", riefen sie zu einer andern Zeit, "und freut sich! Freut sich wie gemeine Sterbliche über ein Blümchen, einen Baum, einen romantischen Felsen, über Wasserstürze, Sonnenschein und Regen! Wie erniedrigst du deine erhabne Seele." – "Weit gefehlt!" sprach Kakerlak lachend. "Die Freuden der natur sind mein Beruf; alles, was Menschen ersannen und Vergnügen nannten, ist nur eine Krankenspeise; die gesunde Seele will nichts, was nicht von den Händen der natur kommt."

"Armer Kakerlak! Lebst so einsam und still ohne alles Vergnügen."

"Mein Vergnügen ist niemals um, sondern in mir; andere suchen es, ich trag es beständig mit mir herum."

"Armer Mann! Der Hagel hat dir dein kleines Blumenbeet zerschlagen, deinen einzigen Reichtum."

"Auch gut! So pflanz ich neue Blumen und gewinne durch meine Arbeit neue Hoffnungen."

"Armer Weiser! Bald wirst du im grab liegen und ein Häufchen Knochen und Staub sein."

"Auch gut! So quält mich die elende Maschine mit keinem Bedürfnisse mehr."

Da Schabernack sah, dass mit dem hartnäckigen Weisen nichts auszurichten war, machte sie einen Versuch, ihn auf einer andern Seite anzugreifen. Der Prinz Alfabeta reiste mit der entführten Königin Ypsilon noch immer in der Welt umher, um die verlorne Physiognomie zu finden; die Hexe leitete diese beiden Abenteurer zu Kakerlaks wohnung und freute sich über den Krieg, den die Physiognomie veranlassen würde. Sie mutmasste richtig; denn kaum erblickte der Prinz sein Eigentum auf einem fremden gesicht, so griff er ebenso derb zu, als da er den unrechtmässigen Besitzer desselben aus dem Schnee zog. "Au weh!" schrie der Prinz und fuhr zurück; das Vögelchen, worein Hexe Tausendschön gebannt war, sass auf ihres Lieblings gesicht, deckte es mit seinen Flügeln und pickte den Herrn Prinzen, als er seine Physiognomie abreissen wollte