Er konnte sich an nichts ergötzen, keine Schönheit bewundern noch fühlen; denn in seinem herz wütete eine leidenschaft, die ihn lebendig aufzehrte, weil sie sich nicht befriedigen liess. Wie oft wollt' er alle Antiken hingeben, wenn er damit das Talent der Dichtkunst erkaufen könnte! "Wie beneid ich die Leute", rief er, "die weder Antiken noch Gemälde haben, aber Verse machen können! Ohne Verse ist die Liebe nur halb; wenn das Herz überfliessen will, giesst man seine Empfindung in Verse aus; jeder Seufzer, jedes Ächzen, jeder Atemzug ist noch einmal so viel wert, wenn er versifiziert wird; dann muss es Lust sein, sich zu verlieben, wenn man Verse macht. O ihr glücklichen Leute, die ihr keine Antiken habt, aber Verse machen könnt!"
So quälte er sich den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend, und des Nachts quälte ihn Hexe Schabernack. Sobald er in Myladys Armen und sie in den seinigen Schutz suchte, fing der steinerne Antick an zu fluchen wie ein Bootsknecht, und die Königin Ypsilon weinte, dass es ein Jammer war; dies unglückliche Konzert liess keins von den beiden Verliebten Trost finden.
Wer die saiten zu hoch spannt, zersprengt sie; da es der tückischen Hexe so gut gelang, das Vergnügen des Geschmacks durch eine beigebrachte leidenschaft zu verleiden, so glaubte sie, ihm das Leben ganz zu verbittern, wenn sie die beiden Figuren am Bette lebendig machte, aber das war falsch geschlossen. Als Mylady des Morgens voll sehnsucht und Bekümmernis nach der geliebten Figur hinsah, öffnete das steinerne Bild plötzlich die Augen, es bewegte die Lippen, bewegte die Schultern, sah sich verwundert um, fing an zu gehen, und kaum hatte der Neubelebte sich in seinem nackten Zustande erblickt, so rennte er beschämt in die Garderobe, um sich und andern nicht länger anstössig zu sein. Mylady sprang auf, schlug voll Freuden in die hände, warf sich auf die Knie und rief: "Gedankt sei dir, unsichtbare Wohltäterin, die du ihn belebtest! Gedankt, dass du mir den liebsten Wunsch meiner Seele gewährtest! Er lebt! Wer kann mein Entzücken aussprechen? Er lebt!" – Im Taumel der Wonne vergass sie Anständigkeit und Klugheit, und ohne zu bedenken, dass sie nur im Nachtkleide war und dass ihr Mann diese freudigen Aufwallungen sah und hörte, eilte sie der angebeteten Figur nach.
Mylord war schon mit der nötigsten Bedeckung zustande und warf eben den grünen Jagdrock über, als Mylady nach langem Suchen in allen Zimmern hereintrat. "Gott!" rief sie und bebte vor Schrecken zurück, als sie sah, dass es ihr voriger Gemahl war. Das ist ja mein Mann! dachte sie. Wusst ich das, so erspart ich mir meine Liebe. Mylord wollte ihr ein Kompliment über ihr unvermutetes Wiedersehn machen, aber sie liess ihn nicht ausreden, sondern lief wie rasend im haus herum und schrie: "Diebe! Diebe!" Die Bedienten eilten herbei und ergriffen die Waffen, die sich ihnen zuerst darboten, um den vermeinten Dieb zu vertreiben. Mylord widersetzte sich zwar mit allen Kräften, allein da er merkte, dass seine Gegner keinen Spass verstanden, so gab er sich mit so plumpen Leuten, die unhöflich dreinschlugen, nicht weiter ab, sondern ging zur tür hinaus, so weh es ihm tat, dass er sich aus seinem eignen haus vertreiben lassen musste.
Unterdessen hatte Kakerlak kein schlechteres Abenteuer: Mit dem blick unbeweglich auf den geliebten Marmor geheftet, wurde er kaum gewahr, dass Mylady aus dem Bette sprang und einem lebendig gewordenen Steine nachlief; denn in dem Augenblicke, da dies geschah, öffnete seine marmorne Dame die Augen, lächelte zu ihm hin und breitete die arme aus; er musste sich lange besinnen, ob er wachte oder träumte. Kaum war er mit sich einig, dass er wirklich wachte, so erblickte die Dame ihren nackten Zustand und fiel vor Entsetzen über eine so himmelschreiende Unanständigkeit in Ohnmacht. Kakerlak wollte in der Schamhaftigkeit auch nicht zurückbleiben und warf erst seine Decke über sie her, eh er ihr zu hülfe kam. Die Ohnmacht war so hartnäckig, dass sie sich durch die stärksten stinkenden und wohlriechenden Sachen nicht vertreiben liess; ich wundre mich, dass die Dame jemals wieder aufwachte; denn ihre Situation war so schrecklich für eine empfindsame Seele, dass unter Hunderten kaum eine in so einem Falle ohne Sterben davonkäme; aber so weit trieb sie es glücklicherweise nicht, sondern gab wirklich schon Zeichen des Lebens von sich, als Mylady zurückkam und ihrem Gemahl berichten wollte, wie glücklich sie gewesen wäre, Diebstahl, Mord und Blutvergiessen im haus zu verhüten. Das Wort starb ihr auf der Zunge, da ihr die ohnmächtige Dame mit ihrer sonderbaren Bekleidung in die Augen fiel; in dem Augenblicke, da sie losbrechen wollte, erkannte Kakerlak die Königin Ypsilon. Bist du es, die ich so feurig liebte? dachte er bei sich und verstummte. Wusst ich das, so erspart ich mir mein Härmen, Seufzen und Klagen; denn wir waren ja lange genug Mann und Frau, um uns von Liebesschmerzen zu heilen. Indem öffnete die Ohnmächtige die Lippen, um wegen ihrer schlechten Bekleidung um Vergebung zu bitten; aber Kakerlak kam ihr mit Höflichkeit zuvor und versicherte mit einer tiefen Verbeugung, dass es gar nichts zu bedeuten hätte, dass eine Dame von ihrem stand tun könnte, als wenn sie zu haus wäre. Darauf wandte er