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unsers Wunsches wert es machtet, Ein Mensch zu sein, gebührt der schönste Hain, Der lieblichste Geruch, der lieblichste Gesang. Zwischen Tannenbüschen dreht Aus dem schönsten Birkenhain Sich der Schlangenpfad dahin, Wo ein dunkelgrüner Wald Düster auf dem Berge steht. Ihn weihte sich die Spekulation. Sie wandelt hier am Arm des Tiefsinns ernstaft Im finstern Schatten tiefgesenkter Äste. Bald leitet sie den Treuen, der ihr folgt, Zum lichten gang, wo durch die hohen, glatten

Stämme

Der Himmel lächelnd blinkt; bald führt sie ihn In Finsternis, wo der Erschrockne steht Und sinnt, sich mit Entschlossenheit zu rüsten, Eh er den Schritt ins heil'ge Dunkel wagt. Wie schweigt der Wald in tiefster Einsamkeit, Als wäre Leben, Regsamkeit und Ton Aus der natur auf einmal weggenommen! Die Schöpfung ganz in Todesschlaf versenkt! Wie spannst du, heil'ger Ort, des Geistes Flügel Zu hohem Flug! Wer hier nicht denkt, denkt nie. Zwischen Strauch und Dornen weht Sich der Schlangenpfad herab. Über Stein und Wurzeln muss Mühsam sich der matte Fuss, Wie der Denkende durch Zweifel, leiten, Bis nach Strampeln, Taumeln, Gleiten Vor dem See der Müde steht. So staunt, wie hier, wenn von dem Ozean Der Reisende die Küsten übersieht, Die Griechenland mit Marmortempeln schmückte, So hängt der blick an den erhabnen Trümmern. Im Sonnenglanz, umwebt von grünen Sträuchen, Steigt dort vom Hügel auf ein Säulengang, Zu dem hinan Apolls geweihte Priester Auf breiten Stufen einst voll Andacht schritten. Bald kahl, bald mit Gebüsch bekrönt, erheben Am Ufer hin sich Hügel über Hügel Und bilden uns den Sitz der Musen ab. Trag uns, Gondel, durch den See Von dem reizenden Prospekt Zu dem Ufer, wo das Reh Sich, bald sichtbar, bald versteckt, Unter hohen Pappeln neckt. Ha! welche Kluft empfängt uns am Gestade! Ein langes Tal, das durch zwei Reihen Berge Sich krümmt und drängt; ein kleiner Bach rauscht

mitten,

Von Gras und Blumen halb verdeckt, dahin Und bringt dem See sein Strömchen zum Tribut. Schon braust durch Bäum und Strauch der Wasserfall Mit näherndem Geräusch; der schmale Weg Schleicht, tausendfach gewunden, durch die Wildnis, Und oh! – wer zauberte den grünen Grund Mit Schafen, Hirten, Bächen schnell daher? – Willkommen uns! geliebte Hirtenszene, Von Felsen rings umfasst, worein mit Mühe Der krumme Baum die durst'ge Wurzel gräbt, Wo Strom auf Strom, wie straff gespannte Segel, Vom höchsten Gipfel stürzt, von Fels zu Fels Emporgeschleudert tanzt, sich schäumend bricht, Bald wie geballter Schnee durch Stein und Wurzeln Mit Zischen wälzt und bald wie Perlen rollt, Dann mit vereinter Macht hinab zur Tiefe Wie in Verzweiflung schiesst, wo ein gekräuselter

Wirbel

Mit hohlem Brausen die fliehende Nymphe

verschlingt.

So flohen oft des Nereus keusche Töchter, Verfolgt von den Bewohnern des Olymps, Verzweiflungsvoll in des Vaters arme herab. Das wasser braust, die Herde blökt, Die Hirten flöten, Bäum und Felsen horchen; O glücklich, wer mit offnen Sinnen hier Im Schatten liegt und hört und sieht und fühlt! Glücklicher Kakerlak, wer kann dein Entzücken beschreiben, als du zum ersten Male den Wassersturz rauschen hörtest, den du der natur zum Trotze an einem Orte schufst, wo sonst kein wasser war? "Glücklicher Kakerlak", rief Hexe Tausendschön, "wie kannst du eines Vergnügens satt werden, das dich dem Schöpfer der natur gleichsetzt? Du riefst Berge, Täler, Wasserfälle, Seen und Wälder aus dem Nichts, pflanztest Schatten, wo die Sonne den Kopf verwundete, und bahntest Wege, wo die Wildheit keinen Fuss wandeln liess. Glücklicher Kakerlak! Du wirst deine Beschützerin erlösen."

Schabernack hatte durch ihre Kunst die Wunden des Prinzen und der Prinzessin unschädlich gemacht und stahl sie aus dem Antikenkabinett, um sie im Garten zu ihren Tücken zu gebrauchen. Stand der Lord vor einer langgedehnten Wildbahn und bewunderte mit Entzücken den sanften, feinen Rasen, der wie ein grüner Teppich ausgebreitet dalag, so musste die Prinzessin mitten auf den Platz als ein alter verdorrter Baum hintreten. Kakerlak entrüstete sich, dass eine so hässliche Missgeburt die schöne Grasebne schändete, und befahl dem Gärtner, den abscheulichen Baum augenblicklich zu vertilgen; der Gärtner frage immer: "Wo? wo?", und strengte seine Sehnerven an, dass sie beinahe zerrissen, und wenn er so viele Augen hatte wie Argus, so sah er nirgends einen Baum. Der Lord erzürnte sich noch mehr, führte den Gärtner auf den Platz, wo er den Baum sah, und waren sie dort, so war der Baum hier, gingen sie hieher, so war der Baum dort. So wurde der elende glückliche unaufhörlich gequält: Wo er ging und stand, liess die Hexe Grashalme aus den glatten geschlängelten Gängen hervorwachsen; er befahl dem Gärtner, sie auszurotten, aber der arme Mann sah jetzt so wenig Grashalme als vorhin einen Baum. Sollte der Wasserfall rauschen, so steckte Schabernack den Prinzen in die Röhre, und das wasser lief so schwach, dass man's kaum rauschen hörte; die Röhren wurden gesäubert, aufgerissen, neue hineingelegt; es blieb wie zuvor.

So viele widrige Zufälle verbitterten das Vergnügen schon sehr; nun fanden sich noch dazu täglich mehr Gläubiger ein, für deren Geld der Garten angelegt war, mahnten und drohten, da sie nicht befriedigt wurden. Kakerlak war ohnehin schon eines Gartens überdrüssig, wo unaufhörlich