! spricht ihr blick, da! sieh ein andermal, Was du nicht sehen sollst!, indem der Wasserstrahl Aus ihrer Rechten fährt, der in so kurzer Zeit Geweihe schafft, dass man das Lauschen schön bereut. Indessen fliehn mit zugewandtem rücken, Mit scheu zurückgeworfnen Blicken Die zücht'gegen Nymphen zitternd fort, Um auf den Schreck und auf das viele Schämen Ein niederschlagend Pulver einzunehmen. "Ah!" ruft Lord Kakerlak und eilt zu einem Gemälde. Gewandlos schlummert dort Auf einem Rasenbette Der Liebe Göttin, und ihr Sohn Knüpft tändelnd eine Blumenkette Ihr um den Arm. Vor ihres Vaters Tron Stand nie die Mutter aller Reize So schön wie hier. Mit nimmersattem Geize Hängt an Gesicht, an Brust, an Schoss und Hand Des Lords entzückter blick, und seufzend reisst Er sich wie jeder los, der vor dem Bilde stand, Und spricht, wie jeder sprach, mit traur'gem Geist: "Ach, wenn ein Kuss die Frau beleben könnte Und sie der Himmel mir alsdann statt meiner
gönnte!"
In stiller Demut hängt Die Mutter Gottes ihr zur Seite; Mit mütterlicher Lust sieht die Gebenedeite, Wie sich ihr einz'ger Sohn am vollen Busen tränkt. Der Zufall paarte hier, was man zu paaren scheut – Der Wollust höchsten Reiz, den Reiz der
Frömmigkeit.
Kakerlak ging in ein andres Zimmer. Hier strömt in Schlachten aus ehernen Schlünden Das Feuer, hier regnen Kugeln, hier winden, Zerstückt, zertreten im blut'gegen Gewühl, Sich sterbende Rosse, sich sterbende Krieger. Mit rasender Mordsucht und ohne Gefühl Zerfleischen sich Menschen wie grimmige Tiger. Hier lodern, in Dampf und Flammen gehüllt, Belagerte Städte; dort schwimmt auf den Wellen Die kriegende Flotte. Das auge erfüllt, Wohin es sieht, des Mords und der Verwüstung Bild. Kakerlak hatte noch zuviel friedliebendes philosophisches Blut in den Adern, um hier lange zu verweilen; er ging von der Zerstörung Zur schönen lächelnden natur, Die in der Felsenkluft und fruchtbeladnen Flur, Im düstern Fichtenwald und lichten Hain entzückt. Wie ruhig lehnst du dort am Baume, wie beglückt, Du froher Schweizerhirt, und bläst dein Abendlied, Indessen dass durchs Tal die Herde langsam zieht Und über dir vom Strahl der Abendsonne Gebüsch und Fels in rotem Feuer glüht. "Ich durste!" ruft beim Baurenschmaus Der Trinker dort und streckt das Glas halbtaumelnd
aus;
Ein andrer klopft bedächtig an die Tonne, Zu hören, ob ihr Klang dem Gaum noch viel
verspricht;
Am Seitentische dampft, dass man das matte Licht Kaum flimmern sieht, des Dorfes Magistrat Mit ernster Gravität und wohlgenährten Bäuchen. Voll Ehrfurcht nimmt, indem er sich den Herren naht, Um mit dem langen Span ins trübe Licht zu reichen, Der Bauer dort das pelzne Mützchen ab. Wie streicht der Musikant die kreischenden saiten
herab!
Wie dreht an ihres Korydons arme Mit schwankendem Rocke das glühende Mädchen
sich um!
Selbst weise Mütter entsagen dem Harme Und tanzen verjüngt die Nahrungssorgen stumm. Wer ist glücklicher als Kakerlak, der so viele Schönheiten der Kunst besitzt? Der sich mit ihrem Anblicke laben kann, sooft es ihm gefällt?
In den ersten Tagen fühlte er sein Glück kaum: Er war hingerissen, überrascht, überfüllt. Mylady wollte immer viel von seiner Reise wissen, aber sie erfuhr nichts; denn der glückliche wusste nicht mehr, dass er eine getan hatte. Er war von dem Vergnügen, das ihm seine Gönnerin verschafft hatte, berauscht wie ein Trunkener, und Hexe Tausendschön sang schon in Gedanken das Triumphlied ihrer Befreiung; denn wie könnte eine edle Seele, die Gefühl für die Schönheit besitzt, des Vergnügens an der Kunst jemals überdrüssig werden?
Die mitgebrachte antike Gruppe war bei weitem nicht so schön als die schlechteste im saal; gleichwohl zog sie Kakerlaks Blicke mehr an sich als die übrigen; wenn er alle seine Kyteren nach der Reihe angesehn hatte, kam er allemal zur Königin Ypsilon zurück. Mylady war sonst keine Liebhaberin von den Schönheiten der Kunst, aber sie wusste sich selbst es nicht zu erklären, warum sie jetzt einen so gewaltigen Trieb nach dem Antikensaale empfand; und wenn sie alle Apollo, Antinous und Faune angesehn hatte, kam sie jedesmal zur Figur des versteinerten Lords Antick zurück. Es liess sich nichts anders vermuten, als dass es Hexerei wäre, und das war es wirklich; denn unterdessen hatte sich die schadenfrohe Schabernack durch die vielen Erdlagen, durch Kies, Steine, Ton und wasser aus dem Mittelpunkte der Erde wieder heraufgearbeitet und flog überall herum, ihre Feindin aufzujagen. Sie spürte ihren Aufentalt aus, und nun ist das Rätsel auf einmal aufgelöst, warum Kakerlak immer zur Königin Ypsilon und Mylady immer zum Lord Antick geht; die verwünschte Hexe schuf den beiden Steinfiguren so unwiderstehliche Reize, dass wirkliche Liebe daraus wurde.
Wie bei dergleichen Vorfällen die Weiber immer sinnreicher sind als die Männer, so geriet auch hier Mylady zuerst auf den Einfall, die geliebte Figur in ihr Schlafzimmer zu stellen; sie tat ihrem Gemahl den Vorschlag, weil ihm als einem Liebhaber der Antike eine solche Verzierung des Betts sehr angenehm sein müsste. "Ich bin es wohl zufrieden", antwortete der Lord, "aber da sich solche Verzierungen ohne Symmetrie nicht gut ausnehmen, so will ich diese weibliche Figur (wobei er auf die Königin Ypsilon wies) daneben stellen." – So war beiden geholfen.
Was nützten dem armen Kakerlak alle die herrlichen Kunstwerke, was alle Pracht, aller Geschmack in seinen Zimmern?